Neben Carl Lampert hat der Papst mit seiner Unterschrift die Seligsprechung von Hildegard Burjan bestätigt. Nun kann auch die österreichische Sozialpionierin und Gründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, Hildegard Burjan (1883–1933), seliggesprochen werden. Was war das für eine Frau? Eine, die aus der Erfahrung, dass Gott sie liebt, eine unheimliche Kraft entwickelt hat; eine, die sich den sozialen Nöten der Frauen ihrer Zeit radikal gestellt hat; eine, die mit großer Überzeugungskraft neue Wege gegangen ist.
Das Interview führte Hans Baumgartner
Frau Schödl, Sie setzen sich seit Jahren dafür ein, Hildegard Burjan den Menschen von heute nahezubringen. Freut es Sie, dass diese außergewöhnliche Frau nun bald seliggesprochen wird?Schödl: Ich bin froh, dass nun auch die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen grünes Licht gegeben hat. Nachdem Papst Benedikt ja schon 2007 den „heroischen Tugendgrad“ von Hildegard Burjan anerkannt hatte, hat das nun doch ziemlich lange gedauert. Ob das an der nochmaligen Überprüfung des Wunders durch zwei unabhängige Ärzte-Kommissionen lag, oder auch daran, dass Burjan als geborene Jüdin, Ehefrau, Mutter, Politikerin und Ordensgründerin eine Persönlichkeit war, die nicht leicht in ein herkömmliches „Heiligen-Schema“ einzuordnen ist, kann ich nicht sagen.
Prof. Ingeborg Schödl (Bild/FJR/A)
Wie sind Sie auf Hildegard Burjan gestoßen?
Schödl: Vor vielen Jahren, als ich noch beim Katholischen Familienverband gearbeitet habe, hatte ich mit Schwestern der Caritas Socialis zu tun. Deren Arbeit hat mich sehr beeindruckt und ich fragte nach der Gründerin. Und da ich mich als Journalistin, aber auch persönlich zunehmend für „starke Frauen“ in der Kirche interessiert habe, ist mir Hildegard immer mehr ans Herz gewachsen. 2001 habe ich das Hildegard-Burjan-Komitee mitgegründet, um diese Frau mehr Menschen bekannt zu machen. Im selben Jahr wurde ich auch zur Vizepostulatorin im diözesanen Verfahren zur Feststellung eines Wunders ernannt.
Warum ist es ihnen denn so wichtig, dass Hildegard Burjan seliggesprochen wird?
Schödl: Wir leben heute in einer Zeit, in der Vorbilder rar geworden sind. Und da fasziniert mich schon, dass da eine überzeugende Frau und Christin ist, die uns auch im 21. Jahrhundert durch ihr Wirken und ihre Persönlichkeit noch viel zu sagen hat.
Woran machen Sie das fest?
Schödl: Ich möchte das an einigen Punkten deutlich machen. Wenn heute viele Frauen Mühe haben, Familie, Beruf und vielleicht auch noch ein ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen, dann leben sie im selben Spannungsfeld, das auch Hildegard Burjan zu schaffen machte. Sie sah die Not und das Elend, in denen viele Frauen ihrer Zeit lebten, und wusste, da muss ich als Christin ran; gleichzeitig wollte sie aber auch ihrem Mann und ihrer Tochter gerecht werden, ein ständiger Spagat. Ganz entscheidend für mich ist auch ihr politisches Engagement. Sie hat immer wieder betont, dass Politik für sie praktisches, gelebtes Christentum ist. Ich sehe heute mit Bedauern, dass überzeugte Christen kaum mehr bereit sind, in die Politik einzusteigen. Aber wir können nicht immer sagen, wir wollen eine bessere, gerechtere, friedlichere Welt, aber machen sollen das andere. Und schließlich fasziniert mich auch, wie Burjan als Frau in der Kirche gehandelt hat – ein Thema, über das wir seit vielen Jahren diskutieren, ohne recht weiterzukommen. Burjan stand loyal zur Kirche, aber wenn sie von etwas überzeugt war, dann hat sie gehandelt. Man muss sich das einmal vorstellen: Sie gründete 1919 eine Schwesterngemeinschaft (Caritas Socialis) und ist als verheiratete Frau deren erste Oberin. Als Jahre später – offenbar nach Intrigen – der neue Wiener Erzbischof Innitzer ihren formell angebotenen Rücktritt annahm, musste er sie nach massiven Protesten ihrer Schwestern wieder einsetzen.
Sie sprechen Anfeindungen und Intrigen an, denen Burjan ausgesetzt war. Was wurde ihr vorgeworfen?
Schödl: Sie war zweifellos eine sehr entschlossene, überzeugende und blitzgescheite Frau und sie ist in vielen Bereichen neue Wege gegangen. Das stieß auch auf Neid, Unverständnis und ging bis zur antisemitischen Hetze gegen sie. Man muss aber auch sagen, vieles hätte Burjan nicht umsetzen können, wenn sie der sozial sehr engagierte Wiener Kardinal Friedrich G. Piffl nicht so unterstützt hätte. Kritikern drohte er sogar einmal, dass er sie aus dem Zimmer werfen werde. Und meinte dann: „Ich danke Gott, dass ich mit dieser Frau arbeiten darf.“
Können Sie einige dieser „neuen Wege“ beschreiben?
