Ein Jahr, nachdem der Südsudan unabhängig geworden war, droht der Konflikt mit dem Norden zu eskalieren. Abseits davon gibt es im jüngsten Staat der Erde aber auch einige Zeichen der Hoffnung, wie der Verein „Pro Sudan“ von einem Lokalaugenschein berichtet.
Paul Stütz
Die Infusionsschläuche ragen aus dem Hals, der Kopf ist kahlgeschoren, die Haut sehr blass. Langsam und mit großer Mühe steht Johann Rauscher von seinem Krankenbett auf. „Jetzt können Sie sehen, wie ein Wunder aussieht“, begrüßt er seinen Gast sanft lächelnd. Noch vor wenigen Tagen rang der Religionslehrer aus dem oberösterreichischen Desselbrunn mit dem Tod. Im Sudan hat er sich mit Malaria angesteckt, die erst in Oberösterreich ausbrach. Er überlebte äußerst knapp. Sein großer Wille ist es, die Hilfe für den Sudan möglichst bald weiterzuführen: „Der Herr da oben wollte wohl, dass ich überlebe, damit ich das tun kann“, sagt Rauscher und ist schon mitten in seinem Thema.
Bild re oben: Kinder der Grundschule St. Theresa in Juba.
Johann Rauscher (li)
Nach seiner Malariaerkrankung managt er bereits aus dem Krankenhaus die Hilfe für den Sudan.
Babys, Schulen, Farmen
Die Sudan-Hilfe ist seine große Lebensaufgabe. Seit 25 Jahren reist Johann Rauscher auf eigene Kosten etwa einmal pro Jahr in den vom Westen vergessenen Winkel der Erde, um sich persönlich einen Eindruck von den Hilfsprojekten zu machen. Sein rein ehrenamtlich geführter Verein „Pro Sudan“ hat bereits Babyausspeisungszentren, Schulprojekte und Farmen im Sudan unterstützt.
Erste Reise in den Südsudan
Vor wenigen Wochen hat Johann Rauscher gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen vom Verein und einer Mitarbeiterin von Caritas Graz den Südsudan besucht. Es war seine erste Reise in den Süden, dem jüngsten Staat der Erde. Das demokratisch regierte Land prägt ein knappes Jahr nach der Unabhängigkeit der Grenzkonflikt mit dem Norden, die Fehden zwischen einzelnen Stämmen und die großer Armut. Dennoch ist es auch eine Geschichte der Hoffnung, die Johann Rauscher erzählt.
„Die Bevölkerung ist insgesamt optimistisch geblieben.“ Man müsse einen absoluten Schwerpunkt in den Südsudan setzen, ist Rauschers dringende Botschaft. Gerade weil sich das Land erst schrittweise vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg erholt und die Analphabetenrate sich bei 73 Prozent befindet, muss jetzt gehandelt werden. „Wir haben unseren Augen nicht getraut, als wir die Preise für Lebensmittel gesehen haben: die sind höher als in Österreich“, berichtet Johann. Dabei verdienen die Südsudanesen – wenn sie Arbeit haben – gerade einmal durchschnittlich 80 Euro im Monat.
Größere Hungersnöte gibt es nur deshalb nicht, weil sich die Menschen – noch – von den Früchten der Bäume ernähren können, meint Johann Rauscher.
Hilfe für tausende Kinder
Durch gezielte Hilfe wie die Investition in die Ausbildung der Menschen soll nicht zuletzt die große wirtschaftliche Abhängigkeit von den Ölreserven im Land gebremst werden. Die Delegation rund um Johann Rauscher besuchte Projekte, die den jungen Staat stark voranbringen, aber dringend weitere Unterstützung brauchen. Dazu zählt die Sankt-Theresa-Schule in der Hauptstadt Juba.
Die Einrichtung ist ein Beispiel für die positive Rolle der katholischen Kirche im Südsudan, die auf der Seite der armen Menschen steht und eine selbstverständliche Toleranz gegenüber der Minderheit der Muslimen vorlebt. 1360 Schüler im Alter von sieben bis 14 Jahren besuchen hier den Unterricht und sind in 15 Klassenräumen untergebracht. Die Klassenräume sind in desolatem Zustand: Der Putz bröckelt von den Wänden, die Fenster fallen fast aus den Verankerungen, die Schüler sitzen im Staub. Ein Teil konnte durch Unterstützung der oberösterreichischen Pfarre Molln bereits renoviert werden, weitere Klassenzimmer sollen folgen, so der Plan. Qualitätsvolle Ausbildung für tausende Kinder wird so ermöglicht.
