Pastoralamtsleiter Dr. Walter Schmolly über die pastoralen Herausforderungen im Neuen Jahr
„Die Zugehörigkeit zur Kirche ist heute eine Sache der freien Entscheidung, nicht mehr der Tradition!“ - So kommentierte Kardinal Christoph Schönborn die drastisch angestiegenen Austrittszahlen. Es ist die Rede vom „Entscheidungschristentum“ und von der „Wahlkirche“.
Vor diesem Hintergrund erläutert Dr. Walter Schmolly (links) die pastoralen Aufgaben und Schwerpunkte im Neuen Jahr:
Ein schwieriges Jahr liegt hinter uns.
Das zeigen allein schon die hohen Austrittszahlen. Um nun wieder den Blick nach vorne werfen zu können, ist es wichtig, dass sich im Bereich der Aufarbeitung und der Prävention von Missbrauchs- und Gewaltvorkommnissen gegenüber Kindern viel verändert hat: Es gab eine breite und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema; die Arbeit der von Kardinal Schönborn ins Leben gerufenen Klasnic-Kommission und die Richtlinien der Bischofskonferenz zeugen vom Willen zur Wahrhaftigkeit und weisen in die richtige Richtung, für die Opfer wurden Opferschutz- und Ombudsstellen eingerichtet. All das ist unabdingbar wichtig, auch um wieder Vertrauen zurückzugewinnen und dem Bedeutungsverlust entgegenzuwirken. Damit führt die Krise dann auch unmittelbar zur Kernfrage für die Kirche in der heutigen Zeit:
Worin liegen heute Aufgabe und Bedeutung der Kirche?
Die Spur weist das Zweite Vatikanische Konzil. Der erste Satz, den die Kirche über sich selbst zu sagen hat, lautet dort: „Christus ist das Licht der Völker“. Die Kirche ist unter heutigen Bedingungen für Menschen bedeutsam, wenn sie erfahrbar machen kann, dass die Botschaft Jesu eine Kraft ist, die heute berührt, bewegt und verwandelt und zu einem fairen und guten Leben anstiftet. Und es zählt die spirituelle Grundkompetenz der Kirche, Menschen das Wirken Gottes in ihrem Leben zu erschließen. So wie Religion heute funktioniert und im Leben der Menschen vorkommt, muss die Kirche diese „Substanz“ des Christlichen zur Geltung bringen. Entsprechend wichtig ist es, dass wir Tag für Tag und auf allen Ebenen in den Pfarrgemeinden und in den anderen kirchlichen Einrichtungen die Frage ins Zentrum rücken, was die Botschaft Jesu in den ganz konkreten Situationen bedeutet, die uns aufgegeben sind.
Gefordert ist die Liebe zu dem, was ist.
Wir müssen heute strukturiert und nachvollziehbar als Einzelne und miteinander hinhören auf das Wirken und den Ruf Gottes. Das wichtigste dafür lehren uns die Mystiker: „Der gegenwärtige Augenblick muss eure Wohnung werden; darin findet man allein Gott und seinen Willen“, schreibt der Mystiker Gerhard Tersteegen (1687-1769).
Sich dem Heute stellen.
Diesen Mut wünsche ich mir und allen in der Kirche: dass wir uns dem Heute wirklich stellen und uns der „Verheutigung“ unseres Glaubens und der Kirche anvertrauen. Das ist leicht gesagt, fordert uns aber manches ab, vor allem, dass wir uns lösen von den Idealen von gestern und auch von vielen Bildern für morgen. Wir sind sehr verliebt in überkommene Ideale und phantasierte Zukunftsbilder. Sie verstellen uns oftmals den Blick auf die Gegenwart und berauben uns der Liebe zu dem, was ist.
Miteinander hören und gemeinsam die Herausforderungen entdecken.
