Weihnachten ist mehr als Kerzenduft und Tannenbaum. Wer sich mit der Menschwerdung Gottes - gefeiert an Weihnachten - und in der Folge mit Jesus Christus auseinandersetzt, stößt dabei letztlich auch auf die theologische Grundfrage nach „Jesus als Heiland“: Warum wurde Gott Mensch? Was ist seine Absicht dabei? Und wie würde Gott zu mir - ganz persönlich - sprechen?

von Peter Mathei
Pfarrer in Alberschwende

Vor jeder Taufe eines Kindes frage ich mich neu: „Was heißt Christ-Sein?“ Und das ist die Frage jetzt zu Weihnachten. Die Tradition der Kirche antwortet: „Ihm ähnlich werden“. Eine kleine französische Schauspielerin, Gabrielle Bossis (1874-1950), lässt Jesus in ihrem geistlichen Tagebuch „Er und Ich“ sagen (und ich werde noch öfter daraus zitieren): „Du siehst, in der Krippe bin ich euch ähnlich geworden in eurer Armut. Warum? Damit ihr mir ähnlich werdet.“

Und wie werde ich Ihm ähnlich? In dem besagten Tagebuch „Er und Ich“ lese ich so glaubwürdige Antworten wie: „Du wirst mir ähnlich, indem du dich fragst: Was hätte er (an meiner Stelle) gesagt? Was hätte er getan?“ - „Etwas aus Güte tun, heißt mir ähnlich werden.“ - „Handle wie ich, mit derselben Einfachheit, derselben Liebe zu den Kindern und den Schwachen.“ - „Überwinde Böses mit Gutem. Tu den ersten Schritt. Richte nicht, kennst du das Herz des Andern?“ - „Wenn du die Last der Andern nicht mitträgst, bist du nicht wert, Brüder und Schwestern zu haben.“ - „Gib, wie ich gegeben habe. Das heilt dich von deinem Egoismus.“
Und gleichsam als Zusammenfassung heißt es da: „Was bleibt dir auf Erden anders zu tun, als deine Nächsten um meinetwillen zu lieben? Und wenn du mir nicht in der Kirche begegnen kannst, kannst du mir in den Andern begegnen.“

An dieser Stelle frage ich laut: Kann man Weihnachten feiern, ja, kann man Jesus verehren, ohne an seine Gottheit zu glauben? Ich  wage zu antworten: Ja! So viele Nicht-Gläubige „glauben“ an diesen Jesus von Nazareth als das größte Beispiel des Menschseins und der Nächstenliebe, und zwar indem sie ähnlich handeln wie Er: Ohne eigens daran zu denken: „Wann haben wir dir zu essen gegeben? Wann haben wir dich besucht?“ (vgl. Mt 25). Zur Fußwaschung, beim  Letzten Abendmahl, sagt Jesus: „Ich habe Euch das Beispiel der Liebe gegeben.“ - Über Steve Jobs, den großen Apple-Computer-Chef sagt seine Schwester in der Grabrede: „Steve wandte so viel Zeit dafür auf, über die Liebe zu sprechen, wie es normalerweise nur Frauen tun. Liebe war seine oberste Tugend, sein oberster Gott.“

Aber, was ist das für eine Liebe, die Christus in die Welt gebracht hat? In „Er und Ich“ lese ich: „Es ist die Liebe, die gerne dient - und an das Glück der Andern denkt. Es ist die opferbereite Liebe in einer Welt, die nur ökonomisch  denken kann.

Es ist die Liebe, die sagt: Vergleiche dich nicht mit diesem oder jenem. Es gilt nur ein Vergleich: der mit Gott.

Es ist die Liebe, die sagt: Ertrage geduldig die Schwierigkeiten eines jeden Tages; das wird deine Seele zur höchsten Tugend führen. Und wenn du arbeitest, kommt es nicht darauf an, was du tust, sondern auf die liebevolle Art, mit der du es tust. Und es ist die Liebe, um deretwillen du Liebeleien hinter dir lässt.“
Kurzum: Zu Weihnachten feiern wir , dass in Christus Gott selbst das Beispiel der Nächstenliebe geworden ist.

Der bekannte Liedermacher Wolf Biermann wurde einmal gefragt: „Warum sind Sie als Atheist so milde mit den Christen?“ „Weil die das Himmelreich im Himmel lassen. Und weil mir  egal ist, mit welcher Krücke jemand läuft, solange er zu den Menschen hält. Am Ende kommt es doch darauf an, ob der Glaube einem hilft, menschlich zu sein. Wenn ich früher einen Pfarrer traf, dann war mein Gedanke: Ach, dieser arme irrende Mensch! Heute denke ich: Hoffentlich glaubt er wenigstens an Gott.“

Die Tagebucheintragung von Gabrielle Bossis an einem 24. Dezember lautet: „Mondlicht auf den Straßen. In einigen Stunden heißt es: Fröhliche Weihnacht! Und ich höre Ihn sagen: O ja, freue dich! Weißt du, was die Welt vor meiner Ankunft war? Da gab es Gott - und es gab die Menschen. Nun aber ist Gott einer der Menschen geworden, einer von euch. Was für eine Liebe! Und welche Möglichkeit der Vereinigung zwischen euch und ihm. Denn das Leben zwischen Schöpfer und Geschöpf hätte erst im Himmel beginnen können, so aber beginnt es schon hier und heute.“

Doch zum Christ-Sein gehört mit dem „Ethischen“ zugleich auch das „Mystische“: Das Gefühl des Glaubens, dass Gott gegenwärtig ist. Die Physiknobelpreisträger 2011 haben entdeckt, dass das Universum sich immer rascher ausdehnt. Ein Wissenschaftler zieht daraus den Schluss, dass es „völlig unsinnig“ sei, im Lichte der Raumzeitstruktur der Welt zu meinen, da sei ein Gott „gegenwärtig“ und wirke zugleich von „außen“. Und ebenso sei es unsinnig, etwas als „übernatürlich“ oder als „Wunder“ zu bezeichnen.

