Maria von Magdala, erste Zeugin der Auferstehung Jesu, wird in einer Grotte nördlich von Marseille verehrt. Eine Annäherung von Walter Buder.

Am Ostermorgen, da war sie die Erste am Grab. Doch der Auferstandene ließ sich weder angreifen noch festhalten. So suchten die nachfolgenden Christen in der Begegnung mit ihr und den anderen Aposteln die Begegnung mit dem Auferstandenen nachzuholen.
Der Legende zufolge soll „la Sainte Madeleine“ später in einer Grotte nördlich von Marseille als Einsiedlerin gelebt haben. Die Grotte ist heute ein provencalischer Wallfahrtsort, ein Ort der Faszination, ein “Geheimtipp” für viele, die ein Leben im Licht des Auferstandenen suchen und dabei nach „handgreiflichen Orten“ verlangen. 

Bild rechts: Einem Adlerhorst gleich schmiegen sich die Gebäude der Wallfahrtsstätte an die senkrechten Felswände und erinnern mehr an die Wildheit griechischer Klöster denn an die sprichwörtliche Lieblichkeit der Provence (ein Klick ins 1. Bild öffnet die Bildergalerie).

Komm näher!
Als wäre es der Hand eines Riesen entglitten, so liegt das Kalksteinmassiv mit seiner höchsten Erhebung, dem Joug de l’ Aigle (dem Adlerjoch, 1147 Meter hoch) über der Ebene von La Sainte-Baume. Eine Gebirgsauffaltung aus dem Tertiär, sagen die Geologen, 50 bis 100 Millionen Jahre alt und ewig jung für irdische Massstäbe. Wundersam auch der Wald, der sich am Fuß des Massivs ausbreitet mit seiner einzigartigen Flora und Fauna, eine Rarität für die Provence und für ganz Frankreich, ein phänomenales Biotop. Kurzum: Hier, in einer erdgeschichtlich gewordenen Auffaltung findet das Heilige seinen Raum.

Noch näher
Die fast senkrecht aufstrebende  nördliche Wand des rund 12 Kilometer langen Massivs wächst aus der Ebene empor. Die helle Kalksteinbarriere leitet den Blick in die Höhe, auf den meist tiefblauen provencalischen Himmel. In die richtige Richtung also. Schon aus der Ebene stechen die auffälligen Gebäude der Hotellerie heraus. Aber kein Mensch kommt wegen der Unterkunft der „Wächter“ hierher. Denn als Wächter verstehen sich die Dominikaner seit Pére Henri-Dominique Lacordaire (1802-1861), der in einer Art vollkommener Hingabe an das Geheimnis Gottes, das ihm aus dem biblischen Leben und der Legende der Maria aus Magdala entgegenkam , diesen Ort vor über 150 Jahren wiederbelebt hat. Rom, Jerusalem, Santiago und: La Sainte-Baume - das war sein Traum, lebenslang kämpfte er mit Talent und Elan in der Männerkirche um einen würdigen Platz für die „Frau seines Lebens“.

Zwischen Himmel und Erde - die Grotte
„Möbliert“ mit kleinen Stalagmiten, zwei Altären und pathetischen Statuen aus weißem Marmor und Gegenständen, wie sie jeder Wallfahrtsort der Welt für seine Pilger/innen bereithält, so empfängt der heilige Ort seine Besucher. Dazu bietet der Platz eine atemberaubende Aussicht: In diese Weite blickend also hat die heilige Apostolin ihre letzten 30 Lebensjahre verbracht - fastend, betend, heilend und Wundersames wirkend. Und so in der Tat  die frohe Botschaft leibhaftig verkündet. Eine schwache Stunde ruhigen Gehens auf dem gegen Ende hin immer steiler werdenden Pfad und man ist da. Unterwegs durchwandert man zwanglos und frei, pilgernd eben, seine eigenen Seelenarchive.

Ein Ort für das Unsagbare
Vielen Menschen geht dabei in einer unerklärlichen Plötzlichkeit auf, dass die Menschenseele ihre tiefsten Wurzeln im Unsagbaren hat. Die Seelsorger in der Einsiedelei im Berg jedenfalls hören häufig, dass das Herz tatsächlich Gründe findet, die den wohl unverzichtbaren Verstand übersteigen, die jenseits liegen von allem, oft so notwendigen Faktenwissen und  sich auftun noch hinter jedem begründeten, wissenschaftlichen Zweifel. Umkehr- und Bekehrungsgeschichten sind es, keine phänomenalen Wunder wie in Lourdes. Von befreienden Neuanfängen handeln sie, gelösten inneren Wirren und erhellender Neuordnung von Gedanken und Ideen. Es scheint, dass Maria aus Magdala ihre zeitlose Liebesgeschichte mit dem ungreifbaren Auferstandenen weiterschreibt oder wenigstens das Schreibzeug bereithält für jene, die diese Geschichte hier weiterschreiben wollen.

