Der Krieg in Syrien hat unseren Blick auch auf die Christ/innen im Orient gelenkt. Wie viele von ihnen die Flucht nach Österreich geführt hat - dazu gibt es laut dem Amt für Fremdenrecht und Asyl keine offiziellen Zahlen. Aber es gibt Frauen wie Hala Alnakoula. Die junge syrische Christin erzählt, wie in ihrer ehemaligen Heimat der Glaube gelebt wird.

Patricia Begle

Hala Alnakoula wuchs in Swaidaa auf, einem kleinen Dorf in Südsyrien. Schon ihr Familienname verrät, dass sie Christin ist, denn „Alnakoula“ ist das arabische Wort für den heiligen Nikolaus. Vor dem Krieg waren ca. 10 Prozent der Bevölkerung Syriens Christ/innen - elf unterschiedliche christliche Konfessionen wurden gezählt. Die größten Gruppen waren jene der römisch-orthodoxen, der armenisch-orthodoxen sowie der römisch-katholischen Kirche. Zu letzterer gehört auch Hala.

Selbstverständliches Miteinander
In ihrem Dorf gestaltete sich das Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen oder Konfessionen sehr unkompliziert. An Hochzeiten und Beerdigungen nahmen selbstverständlich alle teil. An den hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern kamen die Nicht-Christen - in ihrem Dorf waren das vor allem Drusen - vorbei, um Glückwünsche zu überbringen. „Da waren dann etwa 300 Leute bei uns im Haus. Die Frauen tranken Mate-Tee, die Männer arabischen Kaffee“, erinnert sich Hala. „Und zu Ostern gab es Brandy mit Schokolade.“ Hala stellt fest, dass sich in Orten, in denen nur eine Religion ansässig ist, vielfach Radikalisierung breitmacht - sowohl unter Christen als auch unter Muslimen. „Gemischte Orte sind besser“, ist sie überzeugt.

Zwischen Tradition und Überzeugung
Die religiöse Tradition zeigt sich auch in Syrien im Essen - bzw. im Fasten. Drei Fastenzeiten kennen die Christ/innen dort: vor Weihnachten, vor Ostern und vor Maria Himmelfahrt. Auch hier unterscheiden sich die einzelnen Konfessionen: Während etwa die orthodoxen Christ/innen den ganzen Tag über essen dürfen, beginnen die römisch-katholischen erst zu Mittag damit. Die Vorschrift bei beiden Glaubensgemeinschaften lautet: keine Tierprodukte - oder anders ausgedrückt: vegan. Natürlich fasten nicht alle Gläubigen und so manches Fest wird aus Tradition und nicht so sehr aus religiösen Gründen gefeiert. Aber Hala hat zehn Jahre lang gefastet - aus Überzeugung. Sie erinnert sich noch heute an ihr „Fastenbrechen“ zu Ostern - mit einem Mars-Riegel. Schon der Duft beim Auspacken der Süßigkeit bleibt ihr unvergesslich.

Schönheiten 
In Erinnerung sind ihr viele Elemente der Festlichkeiten im Jahreskreis geblieben. Die traurig-schönen Gesänge der Karfreitagsliturgie, das Essen von Eiern am Gründonnerstag oder die Prozession am Palmsonntag. „Die Mädchen in weißen Kleidern, die Jungs meist in weißen Anzügen - das war wie im Film ‚Stadt der Engel’“, schwärmt die Syrerin. „Sie trugen Kerzen und Olivenzweige, die geschmückt waren mit Ballons und Bonbons.“

Verkleiden am Barbaratag
Hala erzählt auch von Festen, die bei uns anders gefeiert werden. Das Fest der heiligen Barbara zum Beispiel. In Syrien verkleiden sich an diesem Tag die Kinder wie bei uns im Fasching. Das Essen? Gekochter Weizen, mit Zucker versüßt und mit Smarties garniert. In Erinnerung an den Weizen, hinter dem sich die heilige Barbara versteckt haben soll. Einen besonderen Stellenwert nimmt auch das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September ein. Gefeiert wird es in Maalula, einer Ortschaft in den Bergen, ca. 56 km nordöstlich von Damaskus, in der angeblich die älteste Kirche der Welt steht. Von überallher kommen Christ/innen, um das Fest gemeinsam zu feiern. „Am Abend gibt es ein großes Feuerwerk“, weiß Hala. „Das zweitgrößte nach Silvester.“

Von Versöhnung weit entfernt
Vor zwei Jahren kam Hala im Zuge der Familienzusammenführung nach Österreich. Heute lebt sie mit ihrem Mann, der geflüchtet war, weil er keinen Militärdienst leisten wollte, in Satteins. Sie arbeitet als Koordinatorin beim Österreichischen Integrationsfond (ÖIF) in Bregenz. Die Lage in ihrer Heimat beschreibt sie als sehr schwierig: „Die große Zerstörung, das fehlende Geld für den Wiederaufbau und viele Menschen hassen sich - das merke ich bei den Leuten, die hier zu mir ins Büro kommen. Jede und Jeder hat jemanden verloren.“ Die Versöhnung wird Jahre dauern.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 3 vom 18. Jänner 2018)