10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C), 6. Juni 2010. Wort zum Sonntag von Julia Baumgartner.

In der Zuwendung zum anderen liegt Leben. Wir erfahren das im Glück der Liebe, im Trost der Trauer, in der Hilfe des Alltags. Gottes Zuwendung zu jeder und jedem von uns überschreitet alle Grenzen. Sie verwandelt Tod in Leben.

Evangelium
Lk 7, 11–17

Einige Zeit später ging er (Jesus) in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre hin und fasste sie an. Die Träger blieben stehen und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum.

1. Lesung
1 Kön 17, 17–24

Nach einiger Zeit erkrankte der Sohn der Witwe, der das Haus gehörte. Die Krankheit verschlimmerte sich so, dass zuletzt kein Atem mehr in ihm war. Da sagte sie zu Elija: Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Du bist nur zu mir gekommen, um an meine Sünde zu erinnern und meinem Sohn den Tod zu bringen. Er antwortete ihr: Gib mir deinen Sohn! Und er nahm ihn von ihrem Schoß, trug ihn in das Obergemach hinauf, in dem er wohnte, und legte ihn auf sein Bett. Dann rief er zum Herrn und sagte: Herr, mein Gott, willst du denn auch über die Witwe, in deren Haus ich wohne, Unheil bringen und ihren Sohn sterben lassen? Hierauf streckte er sich dreimal über den Knaben hin, rief zum Herrn und flehte:
Herr, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren! Der Herr erhörte das Gebet Elijas. Das Leben kehrte in den Knaben zurück, und er lebte wieder auf. Elija nahm ihn, brachte ihn vom Obergemach in das Haus hinab und gab ihn seiner Mutter zurück mit den Worten: Sieh, dein Sohn lebt. Da sagte die Frau zu Elija: Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist und dass das Wort des Herrn wirklich in deinem Mund ist.

2. Lesung
Gal 1, 11–19

Ich erkläre euch, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen; ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen. Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, ihr wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk, und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.
Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus
zurück. Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den anderen Aposteln habe ich keinen gesehen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn.

Wort zum Sonntag

Julia Baumgartnervon Julia Baumgartner
Theologin und Organisationsreferentin bei der Kath. Jugend im Forum Schule.
Sie erreichen die Autorin unter sonntag@kirchenzeitung.at

Wir bewegen, wenn wir uns bewegen lassen

Unerhörtes ist da zu lesen: Jesus befiehlt einem toten jungen Mann aufzustehen, und das Leben kehrt in ihn zurück. Tote erwecken gilt als das Wunder schlechthin, als Überschreitung einer Grenze, die für Menschen unausweichlich ist. Es lässt uns staunen. Gleichzeitig höre ich Realisten fragen: Was bringt das? Wozu die Auferweckung von Einzelnen, wenn doch so viel Schlimmes in unserer Welt passiert?
Weltfremder Idealist ist Jesus keiner; aber er lässt sich anrühren. Es ist eine zufällige Begegnung, die Jesus zu dem Toten führt. Obwohl er keinen Bezug zu den betroffenen Personen hat, ergreift ihn Mitleid. Er könnte am Trauerzug vorbeigehen und sagen: „Das ist halt so. Menschen sterben. Damit müsst ihr fertig werden.“
Er mischt sich ein. Seine Motivation ist nicht, sich zu profilieren, zu zeigen, was er alles kann und dass er tatsächlich Gottes Sohn ist. Seine Motivation ist Mitleid. Er lässt sich bewegen und ist nicht gleichgültig. Er tut, was er tun kann, und verändert die Situation.
Plötzlich eintretender Tod erschüttert uns. Wir begegnen ihm unausweichlich mitten in unserem Leben, aber wir können an ihm nichts ändern. Auch in meiner Arbeit mit Schulklassen treffe ich gelegentlich auf diese Hilflosigkeit angesichts des Todes junger Menschen. Wir können Tote nicht auferwecken. Was soll uns also diese Bibelstelle sagen?
Auch wir können etwas tun. Zuvor müssen wir uns aber anrühren und bewegen lassen. Wir müssen mit-leids-fähig werden. Und dann brauchen wir den Mut, scheinbar Unveränderliches anzurühren. Der Umgang mit dem Tod, der Schmerz, die Trauer kann sich verwandeln, wenn ich mich anrühren lasse und nicht Sicherheitsabstand halte. Die Tatsache des Todes können wir nicht ändern, aber wir können sie erträglicher machen, indem wir Trauer ermöglichen und begleiten und Tränen trocknen.

Zum Weiterdenken

Wovon lasse ich mich bewegen? Was berührt mich so sehr, dass ich darauf reagiere und etwas verändern möchte? Wage ich scheinbar Unveränderliches anzurühren?

 

Von Marianne Springer veröffentlicht am 01.06.2010

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