Einen Vortrag und ein Seminar mit Pierre Stutz gibt es im Dezember im Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast. Das KirchenBlatt sprach mit dem Bestseller-Autor über Wut, Ärger und einen konstruktiven Weg, um seinen Zorn zu entladen.

Wolfgang Ölz

KirchenBlatt: Warum ist es nicht schlecht, Wut, Zorn und Ärger zu verspüren?
Pierre Stutz: Diese Gefühle gehören ganz einfach zu unserem Leben und zu gesunden Beziehungen. Sie haben immer einen tieferen Grund, weil sie uns aufzeigen können, wann wir uns nicht verstanden fühlen, nicht gehört werden, zu wenig Anerkennung erfahren. Natürlich sind die Zeitungen voll von den zerstörerischen Gewalttaten, die im ungehemmten Ausleben dieser Gefühle viel Leid schaffen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es uns nicht weiterhilft, wenn wir sie verteufeln. Wer sich wie der Friedensmann aus Nazareth dem Leben liebend in die Arme wirft, der wird immer staunen, loben und danken können und der wird - die Psalmen zeigen dies uns auf - auch klagen, schreien, hadern und zweifeln dürfen.

Ist es von Vorteil, mit einem richtigen „Grant“, also Wut auf ein Faktum im eigenen Leben, zu Ihrer Veranstaltung zu kommen?
Stutz: (Lacht) Es soll sich sicher niemand extra ärgern im Hinblick auf diesen Vortrag!! In meiner authentischen Art möchte ich uns allen einen Erlaubnisschein schenken, auf dem steht: „Erlaube dir deinen Ärger, er gehört zu deiner Lebendigkeit, denn nur so kannst du ihn gestalten, eingrenzen und einen angemessenen Umgang mit ihm finden.“
Ich brauchte sehr lange, um mir zu erlauben, auch wütend sein zu dürfen. Jahrelang habe ich diese verbotenen Gefühle in mich hineingefressen und oft erbrochen. Weil ich nicht aggressiv sein durfte, wurde ich immer depressiver. Deshalb mache ich Mut, der Verbindung von Aggression und Depression nachzugehen. Vom lateinischen Wortsinn her ist das Wort „Aggression“ völlig wertfrei: mich in die Auseinandersetzung des Lebens hinzubegeben. Dass Sie und ich heute Morgen aufgestanden sind, ist ein aggressiver Akt! Damit drücken Sie aus: Ich bin auch heute bereit, mich zu engagieren für eine Welt, die anders werden kann, zärtlicher und gerechter.

Ihr neues Buch heißt „Lass dich nicht im Stich“. Kann man sich überhaupt im Stich lassen? Wie soll das aussehen?
Stutz: Menschen lassen sich im Stich, wenn sie sich verbiegen lassen, wenn sie ihrem ureigenen Weg nicht folgen, wenn sie zu wenig Zivilcourage haben. Deshalb können Ärger und Wut zu einem Friedensimpuls werden, indem sie uns aufzeigen, was unterbelichtet ist in unserem Leben. Als Petrus seinen Freund Jesus von seinem Weg abbringen will - gut gemeint, indem er Jesus und sich schonen wollte - antwortet ihm Jesus mit den harten Worten „Satan, weiche von mir!“. Jesus wehrt sich mit lauter Stimme gegen den Teil von Petrus, der ihn von seiner Lebensaufgabe entfernen will, indem er Petrus klare Grenzen setzt.

Wie verbinden sich bei Ihnen Mystik und Psychologie? Welchen Stellenwert hat für Sie der Begriff der Freiheit?
Stutz: Ich lasse mich seit 25 Jahren jeden Tag gerne von mystischen Menschen inspirieren, weil sie Freiheit und Geborgenheit nicht trennen. Teresa von Ávila  nenne ich eine mystische Psychologin, denn ihr Lebensthema heißt: „Gotteserkenntnis ist ohne Selbsterkenntnis nicht möglich.“ Die Liebe Gottes können wir nur erfahren, wenn wir nicht nur den Nächsten, sondern auch uns selbst lieben, das ist wirklich kein Sonntagsspaziergang.

