Zu sich finden und das Gesicht nicht vergessen

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Allerheiligen und Allerseelen: Ans Leben denken - mitten drin und darüber hinaus. Von Matthias Nägele und Walter Buder.

Tausende Menschen strömen an Allerheiligen und Allerseelen auf die Friedhöfe, um der verstorbenen Verwandten und/oder Freunde/innen zu gedenken. Die Gräber sind sorgfältig mit Blumen, Bildern, Kerzen geschmückt und besondere Gottesdienste wie die Segnung der Gräber, helfen, die Erinnerung lebendig und wachzuhalten.

Vielleicht liegt in der Geschichte des Kindes, das mitten im Unterricht zu weinen beginnt, weil es das Gesicht seiner Mutter vergessen hat, etwas von dieser Tradition, die wir an Allerheiligen Jahr für Jahr pflegen. Immer wieder besuchen wir die Gräber unserer Verstorbenen und erinnern uns an ihre Gesichter. Solange die Namen der Verstorbenen in Stein gemeißelt sichtbar sind, die Verstorbenen in unseren Gesprächen Platz haben, wir uns an Episoden, Erlebnisse und Begegnungen mit ihnen erinnern, sind sie „unter uns“ und solange bleiben sie am Leben. Erst wenn sie aus der Erinnerung verschwinden, sind diese Menschen tot.

Getaufte Christen sind zudem noch getragen von einer Hoffnung, die in der Auferstehung Christi gründet. Der Tod ist nicht das Ende der Geschichte eines Menschen. Wenn auch jedes Leben zu seiner Zeit endet, geht das Fest des Lebens bei jeder Beerdigung allen Ernstes weiter und es birgt die reelle Chance, das Leben, Sterben und schließlich den Tod in den Sackgassen des Lebens -  mit all den erlittenen und zugefügten Verwundungen, all das, was uns den Atem raubte - mit einem österlichen Blick, mit den Augen des Glaubens (nochmals) wahrzunehmen. Dieser österliche Blick - geschenkt und unverdienbar, aber zugesagt - schenkt segensreiche Gelassenheit, ein ‘Sein-Lassen-Können’ - wehmütig und schmerzlich - wie es im Bild der Pièta vollendet zu seinem Ausdruck findet.

Wir werden dich nicht vergessen. In unzähligen Formen und Weisen, in eigenartig bedeutsamen Worten und Bildern findet sich dieses Versprechen in aller Öffentlichkeit gegeben. Nicht nur in Todesanzeigen und Danksagungen, Nachrufen und Leichenreden. Denn solange wir leben, spüren wir die innere „Verpflichtung“, uns der Verstorbenen, der Vorgänger/innen zu erinnern, sie zu beweinen, ihre Gräber zu besuchen und Blumen darauf zu pflanzen, den Gedenkort zu gestalten. Jede/r weiß, dass beim Blumengießen auf dem Friedhof und beim Abstauben der Fotos immer auch die Erinnerung erweckt und das An(-Dich-)Denken belebt wird. Das ist - im Hier und Heute - die Vorwegnahme einer zukünftigen, von Gottes Liebe her erhellten und angestrahlten Wirklichkeit, die Wasser wie Wein schmecken lässt, sodass das Sterben zum letzten Weg in ungeahnte Weite und der Tod zu einem Durchgang wird.

