Wo stehen wir, an was richten wir uns aus und welche nächsten Schritte wagen wir? Der Jahreswechsel ist Anlass, sich des Weges zu vergewissern, auch für die diözesanen pastoralen Vorhaben 2012. Ein KirchenBlatt-Gespräch mit Pastoralamtsleiter Dr. Walter Schmolly.

Dietmar Steinmair und Veronika Fehle

Mit welchem Grundgefühl blicken Sie als Pastoralamtsleiter ins Jahr 2012?
Es ist ein Gefühls-Mix – ein wenig Anspannung angesichts manch ambitionierter Vorhaben, vor allem aber auch die Freude, wieder mit vielen engagierten Menschen an spannenden Themen arbeiten zu können. Zugleich ist natürlich auch eine gewisse Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Bischofswechsel dabei.
Aber man ist seinen Gefühlen ja nicht einfach ausgeliefert. Und so suche ich letztlich immer wieder den Kontakt zu meinem Grundvertrauen in die Kirche und ihren Weg. Es ist dies zuallererst das Vertrauen in die Botschaft Jesu und deren Kraft, auch heute Menschen zu berühren, zu bewegen und als Kirche zu versammeln. Vor allem aber ist es auch das Vertrauen in die Menschen, die die Kirche in unserem Land sind, insbesondere in die 25.000 Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen, die sich in einem formalen Ehrenamt kirchlich engagieren. Und es ist das Vertrauen in die Lebenssituationen, die uns begegnen und herausfordern – so wie den Samariter, der sich von einem Menschen am Rande seines Weges anrühren lässt. Indem wir uns dem konkreten Leben stellen, entdecken wir unsere Berufung als Kirche für das Heute.

Wie steht es um die Strukturveränderungen im Gefolge des Pastoralgesprächs?
Zwei Pfarrverbände sind im vergangenen September neu errichtet worden, zwei weitere Anfang Jänner, im September werden weitere folgen. Solche Veränderungen sind für die Beteiligten natürlich immer herausfordernd. Aber sie sind auch eine Chance.
Letztlich ist entscheidend, dass sich das gemeindliche Leben in den Pfarren, die in einem Pfarrverband ja bekanntlich in ihrer Eigenständigkeit erhalten bleiben, gut entwickeln kann. Das setzt voraus, dass die Pfarrgemeinden gut geleitet sind und dass die Rahmenbedingungen und Aufgaben für die Priester, Pastoralassistent/innen, Diakone und die anderen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen so sind, dass diese sich mit Freude engagieren können. Seitens der Diözese ist uns wichtig, die Prozesse gut zu begleiten und die Beteiligten in den Veränderungen bestmöglich zu unterstützen.

Apropos Leitung der Pfarrgemeinden: Im März stehen Pfarrgemeinderats-Wahlen an.
Ja, am 18. März 2012, unter dem Motto „Gut, dass es die Pfarre gibt!“ Die Vorbereitungen sind schon weit gediehen und sind im Gesamten von einer positiven Stimmung getragen – auch wenn es mancherorts einiger Anstrengung bedarf, Personen zu finden, die bereit sind, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich halte die Wahlen für einen wichtigen Vorgang in den Pfarrgemeinden. In Zeiten der Veränderung braucht es in den Pfarren ein Gremium, das sich der pastoralen Grundfragen annimmt. Dass dieses Gremium durch eine demokratische Wahl legitimiert ist, erachte ich als einen hohen Wert.