Unabhängig durch Ziegelmaschine
Ein weiteres Projekt, das laut Pro Sudan hohe Priorität in der Unterstützung durch den Westen haben sollte, ist das Berufsbildungszentrum in der südsudanesischen Stadt Lologo. In von der Caritas Graz finanzierten Gebäuden können hier knapp 400 Menschen berufliche Qualifikationen erwerben: darunter Schneiderei, Kraftfahrzeugtechnik und Maurerei. Für letztere will Pro Sudan eine Ziegelmaschine kaufen, die aus Sand, Dreck und Wasser Mauerwerk produziert.
Mittelfristig könnte diese Schule damit wirtschaftlich deutlich unabhängiger werden. Das ist auch eines der Ziele bei dem von Pro Sudan besuchten Landwirtschaftsprojekt, bei dem das alte Wissen rund um die Pflanzenmedizin in der Region noch besser genutzt werden soll. Es würde nicht nur falsche Behandlungen verhindern, sondern teilweise teure Medikamente ersetzen.
All diese Initiativen müssen möglichst bald, möglichst stark gefördert werden, betont Johann Rauscher. „Die internationale Gemeinschaft und wir alle dürfen hier nicht wegschauen. Ob es in Zukunft einmal eine grausliche Diktatur gibt oder die gute Entwicklung fortgesetzt wird, hängt auch davon ab“.
Gut vernetzte Sudanexperten
Der Verein Pro Sudan aus dem Raum Vöcklabruck in Oberösterreich unterstützt seit Jahrzehnten Hilfsprojekte im Sudan. Die Arbeit des ehrenamtlichen Teams zeichnet sich durch besonders gute persönliche Kontakte nach Afrika aus.
Auf die Expertisen des Obmanns und nebenberuflichen Entwicklungshelfers Johann Rauscher greifen auch große Hilfsorganisationen gerne zurück. Der Religionslehrer zählt zu den ganz wenigen Sudanexperten aus Österreich. Pro Sudan unterstützt sowohl Projekte im Norden als auch im Südsudan,
wobei auf den Süden künftig ein besonderer Schwerpunkt gelegt werden soll.
Kontakt zum Verein: www.prosudan.at
Kampf um Rohstoffe im Grenzgebiet
Bild unten: Südsudan - trotz Erdölreichtum eines der ärmsten Länder der Welt!
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Jahre lang herrschte im Sudan Bürgerkrieg. Zwischen 1983 und 2005
bekämpften sich der muslimisch dominierte Norden und der mehrheitlich
christliche Süden. Am 9. Jänner 2005 kehrte endlich Frieden im damals
noch geeinten Sudan ein. Bei dem Referendum am 9. Jänner 2011 stimmten
99 Prozent der im Südteil des Sudans lebenden Menschen für eine
Loslösung des Südens vom Norden. Mit 9. Juli 2011 wurde der Südsudan
unabhängig und ist bis dato der jüngste Staat der Welt.
Der Krieg
hat viele Wunden hinterlassen: Nicht nur, dass 2,5 Millionen Menschen
getötet wurden, auch das soziale und kulturelle Leben in der Region
wurde zerstört. Ein Beispiel: Im Südsudan liegt die Analphabeten-
rate bei 73 Prozent.
Bombenangriffe auf Ölfelder
Der Friede ist sehr brüchig. Noch immer streiten die beiden Länder um die rohstoffreichen Grenzregionen. Dazu kommt, dass der Norden die Förderung des Öls aus dem Süden kontrolliert. Die Lage war zuletzt so eskaliert, dass Beobachter einen neuen Krieg zwischen beiden Staaten befürchten. Sowohl der Norden als auch der Süden sind wirtschaftlich sehr stark vom Öl abhängig.
Im Süden sind 98 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Erdölgeschäft. Immer wieder fliegt der Sudan Bombenangriffe auf die Ölfelder des Südens. China, das 60 Prozent des sudanesischen Öls abnimmt, unterstützt den Norden. Amnesty International berichtet von Waffenlieferungen von China in den Nord-sudan.
Zusätzlich machen dem Südsudan die Konflikte zwischen einzelnen Stämmen im Land zu schaffen. Überfälle und Morde sind an der Tagesordnung. Die Stammeskonflikte sind in der großen Armut der Bevölkerung begründet.
Von Marianne Springer veröffentlicht am 24.05.2012