Ins Herz gelegt
Die Frau, die Jesus liebte wie keine andere (wissen wir es wirklich!?) war in der Stadt Magdala mit Liebesdiensten und anderen Geschäften reich geworden an Geld wie auch an gesellschaftlichem Einfluss, an Macht also. Mit anderen Frauen ihres Schlages war sie „ihrem“ Jesus zeitlebens sehr, sehr nahe: Sie wirkte als Organisationsleiterin der Jesusleute und stellte ihr Netzwerk in den Dienst  seiner Sache. Die Männer um den Nazarener waren eifersüchtig auf sie und die Evangelisten verschwiegen sie eher. Der frühen Kirche aber galt sie (noch) als Apostolin - das ist eine Person, die aus eigener Erfahrung (Anschauung!) bekunden kann, dass Jesus leibhaftig von den Toten auferstanden ist, und die von IHM selbst den Auftrag zur Verkündigung der frohen Botschaft ins Herz gelegt bekommen hat. Das ist es, was zählt - in dieser Traditionslinie -, der ins Herz gelegte Glaube, das geschenkte Wissen der Seele. Welches dann in Taten, mit Händen und Füßen sozusagen, von der Ahnung redet, dass das leere Grab zur Quelle unendlicher Lebensfreude werden kann. Das war Magdalenas Erfahrung gewesen, jener unbegreifliche Liebeserweis Gottes. Und: „Wessen Herz voll ist, dem ...“

Die Legende lebt
Mit ihren leiblichen Geschwistern Martha und Lazarus und mit einigen anderen Christ/inn/en der ersten Stunde habe sie dann auf Geheiß eines Engels das heilige Land verlassen, berichtet die Legende. Denn dort herrschte Krieg und Verfolgung. In einem Boot - ohne Segel zwar, aber von einem guten Wind geleitet, landeten sie in der Camargue, an jenem Ort, der später den Namen Les-Saintes-Maries erhielt. Von dort zogen die Apostel/innen weiter: Lazarus nach Marseille, Martha nach Tarascon und die Magdalenerin fand östlich von Aix-en-Provence in eben dieser Grotte Zuflucht, bis die Engel Gottes herniederstiegen und sie in das immerwährende Geheimnis der Liebe Gottes geleiteten.

Das Licht des Ostermorgens
Die Leute in der Provence, beileibe nicht nur die katholischen, lassen sich ihre legendäre Heilige nicht nehmen. Sie sprechen von „ihrer“ Madeleine wie von einer großen Schwester, die in Abwesenheit der Eltern die Verantwortung in der Familie trägt. Ihretwegen kommen die Leute aus allen Richtungen hierher: Junge wie Alte, Suchende, Zweifelnde, Verzweifelte und Fröhliche, Erlöste, Verwirrte im Herzen. Alle aber tragen sie den namenlosen Seelenschmerz bei sich, den das Leben im Übermaß für jede/n bereithält. Und auch die Ahnung, dass daraus ein Leben im Lichte des Auferstandenen erwachsen kann. Genau darin ist wohl der wahre und eigentliche Schatz, der Reichtum, die Quelle und die Kraft und auch die Faszination dieses Ortes gut aufgehoben.
Walter Buder

www.saintebaume.dominicains.com

Hintergrund

Maria von Magdala

Sie erhielt ihren Beinamen wohl von ihrem Heimatort Magdala am See von Genesareth. Als Jesus sie von ihrer Besessenheit befreite (Lk 8,2), schloss sie sich ihm an und sorgte fortan mit anderen Frauen für den Lebensunterhalt der Jünger. Sie blieb auch unterm Kreuz an seiner Seite, als sie am Morgen des dritten Tages zum Grab ging, um Jesu Leichnam zu salben, wurde sie zur ersten Zeugin der Auferstehung. Später wurde Maria Magdalena mit der namenlosen Sünderin gleichgesetzt, die Jesus die Füße salbte (Lk 7,37), sowie mit Maria von Bethanien, der Schwester des Lazarus.

Nach der Legende soll sie in der Höhle von La Sainte-Baume inmitten von wilden Tieren gelebt haben, im Mittelalter wurden ihre sterblichen Überreste dann nach Vezelay im Burgund überführt. Eine andere Überlieferung berichtet, dass Maria in Ephesus gestorben sei.

Buchtipp

Luise Rinser erzählt in „Mirjam“ die Jesus-Geschichte aus der Sicht der aufmerksamen Schülerin, während der Jesuit Wrembeck in seinem Wälzer auf unterhaltsame Art fast kriminalistisch seine Thesen über die Apostelin zusammenträgt.

Luise Rinser, Mirjam
Fischer TB, € 9,20

Christoph Wrembeck, Die sogenannte Magdalenerin
Benno-Verlag, € 25,20

(aus KirchenBlatt Nr. 16/17 vom 24. April/1. Mai 2011 - Oster-Doppelnummer)

Von Marianne Springer veröffentlicht am 21.04.2011

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