In einigen Städten bzw. städtischen Räumen findet das Pastoralgespräch unter dem Titel „Kirche in der Stadt“ eine vertiefende Fortführung. Was ist hier das Ziel?
Städte sind heute hoch flexible Systeme, in denen sich die Veränderungen, die früher oder später das Leben allerorts bestimmen, frühzeitig abzeichnen. Damit sind die Städte auch für die Kirche spannende Orte. Sich den Herausforderungen zu stellen, die Chancen zu nützen und vor allem viel zu lernen – das ist der Sinn der Sache. Viele alte Fragen stellen sich heute ganz neu: Wie wollen wir als Christ/innen in unserer Stadt leben? Wie können wir die Botschaft Jesu ins Gespräch bringen und gut für die Menschen da sein? Welche Strukturen sind der Kirche für ihren Auftrag in der jeweiligen Stadt am dienlichsten? Entlang solcher Fragen wird sich zeigen, was für die Kirche in Bregenz, Dornbirn, Lustenau, Hohenems und Bludenz an Entwicklung möglich ist und ansteht. Die Prozesse dauern – von Ort zu Ort verschieden – ein bis zwei Jahre und versuchen, viele Menschen dialogisch zu beteiligen.

2011 wird für die Kirche in Vorarlberg mit der Seligsprechung von Provikar Carl Lampert in die Geschichte eingehen. Ist die Auseinandersetzung mit dem Seligen damit abgeschlossen oder ist eine Weiterarbeit geplant?
Die Seligsprechung von Provikar Lampert war ein wundervolles Ereignis. Für mich war die stärkste Erfahrung, wie sehr die in seinem Leben in letzter Konsequenz eingelöste Jesus-Nachfolge Menschen heute bewegt. Mit der Seligsprechung ist es nun aber keineswegs getan, im Gegenteil. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Mit dieser Seligsprechung ist der Kirche in Vorarlberg die Frage eingestiftet, wie sie sich heute an diesem Glaubenszeugnis auf- und ausrichten kann und will. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage erfordert geeignete Formen. Hierzu ist vieles in Vorbereitung, von jährlichen „Lampert-Diskursen“ bis zu Jugendforschungs- und Schulaustauschprojekten mit Halle/Saale und Stettin. Besonders wichtig ist uns die Beteiligung von Jugendlichen.

Ein letztes: Am 11. Oktober 1962 ist das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet worden. Dieses Ereignis jährt sich heuer zum fünfzigsten Mal. Was bedeutet das für die Kirche in Vorarlberg?
Pater Karl Rahner, der bedeutende Konzils-Theologe, hat zum Abschluss des Konzils gesagt, die Kirche habe nun „den Anfang eines Anfangs“ für den aggiornamento, für die Erneuerung, gesetzt und sich damit zu einer Aufgabe bekannt, die sie erst noch erfüllen müsse. Mit viel Hoffnung und Freude wurden in den letzten fünfzig Jahren so manche Wege der Erneuerung beschritten, wobei die Mühen, Enttäuschungen und Mutlosigkeit der Niederungen dabei dem pilgernden Gottesvolk nicht immer erspart blieben und bleiben.
Im Sinne des Konzils geht es nun aber nicht um Rückblicke – wiewohl es diese in den nächsten Jahren selbstverständlich auch in Vorarlberg geben wird –, sondern heute zählt eben das Heute, der Auftrag, der uns im Hier und Jetzt entgegenkommt. Zuallererst zählt also die Haltung des aggiornamento, die das Jubiläum neu einmahnt: die Freude an der Gegenwart und den Mut und die Bereitschaft, darin im Dialog mit allen Menschen die Sendung der Kirche neu zu entdecken. Für diese Aufgabe darf man sich auch heute noch von den Konzilstexten Inspiration und Orientierung erwarten. Insofern wäre das erneute Studium der Texte auf dem Hintergrund der heutigen Themen eine wichtige und lohnende Sache. Darüber hinaus hat Papst Benedikt XVI. anlässlich des Konzilsjubiläums ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen, das mit dem Jahrestag der Konzilseröffnung am 11. Oktober 2012 beginnen wird. Eine Arbeitsgruppe bereitet derzeit dessen Gestaltung in unserer Diözese vor.

Informationen zur Fortführung des Pastoralgesprächs unter: www.kirche-vor-ort.at

Von Simone Rinner veröffentlicht am 11.01.2012

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