Das eigene Gesicht finden. Der Toten zu gedenken, die als Lebende unser Leben geteilt haben und unter oder gar mit uns gelebt haben, ist nicht nur etwas, das wir tun - es geschieht auch etwas mit und an uns. Es ist, als ob sie - die verstorbenen Vorausgänger/innen - uns ins Herz sprächen, uns bei der Hand nähmen. Manchmal spüren wir die Nähe eines lieben, verstorbenen Menschen, wie wenn einem Schlafenden beruhigend eine Hand über das Haar streicht. Wie unruhig und unsicher wäre ein Leben, könnte es dieses Gedenken über die Zeit hinaus nicht geben?! Findet sich nicht auch ein Stück unseres je eigenen Selbst darin, wenn wir die ernsten und fröhlichen, die schmerzgeplagten wie die vom Glück erleuchteten Gesichter erkennen, aus denen unser Antlitz geworden ist. Am Ende heißt „der Toten gedenken“ immer auch Mut zu fassen und zur eigenen Geschichte zu stehen, zum eigenen Leben und zu sich selbst in Beziehung zu treten und so in sein eigenes Leben hier und darüber hinaus zu finden und ihm ein Gesicht zu geben, das Vergangenheit und Zukunft besteht.

Das Leben, der Tod und das Gedenken sind weit mehr als privat.
Die gesellschaftliche Entwicklung der Privatisierung vom Sterben und Tod eines Menschen, die sich in den stillen Begräbnissen, den privaten Friedwäldern oder gar in der Möglichkeit der Aufbewahrung einer Urne in den eigenen vier Wänden zeigt, steht diametral im Gegensatz zum Gedenken an Allerheiligen. Wenn die Überreste „nur“ im Wohnzimmer aufbewahrt werden, dann ist das Vergessen – zumindest in der Öffentlichkeit - vorprogrammiert. Auch eine anonyme Beerdigung, bei der keine eigene Grabstätte für das Erinnern eingerichtet ist, verstärkt das schnelle Vergessen – und somit das Sterben eines Menschen.

Zum Glück bleibt beim Bestattungsgesetz die Bedingung, dass ein Teil der Asche auf einer öffentlichen Grabstätte (Friedhof oder Urnenstätte) beigesetzt wird, damit es für jeden Menschen einen öffentlichen Ort des Abschieds, der Trauer und der Erinnerung geben kann. So ist zu hoffen – und zu wünschen, dass wir uns nach wie vor an unsere Verstorbenen erinnern und an den Gräbern in Frieden der Toten gedenken können.  www.familien-feiern-kirchenjahr.at
Matthias Nägele

WISSEN: Allerheiligen & Allerseelen

  • Das „Glaubenszeugnis“ (griechisch: martyria) vieler Christen führte in der frühen Kirche zum Begriff Märtyrer (gr.: „Zeuge“). Der Glaubenstod galt und gilt als unmittelbarer Weg zur endgültigen Erlösung. Der Sterbetag dieser Menschen gilt als Geburtstag für das ewige Leben.
  • Ein Gedächtnistag aller Märtyrer ist in Rom am 13. Mai überliefert. Im Jahr 609 oder 610 wurde das heidnische Pantheon als Kirche zu Ehren der „Jungfrau Maria und aller Märtyrer“ umgewidmet. Der 1. November ist im 9. Jhdt. durch
    Ludwig den Frommen in Frankreich eingeführt worden.
  • Der Allerseelentag am 2. November geht auf Abt Odilo von Cluny zurück, der 998 ein Gedächtnis aller verstorbenen Gläubigen für alle Cluny unterstellten Klöster anordnete. Ähnliche Gedenktage sind schon früher bezeugt.

nach Eckhard Bieger

Gedanken:  Im Gedächtnis bleiben

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang erinnern wir uns an sie.

Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters erinnern wir uns an sie.

Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers erinnern wir uns an sie.

Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes, erinnern wir uns an sie.

Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht erinnern wir uns an sie.

Wenn wir müde sind und Kraft brauchen, erinnern wir uns an sie.

Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen, erinnern wir uns an sie.

Wenn wir Freuden erleben, die wir so gern teilen würden, erinnern wir uns an sie.

So lange wir leben, werden sie auch leben, denn sie sind nun ein Teil von uns, wenn wir uns an sie erinnern.

(Jüdisches Gebet)

Artikel aus dem Kirchenblatt Nr. 44 vom 1. Nov 2009


Von Marianne Springer veröffentlicht am 28.10.2009

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