13. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B, 1. Juli 2012. Wort zum Sonntag von Edgar Ferchl-Blum.
Eine riesige Menschenmenge. Mittendrinnen eine Frau, seit Jahren krank, verarmt und verhärmt. Sie hofft so sehr, wagt das Unerlaubte und berührt Jesus. Mittendrinnen in der Menge auch ein Vater eines sterbenden Mädchens, verzweifelt, fast irre vor Angst. Und auch da ist der Funke Hoffnung. Die Berührung lässt die Menschen ins Leben zurückkehren.
1. Lesung
Weisheit 1, 13–15; 2, 23–24
Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen, und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. [...] Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören.
Evangelium
Markus 5, 21–43
Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, kam ein Synagogenvorsteher namens Jairus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. Da ging Jesus mit ihm.
Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jairus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur! Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten, trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag. Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen. Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.
2. Lesung
2 Korinther 8, 7. 9. 13–15
Wort zum Sonntag
Edgar Ferchl-Blum
Leiter des Ehe- & Familienzentrums der Diözese Feldkirch,
Religionslehrer an der HTL Bregenz,
ist verheiratet mit Annamaria und Vater von Lea, 16, und Elias, 12 Jahre.
Den Autor erreichen Sie unter sonntag@kirchenzeitung.at
Heile mich, berühre mich
Vor meinem inneren Auge sehe ich Jesus inmitten einer wogenden Menschenmenge. Sie suchen ihn, wollen ihm nahe sein. Es muss etwas ganz Besonderes von ihm ausgegangen sein. Unter diesen vielen Menschen sehe ich auch die blutflüssige Frau: ausgezehrt, ausgegrenzt, verarmt, verhärmt. Ich sehe den Vater des sterbenden Mädchens: verzweifelt, fast irre vor innerem Schmerz.
Und da ist der Funke Hoffnung der Frau und der des Vaters in der Person Jesu. Die Frau wagt das Unerlaubte, sie wagt ihre Hoffnung anzufassen, zu berühren; und der Vater hofft gegen jede Hoffnung.
Mich berührt zutiefst diese Hoffnung, dieser Glaube an die Berührung. Mich berührt wie Jesus spürt, dass eine Kraft von ihm ausgeht. Mich berührt, wie Jesus das totgesagte Kind berührt, anfasst und es zum Aufstehen einlädt. Die Berührung mit dem Göttlichen ist es, die Menschen gesund werden lässt, die Menschen ins Leben zurückkehren lässt.
Ein Schul- und Arbeitsjahr liegt hinter uns. Sicherlich kam es zu vielen Begegnungen und Berührungen mit Menschen. Wie verstehen wir Christinnen und Christen unseren Lebensauftrag? Es ist wohl der, Sein begonnenes Werk fortzusetzen, den Menschen die Botschaft vom Reich Gottes vorzuschlagen und vorzuleben. Wir sind die Jüngerinnen und Jünger Jesu im Heute. Er, unser Meister, ist bei uns, auch wenn wir ihn nicht sehen können. Er handelt auch heute durch uns. Wir, seine Jüngerinnen und Jünger, stehen dabei nicht im Mittelpunkt und sind doch unersetzlich.
Woher kommt es, dass sich in mir eine nahezu fröhliche Gelassenheit ausbreitet, wenn ich an mein Leben und Arbeiten denke? Was kann denn schon schiefgehen, wenn dieser Jesus auch heute der Handelnde bleibt!? So höre ich auch an mich das Wort gerichtet: „Komm, steh auf, stärke dich und mach weiter!“
Zum Weiterdenken
Wie geht es mir mit Berührungen? Traue ich mich, Menschen anzufassen, um sie zu heilen? Gerade in Zeiten von Generalverdächtigungen? Kann ich mich selber anrühren lassen, von der Not, von der Freude, vom Leben der Menschen?
Komme was mag – Gott ist mächtig!
Wenn unsere Tage verdunkelt sind
und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte,
so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt
eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt.
Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.
Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln –
zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.
Martin Luther King, Theologe und Bürgerrechtler (gest. 1968)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 27.06.2012

