Zur aktuellen Debatte über Sinn und Unsinn, Moral und Ethik des Fleischkonsums. Ein Kommentar.

Von Petra Steinmair-Pösel

Es ist eine emotional hoch aufgeladene Diskussion, die in den letzten Wochen zwischen Vegetarieren und Tierschützern auf der einen Seite und leidenschaftlichen oder gewohnheitsmäßigen Fleischessern auf der anderen entbrannt ist. Der direkte Anlass: Der Bestseller „Tiere essen“ des jungen Amerikaners Jonathan Safran Foer.

Eine moderne Prophetin

Wie eine moderne Prophetin kommt sie mir vor: Iris Radisch hat für die ZEIT ein leidenschaftliches Plädoyer für den Vegetarismus verfasst. Genau so radikal, vielleicht auch manchmal über das Ziel hinausschießend, wie die biblischen Propheten mahnt sie, auf das Essen von Fleisch zu verzichten. Nicht nur aus Gründen der Ökologie (Belastung der Erde durch Treibhausgase der Massentierhaltung), der Gesundheit (Zivilisationskrankheiten wie Herz- und Krebsleiden, Adipositas, Rheuma, Gicht etc.) oder der globalen Gerechtigkeit (das für die Fleischproduktion verwendete Getreide würde ausreichen, die derzeitige Weltbevölkerung zweimal zu ernähren). Sondern weil Menschen nicht das Recht hätten, ihre biologisch nächsten Verwandten, die Tiere zu quälen und zu töten. Schon gar nicht im Namen eines für sie ohnehin zweifelhaften Genusses.

Unterscheiden, nicht trennen

An ihrer Argumentation ist vieles angreifbar: So hat Markus Hofer auf die problematische Nivellierung aller Unterschiede zwischen Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt hingewiesen, die letztlich ethische Urteilsfindung verunmöglicht. Doch das notwendige Unterscheiden muss nicht Trennen, muss nicht menschliche Überheblichkeit bedeuten – auch das weiß die christliche Tradition. So erzählt die Kosmologie der großen „Kette des Seins“* nicht nur von hierarchischen Abstufungen, sondern auch von einer tiefen Verbundenheit, ja Verwobenheit allen Seins. Wo diese nicht mehr wahrgenommen wird, verliert der Mensch das Gefühl für seine Mitwelt und letztlich auch für sich selbst. Der Franziskaner Richard Rohr ist überzeugt: „Wenn man aufhört das Göttliche - das Zentrum in allen diesen sechs Gliedern - anzuerkennen, dann zerfällt die ganze Kette des Seins in seine Einzelteile. Und das ist tatsächlich passiert. Wir haben aufgehört, Gott in der Erde, in den Pflanzen und Tieren zu sehen, und so konnten wir das Göttliche auch nicht mehr in uns selbst sehen und auch nicht mehr in transzendenten Formen. Das ist der praktische moderne Atheismus.“

Leitplanken

Was aber heißt das für unsere Ausgangsfrage? Ist es ethisch vertretbar, Tiere zu essen, oder nicht? Eine eindeutige, für alle gültige Antwort ist wohl nicht möglich. Vielleicht eher so etwas wie „Leitplanken“, die sagen, was mit der Wertschätzung der uns anvertrauten Welt nicht vertretbar ist. Massentierhaltung, Tiertransporte, unnötiges Tierleid gehören sicher dazu, ebenso wie die global immer noch himmelschreiend ungerechte Verteilung von Lebensmitteln. Weil wir alle – die Autorin inbegriffen – immer auch Teil dieser Unrechtsstrukturen sind, weil wir nur allzu gern die Augen vor dem Leid der anderen verschließen, braucht es unbequeme ProphetInnen wie Iris Radisch, die den Finger in die Wunde legen und mit scharfen Worten aufzeigen, wo wir uns und andere zerstören. Und es braucht Prophetinnen und Propheten wie den alttestamentlichen Jesaja, die eine positive Vision entwerfen von dem, was sein kann.

Friedensvision

Jesaja malte das Bild einer Welt des umfassenden Friedens, der die zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso durchströmt wie die Beziehung zur Welt der Tiere und der Natur. Selbst die Tiere fressen sich nicht mehr gegenseitig: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein.“ (Jes 11,6) Texte wie dieser lassen erahnen, dass Menschen auch in jener Zeit, als sie noch wesentlich mehr auf den Verzehr von Fleisch angewiesen waren, ein tiefes Gespür dafür hatten, dass umfassender, aber aus menschlicher Kraft allein nicht herstellbarer Friede bedeuten würde, nicht mehr auf Kosten anderer zu leben. Und dass das Töten – auch das Töten von Tieren – letztlich nicht Teil der von Gott gewollten, sondern bereits einer gestörten Lebensordnung ist. Deshalb deuten sie auch den Urzustand vor der Trennung und Absonderung des Menschen vom göttlichen Ursprung („Sündenfall“) als einen, in dem sowohl Menschen als auch Tiere von pflanzlicher Nahrung gelebt haben (Gen 1,29).

Gewaltfreiheit

Ein Blick ins Neue Testament zeigt freilich noch eine andere Dimension: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein“ (Mt 15,11). Mit dieser – oft als Aufhebung aller Speisevorschriften gedeuteten – Aussage Jesu macht dieser nochmals deutlich, dass es letztlich nicht um immer pervertierbare Reinheitsge- und Verbote geht, sondern um die Qualität von Beziehungen. Grundlegend dabei sind die tief gehende Gewaltfreiheit und der Respekt vor dem Mitgeschöpf, auch dem Mitmensch. Deshalb wäre es eine Perversion ihres Anliegens, wollten moderne ProphetInnen wie Iris Radisch den Verzicht auf Fleisch gewaltsam allen verordnen – und sei es auch nur durch die subtile Gewalt des Moralismus.

*) Für Richard Rohr gibt es in der großen Kette des Seins sieben Verbindungsglieder, wie das die Franziskaner im Mittelalter gelehrt haben: Das erste Glied sind die Erde und die Mineralien in der Erde. Das zweite ist das Wasser auf der Erde, das dritte sind die Pflanzen, die Gräser, Büsche, Wälder, die aus der Erde wachsen. Das vierte sind die Tiere, jedes Glied von diesen hatte eine autonome Seele, die Respekt verdiente, weil sie lebendige Bilder des göttlichen Schöpfers waren. Nur das fünfte Glied war der Mensch. Das sechste Glied war der himmlische Raum der Vorfahren und der Gemeinschaft der Heiligen und Engel. Das siebente Glied war das Göttliche selbst.

Von Petra Steinmair-Pösel veröffentlicht am 31.08.2010

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