Schödl: In ihrer sozialen Arbeit hat Burjan nicht, wie das damals für Frauen der Oberschicht üblich war, auf das Verteilen von Almosen gesetzt; sie hat gesagt, man muss alles tun, damit die Menschen (Frauen) auf eigenen Füßen stehen können, dass sie sich selbst etwas zutrauen und ihre Selbstachtung finden. Dafür hat sie ihren Verein für Heimarbeiterinnen gegründet und ist selber von Tür zu Tür gegangen, um die anfangs gegenüber der „besseren Dame“ misstrauischen Arbeiterinnen zu überzeugen, dass sie nur gemeinsam stark sind. Sie hat ein Dutzend Nähstuben in Arbeiterbezirken eingerichtet, um den Frauen mehr Einkommen und familienfreundlichere Arbeitszeiten zu ermöglichen. Und sie hat politisch sehr entschieden gegen ausbeuterische Strukturen gekämpft. Auch dafür hat sie Unvorstellbares gewagt: etwa einen Schulterschluss mit führenden Sozialistinnen, um ein in ihrer christlich-sozialen Partei umstrittenes Gesetz zur sozialen Absicherung von Heimarbeiterinnen durchzubringen. Das war bei der damaligen politischen Frontstellung schon fast so etwas wie ein Verrat. Oder sie hat gegen massive Einwände in der Kirche ein Mutter-Kind-Haus für ledige Frauen gegründet und den damals vielfach Geächteten ein Zuhause, aber auch Arbeit und Ausbildung ermöglicht. Hohe Geistliche bezichtigten sie, dass sie damit die Unmoral fördere.
Und die Caritas Socialis: auch ein neuer Weg?
Schödl: Ihr Lebensziel war es, den Menschen die Liebe Gottes, von der sie sich selber so sehr gehalten und geführt wusste, durch den sozialen Dienst zu verkünden. Dazu gründete sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis. Sie wollte eine „Hilfstruppe Gottes“ in der Not der Welt schaffen, mit sozial ausgebildeten, religiös gut fundierten und selbstlosen Frauen, die bereit waren mitten unter den Armen, an den sozialen Brennpunkten der Zeit zu leben und zu wirken. Das war damals etwas radikal Neues. Und für so manche Schwester war das auch eine harte Bewährungsprobe, so ganz auf sich gestellt schwierigste Situationen zu bestehen. Aber der Weg hat sich gelohnt, wenn man sieht, wie dieser Geist unter den CS-Schwestern und dem Freundeskreis weiterlebt. Wenn ich nur an die großartige Hospizpionierin Hildegard Teuschl denke oder daran, wie stark sich die Gemeinschaft an einem neuen sozialen Brennpunkt, in der Betreuung dementer oder sterbender Menschen, engagiert.
Hildegard Burjan
Hildegard Lea wurde am 30. Jänner 1883 im sächsischen Görlitz als zweite Tochter des Ehepaares Abraham und Berta Freund geboren. Sie wuchs in einer liberalen jüdischen Familie auf, der die Ausbildung ihrer Töchter ein großes Anliegen war. In Berlin und Basel besuchte sie das Gymnasium, in Zürich studierte sie Philosophie und Literatur. Angeregt durch führende Philosophen begann sie immer mehr nach dem „Sinn und Zweck“ des Lebens zu fragen. In ihr Tagebuch schrieb sie: „Wo finde ich Gott?“ Den Zugang zu Gott fand sie aber nicht über die Wissenschaft, sondern nach einer schweren, mehrmonatigen Krankheit. „Ihr Glaube war daher auch weniger intellektuell geprägt, sondern von einem fast kindlichen, aber ganz tiefen Gottvertrauen“, sagt Burjan-Biografin Ingeborg Schödl. Am 11. August 1909 ließ sie sich taufen, ein Jahr später konvertierte auch ihr jüdischer Mann, der gebürtige Ungar Alexander Burjan, den sie 1907 geheiratete hatte.
Not in Wien
1909 übersiedelten die Burjans nach Wien, da Alexander dort eine führende Stelle bei der Telefonfabrik AG angeboten
bekam. 1910 kam ihre einzige Tochter Elisabeth zur Welt. Die Ärzte hatten ihr dringend abgeraten, ein Kind zu bekommen.
In Wien begann sich Burjan, angeregt durch ihre Kontakte zu den Jesuiten und zur Katholischen Frauenschaft, mit der drängenden sozialen Frage zu befassen. Die Not der Menschen, vor allem der arbeitenden Frauen, sollte zu ihrem Lebenswerk werden, für das sie alles, auch ihre Gesundheit, einsetzte. 1912 gründete sie den „Verband christlicher Heimarbeiterinnen“; sie richtete Nähstuben und ein Mutter-Kind-Haus ein. Kardinal Piffl unterstützte ihre Tätigkeit, die auch bald die Aufmerksamkeit der christlich-sozialen Partei erregte. 1919 wurde sie die erste weibliche christlich-soziale Abgeordnete. Im selben Jahr gründete sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis. 1920 schied sie aus dem Parlament aus, blieb aber weiter mit führenden Politikern wie Prälat Ignaz Seipel in engem Kontakt. Am 10. Juni 1933 starb sie an einem schweren Nierenleiden.
(Aus KirchenBlatt Nr. 35 vom 4. September 2011)
Von Simon Felizeter veröffentlicht am 01.09.2011

