"Die Liebe zur Schönheit der Natur und zu den Frauen hat mich zu Gott geführt, und die Liebe zu Gott zur Revolution." Rückblick von Klaus Gasperi über das facettenreiche Leben des ehemaligen Priesters Ernesto Cardenal.
Wir sitzen unterm Nussbaum im Innenhof der Propstei von St. Gerold.
„Quelindo! - Wie schön es hier doch ist!“, sagt Ernesto Cardenal, während er sich eine Zigarette wutzelt. Mit 84 Jahren ist es wohl sein letzter Besuch hier im Walsertal. Anlass genug, auf ein facettenreiches Leben zurückzuschauen.
Ein Rückblick in zwei Teilen.
Bild rechts: Der arme Christus von St. Gerold winkt seinem Dichter zu.
Ruhig, überschaubar und klar, so präsentiert sich dem jungen, 32-jährigen Mann sein weiteres Leben, als er 1957 an die Pforte des Klosters von Gethsemani (USA) klopft. Er will „ganz entledigt von allem zu Gott gehen“. Vorbei ist die Zeit der hübschen Mädchen, deren Schönheit den Dichter so faszinierte, vorbei die koloniale Pracht der Hauptstadt Nicaraguas, in der Cardenal aufwuchs. Vorbei auch die vielversprechende Jugend samt Studium an der berühmten Columbia in New York und aufregenden Reisen nach Europa. Ja, selbst auf seine große Liebe, auf die Poesie, verzichtet Cardenal: Jetzt will er nur noch Gott sein Leben weihen.
Wie eine fest gefügte Burg, so wirkt das Hügelkloster von Gethsemani auf den Betrachter. Die Klosterkirche erinnert an die Mehrerau, immerhin gehört man zur selben Familie der Söhne des Bernhard von Clairvaux. Ein beschauliches Leben voller Regeln, ganz im Gebet. Doch wie so oft – es kommt alles anders. Zufällig – oder ist es doch eine gütige Fügung? - trifft der junge Mann auf einen weltberühmten Novizenmeister, auf Thomas Merton. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe, väterliche Freundschaft. Merton ist im Kloster eine absolute Ausnahmeerscheinung und seine Begabungen werden vom Abt zunächst gefördert.
Ein unruhiger Geist.
Es ist eine bewegte Zeit überall auf der Welt. In Rom beginnt das Konzil und in Amerika kämpfen die Schwarzen um ihre Bürgerrechte. Mit einem hauchdünnen Vorsprung zieht Kennedy ins Weiße Haus ein und durch die Kubakrise steht der atomare Weltkrieg unmittelbar vor der Tür. Während sich die Mönche von Gethsemani ihrer mönchischen Tradition gemäß neben dem Gebet vor allem ihrem Trappistenkäse und der Produktion von Schokokeksen widmen („bete und arbeite“), hat Merton Größeres im Sinn: Er korrespondiert mit Gott und der Welt, ergreift Partei für die Schwarzen und für die Underdogs, ruft zum Widerstand gegen das Wettrüsten auf, studiert indianische Mystik und chinesische Philosophie und begründet ganz nebenbei das interreligiöse Gespräch mit dem Buddhismus. Er ist ein wahrer „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“. Nun wird ihm klar. Die Weißen sind der indianischen Urbevölkerung etwas schuldig: Das Geschenk des Gebets soll die Sünden der Vergangenheit sühnen! Merton will in Lateinamerika ein kontemplatives Kloster gründen.
Unterdessen bangt Mertons Abt um seine Nachtruhe. Die Sache läuft langsam aus dem Ruder. Bei so viel Aktivität scheint die fest gefügte Ordnung des Klosters bedroht. Man muss diesen „Künstlermönch“ Merton an die Kandare nehmen! Merton zieht sich in seine Einsiedelei zurück und rät seinem Freund: „Wenn du erst Gelübde ablegst, ist es mit den Plänen vorbei. Geh in deine Heimat zurück und gründe dort „unser“ Kloster.
Die „vergessenen” Menschen.
Cardenal studiert nun in Mexiko Theologie. Dann geht er nach Kolumbien ins Priesterseminar. Völlig überrascht stellt er fest: Es gibt ja ganz viele verschiedene Völker in seiner Heimat. Er beginnt sich für die Indios zu interessieren. Diese gelten im lateinamerikanischen Alltag als minderwertig. Sie stehen dem Fortschritt im Wege, werden von den Herrschenden oft ignoriert und meist einfach von ihrem Land vertrieben. Doch Cardenal entdeckt: Gerade diese primitiven Indios sind es, die die Werte des Evangeliums leben.
Immer für alle: „Die Kogui aus der Sierra Nevada sagen, dass die Dinge (Flugzeuge, Städte) früher ihnen gehörten, sie hätten sie jedoch ihren kleinen Brüdern überlassen, und außerdem brauchten sie sie auch nicht. Sie behielten nur ihre Gebete. Ihre Gebete und Riten erhalten die Harmonie des Universums. Wie die Trappisten sagen sie niemals „mein“ und „dein“. Nie bitten sie für sich selbst um Yucca, sondern immer für alle.”
Bild: Leben mit den Bauern am Lande. Ernesto Cardenal (rechts) beim Fischfang; copyright peter hammer verlag
Biografische Informationen
Ernesto Cardenal wurde 1925 in Nicaragua geboren. Als Sohn einer reichen Familie besuchte er die besten Schulen. Heute zählt er zu den wichtigsten Schriftstellern Lateinamerikas.
Cardenal entstammt einer reichen Familie. Durch die Gründung der christlichen Gemeinschaft von Solentiname wurde er zu einem der Väter der Befreiungstheologie. Aufgrund seines Engagements für die nicaraguanische Revolution wurde er 1985 vom Priesteramt suspendiert. Wenn Ernesto Cardenal nicht gerade reist, lebt er als Dichter in Granada und engagiert sich mit seinem Freund Dietmar Schönherr in Kultur- und Bildungsinitiativen.
Konzert in Bregenz
Ernesto Cardenal kommt ins Ländle. Am 21. März um 17.00 gastiert er mit den Musikern der Grupo Sal in der evang. Kirche. “Den Himmel berühren”, so lautet das Motto, unter dem Gedichte über Liebe und Revolution vorgetragen werden. Karten unter: 05574/ 42 396.
Fortsetzung folgt
Wie aus Padre (Priester) Cardenal ein “Revolutionär” wurde, erfahren Sie in der nächsten Nummer.
(aus KirchenBlatt Nr. 4 vom 31. Jänner 2010)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 27.01.2010

