Am 17. Jänner feiert die Kirche den Tag des Judentums. Jesus war Jude. Sein Wirken ist als Lehrer der Tora, der Weisung Gottes in den fünf Büchern Mose, zu sehen. Nur aus dieser Quelle können wir die Verkündigung Jesu und unseren Glauben verstehen. Sie gibt ihm Würde und Tiefe.

Markus HimmelbauerDie Evangelien als jüdische Texte

Betrachtungen zum Tag des Judentums
von Dr. Markus Himmelbauer

Teil 1 von 4

Zum Abschluss der Kindheitserzählung überliefert der Evangelist Lukas die Szene mit dem zwölfjährigen Jesus im Tempel. Jeder und jede hat eine bildliche Vorstellung davon, so stark prägen die Bilder und Krippen in unseren Kirchen: Jesus sitzt – oftmals erhöht und predigend mit erhobenen Händen – inmitten von Schriftgelehrten. Die Zuhörer sind mit Bart und Kopfbedeckung als Juden charakterisiert; sie erscheinen erregt und verstört.
Lesen wir nach bei Lukas, dort steht das Gegenteil dieser Darstellungen: Als die Eltern ihren Sohn endlich fanden, „saß er mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen“.  Jesus macht das, was bis heute alle Zwölfjährigen tun: Sie sind wissbegierig und haben sich dabei die Begrenzungen des Denkens und Fragens von uns Erwachsenen noch nicht zu Eigen gemacht.

Mitten im Judentum
Die Weitergabe dieser Episode in der christlichen Tradition zeigt das Programm der systematischen Abwertung des Judentums. In der Kleidung wird ein Gegensatz zwischen Jesus und seinen Zuhörern konstruiert. Waren nicht alle Juden? Die Schriftgelehrten sowieso, aber natürlich auch Jesus! Und ging es nicht allen darum, das Geheimnis des einzigen und ewigen Gottes tiefer zu ergründen? In der Überlieferung muss Jesus stets mehr sein als die Schriftgelehrten, herausgehoben, sie überbieten. Es nimmt Jesus und seiner Verkündigung aber nichts an Wert, wenn wir sie verwurzelt und eingebettet in den Glauben Israels verstehen. Die Szene mit dem Zwölfjährigen zeigt ja genau, wie sehr verankert Jesus im Judentum ist: im Tempelgottesdienst und in der Auslegung der Tora.

Geschenk
Die Tora hat als sogenanntes „Gesetz“ bei den Christinnen und Christen keinen guten Ruf. Dabei ist die Tora des Mose Gottes Geschenk an sein Volk Israel. Im Allerheiligsten des Tempels ist der Ewige transzendent, in der Heiligen Weisung ist sein Wort gegenwärtig und Tag für Tag verfügbar.
Dass die Tora heilig ist (Röm 7,12) und ihre Geltung von Jesus nicht bestritten wurde (Mt 5,17; Lk 16,17; Joh 10,35), ist eine Grundüberzeugung der neutestamentlichen Autoren. So die programmatischen Worte in der Bergpredigt: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.“ (Mt 5,18).  Die Fragen nach einem gelungenen Leben wird von Jesus mit Verweis auf Gebote der Tora beantwortet (z. B. Mk 10,17–19). Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe hat Jesus nicht erfunden, sondern in der Tora vorgefunden (Dtn 6,5; Lev 19,18).
Wie lehrte Jesus die Tora, unter welchen Blickpunkt stellte er sie? Für ihn ging es wesentlich um „Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue“ (Mt 23,23–24) bzw. „das Recht und die Liebe Gottes“ (Lk 11,42). Dies aber sind nicht Kriterien, die Jesus neu einführt; es sind Grundthemen der Tora.

Der Autor

Dr. Markus Himmelbauer
Pfarrassistent in Wolfsegg am Hausruck (Oberösterreich).
Von 1996 bis 2015 war er Geschäftsführer des
österreichischen Koordinierungsausschusses

für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Buchtipps:

  • Petzel/Reck (Hg.):  Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen. Patmos Verlag, 208 Seiten.
  • Schweizerisches Katholisches Bibelwerk (Hg.): „Damit sich die Schrift erfüllt …“ – Lesejahr B. Die Sonntagsevangelien als jüdische Texte lesen. Paulusverlag, 384 Seiten.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 1 vom 4. Jänner 2018)