Das Pastoralgespräch war und ist eine Form, die Achtsamkeit für die Gegenwart in den Pfarrgemeinden zu stärken, die Achtsamkeit für das, was ist und in dem das Leben pulsiert. Es ist ein Weg, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Deutungen für die epochalen Veränderungen und Herausforderungen zu entwickeln und Handlungsoptionen zu entdecken. Ich bin davon überzeugt, dass solches heute in der Kirche nur in dialogischer Form, im Aufeinander-Hören und Miteinander-Lernen möglich ist.
Wo steht das Pastoralgespräch heute?
Im Herbst ist in den Berufsgruppen und Räten die „Struktur- und Personalplanung 2025“ diskutiert worden. Dieses Konzept, das im Bereich der Strukturen die Grundlage einer verlässlichen Perspektive für die nächsten 15 Jahre sein wird, erhält derzeit noch seinen Feinschliff. Der Plan sieht neben Einzelpfarren die Bildung von Pfarrverbänden und Seelsorgeräumen vor. An der Einteilung dieser Einheiten wird momentan auf Dekanatsebene gearbeitet. Bis Ende März sollte der Plan im Wesentlichen stehen.
Strukturelle Veränderungen und mehr Kooperation in der Pastoral sind gefordert.
Das Wichtigste aber wird es sein, dass die jeweiligen Pfarrgemeinden den Mut fassen, konkret den ihnen vom Leben aufgegebenen Übergang zu gestalten. Sie sind herausgefordert, sich neu am Auftrag und der Berufung ihrer Pfarrgemeinde auszurichten. Das heißt auch das loszulassen, was vom Leben nicht mehr gefüllt wird, um das zu empfangen, was ihnen neu zuwächst. Die Entdeckungen des Pastoralgesprächs können hierfür Orientierung sein: das Vertrauen in die Kraft des Evangeliums, die spirituelle Kompetenz, die Gastfreundschaft, das solidarische und missionarische In-Beziehung-Sein mit möglichst vielen Menschen. Die Veränderungen im strukturellen Bereich sollen diese Entwicklungen bestmöglich stützen und damit entschieden mehr sein als die Verwaltung des sich zuspitzenden Priestermangels. Konkret spürbar werden diese strukturellen Veränderungen für eine Pfarrgemeinde durch die zukünftige Kooperation mit anderen Pfarren in einem Pfarrverband oder Seelsorgeraum.
Damit verändert sich auch die Rolle der Priester.
Denn viele Priester sind heute stark mit administrativen Aufgaben belastet, sodass ihnen für die eigentliche Seelsorge oft wenig Zeit bleibt. Künftig wird der Leitungsdienst der Priester seinen Schwerpunkt daher deutlicher im Bereich der „geistlichen“ Leitung haben. Der Pfarrgemeinderat soll vor allem die strategische Leitung unterstützen. Für die Leitung des Tagesgeschäfts und die Koordination des pfarrlichen Lebens wird es in jeder Pfarre ein sogenanntes Pastoralteam geben. Innerhalb der nächsten vier Jahre sollen diese strukturellen Veränderungen in Kraft treten. Ein wichtiger Termin für alle Pfarrgemeinden ist dabei auch die Pfarrgemeinderatswahl im März 2012. Selbstverständlich wird jede Pfarrgemeinde auf ihrem Veränderungsweg unterstützt und begleitet werden.
Die Jugend im Blick.
Eine weitere große Frage, der wir uns strukturiert und konsequent stellen wollen, ist die pfarrliche Jugendarbeit. Was ist im Blick auf die jungen Menschen heute der Auftrag einer Pfarrgemeinde? Was ist möglich und wie kann es gelingen? Wir hoffen, dass viele Pfarren bereit sind, in diesem zentral wichtigen Thema einen nächsten Schritt zu wagen. Von Seiten des Pastoralamtes werden wir dafür Unterstützung anbieten.
Walter Schmolly
(aus KirchenBlatt Nr. 3 vom 23. Jänner 2011)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 20.01.2011