Fühlen Sie sich mit ihren 40 Büchern, mit einer Million verkaufter Exemplare, übersetzt in mehrere Sprachen, als ein spiritueller Star?
Stutz: Ganz im Sinne der Bergpredigt Jesu ermutige ich alle, die Angst vor ihrer Größe zu verlieren, ohne größenwahnsinnig zu werden. Ich fühle mich nicht als Star, weil ich alle Menschen bestärke, ihren wahren Star/Stern, ihren göttlichen Kraftstern in sich zu entdecken. Zugleich bin ich voller Dankbarkeit, dass meine Bücher so eine große Resonanz finden, weil wir unser Lebensziel verpassen, wenn wir unsere Talente vergraben. Sie sind ja immer ein Geschenk des Himmels.

Apropos gelingendes Leben - ist Harmoniesucht eine Gefahr?
Stutz: Ein überhöhtes Harmoniebedürfnis kann unsere Angst vor Konflikten und unsere Panik vor Liebesentzug nähren und eine gesunde Spiritualität der Konfliktfähigkeit behindern. Denn nichts ist schlimmer als eine falsche Versöhnlichkeit. Mir ist es hilfreich, bei der Psychotherapeutin Verena Kast zu lesen, dass zu harmoniebedürftige Menschen ihren Ärger (oft unbewusst) delegieren, weil sie diese „Drecksarbeit“ nicht tun möchten, um gut dazustehen. Deshalb ist es mir zur Lebenshilfe geworden, dass ich im Ansprechen von Konflikten der anderen Person meine Wertschätzung ausdrücke: sie ist es mir wert, mir meine Zeit und Energie zu schenken, um auf Augenhöhe mit- und voneinander lernen zu können.

Sie erzählen in Ihren Büchern oft sehr persönlich aus Ihrem Leben. Warum?
Stutz: Mein feu sacré (heiliges Feuer) brennt, indem ich uns alle ermutige, dass wir auch am Schweren wachsen und reifen können. Deshalb wage ich mich immer auch sehr persönlich in meinen Büchern einzubringen, um Mut zu machen, dass wir immer mehr sind als unsere Verletzungen und Verwundungen. Es ist entscheidend im Leben, nicht in der Opferrolle stecken zu bleiben. „Ich glaube an Christus“ heißt für mich „Ich glaube an die Verwandlung des Menschen“.

Wann ist ein Zorn heilig, und wann ist er als Todsünde zu klassifizieren, wie das die katholische Kirche tut?
Stutz: Die über 35 Kriege, die jetzt weltweit so viele Menschenleben kosten, zeigen uns die zerstörerische Eskalation der Gewalt. Statt gewalttätig zurückzuschlagen oder sich feige zu ducken, hat Jesus einen dritten Weg aufgezeigt, den des gewaltfreien Widerstandes. Auf diesem Friedensweg ist der heilende Zorn sehr wichtig, damit wir uns nie an Ungerechtigkeiten gewöhnen. Die große Lebenskunst besteht darin, jeden Tag neu unterscheiden zu können, wo Zorn zerstörerisch wirkt und wo er heilsam für das Einfordern von Frieden in Gerechtigkeit sein kann. «

TERMIN

Vortrag: Lass dich nicht im Stich.
Die ­spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut.
Beitrag € 9,-.
Fr 8. Dezember, 19.30 bis 22 Uhr,
Bildungshaus St. Arbogast. 

Seminar: Bei sich selber zu Hause sein.
Adventliche Schritte nach innen.
Beitrag € 49,-; Verpflegung € 15,10.
Sa 9. Dezember, 9 bis 16 Uhr,
Bildungshaus St. Arbogast.

Anmeldung: T 05523 62501-0

www.arbogast.at