Eine Geschichte - ums Orgelspiel, Hilfsbereitschaft, Ökumene und Weihnachten. Von Pedro Lenz.

Pedro Lenz
Und die Kirchen blieben im Dorf

Der Berufsmann, von dem hier die Rede sein soll, war Organist. Vielleicht ist er es noch immer, aber viel realistischer ist die Annahme, er sei längst nicht mehr unter uns. Sicher ist dafür, dass er sehr lange und sehr gefühlvoll für eine reformierte Kirchengemeinde im Mittelland die Orgel spielte.

Die Beliebtheit des Organisten reichte weit über seine Kirchengemeinde hinaus. Die Leute im Dorf mochten ihn nicht nur wegen seines harmonischen Orgelspiels. Seinen guten Ruf verdankte er auch seiner weitherum bekannten Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft. Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, dass er einmal von seinem katholischen Berufskollegen um Rat gefragt wurde.

Der katholische Organist, der jung und wenig erfahren war, wusste nicht, wie er eine Passage spielen sollte, die für die anstehende Weihnachtsmesse vorgesehen war. Immer wieder hatte er das betreffende Stück geübt, aber eine besonders verzwickte Stelle wollte ihm einfach nicht gelingen. Wir musikalischen Laien, die nie an einer Kirchenorgel gespielt haben, können uns möglicherweise gar nicht richtig vorstellen, wie schwierig das Spiel mit all den Tasten und Registern zuweilen sein kann. Jedenfalls bat der katholische Kirchenmusiker seinen reformierten Kollegen, das fragliche Stück mit ihm einzustudieren. Jener nahm sich einen Nachmittag Zeit.

Wie ein geduldiger Lehrer spielte er dem andern das Stück immer wieder vor. Der katholische Organist versuchte das Gelernte umzusetzen, aber sosehr er sich auch bemühte, er schaffte es einfach nicht, fehlerfrei durch das Stück zu kommen. Seine Verzweiflung nahm im gleichen  Maße zu, wie die Aufnahmefähigkeit schwand, und je länger er übte, desto weniger konnte er es. Irgendwann begann der reformierte Organist zu begreifen, dass seine Lektion nichts mehr bewirkte. Und weil er den Glauben daran verloren hatte, dass der Junge das betreffende Stück bis zur Weihnachtsmesse lernen würde, brach er seinen Unterricht ab.

“Wann musst du dieses Lied spielen?“, fragte er „An der Morgenmesse des Weihnachtstags.“ – „Klar, das weiß ich“, sagte der Alte, “ich frage dich nur, an welcher Stelle des Gottesdienstes?“ Der katholische Organist zeigte ihm den Ablaufplan, und der andere begann mit den Fingern zu rechnen. „Was rechnest du?“, fragte der Junge. „Ich habe nur die Minuten gezählt. Hör zu, es sollte machbar sein. Wir beide spielen in unseren Kirchen um zehn Uhr das Eingangsstück. Bei uns folgen Gebet und Predigt. Meinen zweiten Einsatz habe ich frühestens um zehn Uhr fünfundzwanzig. Du musst dieses Stück nach deinem Plan um zehn Uhr fünfzehn spielen. Mit dem Wagen brauche ich von unserer Kirche zu eurer Kirche höchstens drei Minuten. Ich kann mich bei uns um fünf nach zehn  davonstehlen, dann fahre ich zu dir, du rückst zur Seite, ich spiele dir das Lied, und wenn ich mich beeile, sitze ich rechtzeitig zum Zwischenspiel wieder an meiner Orgel.“

So haben sie es gemacht, niemand hat etwas bemerkt, und die Kirchen blieben im Dorf.

aus NZZ vom 31.7./1.8. 2010

 

Von Marianne Springer veröffentlicht am 03.09.2010

Zugehörige Themen

Kirchenmusik | Advent | Weihnachten