Christ-Sein aber ist diese „Verrücktheit“ einer Mystik, die glaubt, dass Gott in Christus wirklich (da) „ist“. In „Er und Ich“ heißt es dazu: „Du siehst mich nicht, du spürst mich nicht, aber ich bin da. Glaube an meine unsichtbare Gegenwart, die voll Zuneigung ist. Du tust alles, Arbeit, Gedanken, Gespräche, Gebet, als wenn ich da wäre und - ich bin da. Wenn du erwachst, bin ich da. Wenn du ruhst , bin ich da. Du kannst sagen, er lässt mich nie allein.“

Und noch einmal der oben zitierte Wissenschaftler: „Jesus hat uns sein Gottesbild vermittelt. Er hat sich, wie jeder Mensch , eben auch Bilder von Gott gemacht ...“ - Was für eine armselige Aufklärung!, sage ich. Nein, Christus hat sich nicht bloß ein subjektives (zufälliges) Bild von Gott gemacht. Er „ist“ in Person das lebendige Bild Gottes.
 
Geradezu enttäuscht war ich kürzlich über die doch einfältige Gottesvorstellung eines so großartigen Filmschauspielers wie Michel Piccoli, wenn er sagt: „Der Bruder meiner Mutter ist im Ersten Weltkrieg gefallen und mein eigener Bruder musste  mit sechs Jahren an Hirnhautentzündung sterben. Ein Trauma für uns alle. Schon damals war mir klar, dass ich mit einem Gott, der uns so etwas antut, nichts zu tun haben will.“
Geehrter Michel Piccoli! wollte ich rufen. Was für einen  Gott würden Sie sich denn wünschen? Einen Schlaraffenland-Gott, der macht, dass es keine Hirnhautentzündung gibt, keine Krebskrankheit? Einen Gott, der macht, dass alle Menschen ungereift in die andere Welt eintreten: Also ohne hier durch die Krise von Krankheit und Not und Alter gegangen zu sein?

In dem Spielfilm „Marias letzte Reise“ will eine krebskranke Frau Schluss machen mit der Chemotherapie. Sie will nicht mehr, was alle Welt will: Um jeden Preis das Leben erhalten. Die Frau will sich anfreunden mit dem Sterben. Sie wird nach Hause geholt, um dort ganz „wach“ den Tod als letzte Reise antreten zu dürfen. Denn: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch den Tod als „Letzte Heim-Reise“ glauben kann.
Dazu „Er und Ich“: „Glaube, dass Ich es bin in den Ereignissen deines Lebens und ich werde es in deinem Tod sein. Warum solltest du über den Tod erschrecken, wenn du weißt, dass ich es bin.“
Während ich das schreibe, sterben viele Menschen auf der Welt. Von einer Familie weiß ich, dass sie jetzt in dieser Stunde um das Sterbebett ihrer Mutter versammelt sind, die ihnen geboten hat, „Großer Gott, wir loben dich“ zu singen, wenn sie im Sterben ist.

Die tiefste Dimension der Weihnacht aber  ist der Glaube, dass Er die „Vergebung Gottes“ ist, der „Heiland“. Und das in der Bedeutung, wie Gabrielle Bossis Ihn sagen hört: „Meine Heilsmacht war unendlich und meine Gottheit hat sich nie von seiner Menschheit getrennt. Behandelt mich wie den Vertrautesten, der nicht nur die Fehler verzeiht, die man ihm anvertraut, sondern sie auch auf sich nimmt, um für sie die Vergebung des Vaters zu erlangen.“
Er sagt da aber auch: „Wann werden sie den Gedanken annehmen, dass das Leben auf Erden so kurz ist und dass die gegenwärtige Existenz nicht das Ziel ist, sondern das ihnen zugedachte  Mittel, um das andere Leben zu gewinnen?“

Am Heiligabend 1938 findet sich im Tagebuch von Bossis folgende Eintragung: „Ich dachte: Warum hat sich der kleine Jesus in der Krippe nicht viel mehr als Gott gezeigt? Seine Antwort: Damals hat er es noch nicht getan. Das ist seinem zweiten Kommen vorbehalten.“

Cover: Er und ichEr und ich
Geistliches Tagebuch
von Gabrielle Bossis

Inmitten eines betriebsamen Lebens gelingt es der Schauspielerin und Mystikerin Gabrielle Bossis (1874-1950), die Erfahrung der Gegenwart Gottes lebendig zu halten. In ihrem geistlichen Tagebuch „Lui et moi“, das zwischen 1936 und 1950 entstanden ist, zeichnet sie ihre mystischen Erfahrungen in Form eines Zwiegespräches auf. Das Tagebuch ist im Verlag „Topos Plus“ in drei Bänden erschienen.

(Aus KirchenBlatt Nr. 51/52 2011/2012)

 

Von Marianne Springer veröffentlicht am 22.12.2011

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