Wenn es Menschen gibt, die seit Jahren vor dem Wirtschaftskollaps gewarnt haben, dann ist Christian Felber jedenfalls einer von ihnen. Der freie Publizist ist Mitbegründer von ATTAC Österreich, das sich für ein gerechtes Wirtschaften stark macht. Im Interview mit dem Vorarlberger KirchenBlatt macht Felber deutlich, dass unser Wirtschaftssystem ein Umdenken braucht. Das Gespräch führte Walter Hölbling.
KirchenBlatt: Sie halten viele Vorträge über die Ursachen der Wirtschaftskrise. Wie erklären Sie jemandem, der vom Finanzmarkt nichts versteht, was am derzeitigen Wirtschaftssystem faul ist?
Christian Felber: Es ist der fundamentale Widerspruch zwischen den Werten, die wir in unseren Alltagsbeziehungen leben, und denen, die am freien Markt herrschen. Im Alltag geht es um Helfen, Teilen, das Wahrnehmen der Bedürfnisse der Anderen, um Solidarität und Vertrauen. Auf dem freien Markt sind es genau die gegenteiligen Werte, die belohnt werden. Die Kombination aus Gewinnstreben und Konkurrenz fördert und belohnt ein geiziges, rücksichtsloses, gieriges und skrupelloses Verhalten.
Liegt dieser fundamentale Widerspruch schon in den Ursprüngen des Kapitalismus?
Bereits Adam Smith hat – damals mit guten Absichten – gesagt, nicht vom Wohlwollen des Bäckers oder Metzgers erwarten wir unsere tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihr eigenes Interesse verfolgen. Er hat sich erhofft, dass das Streben nach Eigennutz zum Wohl aller führt. Das war eine fatale Fehlannahme.
Warum ereilt uns die Krise erst jetzt, obwohl die falschen Werte schon Jahrhunderte gelten?
Solange die Wirtschaft in ein regionales und auch religiöses, moralisches Umfeld eingebettet war und die Unternehmer davon abhängig waren, dass die Beziehungen zu den anderen stimmen, haben sie sich eigentlich systemwidrig verhalten. Sie haben sich nicht so skrupellos verhalten, wie das der Kapitalismus in seinem Grundprinzip erlaubt hätte. In den letzten 20 Jahren hat sich die Marktwirtschaft aus diesem lokalen Kontext entbettet und der moralische Anker ist gerissen.
Wie kann man diesem Wertewiderspruch begegnen?
Wir sollten in der Wirtschaft die Werte, die unser Zusammenleben gelingen lassen und die Menschenwürde wahren, genauso belohnen wie das Gegenteil heute rechtlich belohnt wird. Die Zielsetzung der privaten Unternehmen darf nicht mehr der maximale Finanzgewinn sein.
Wie kann das in der Praxis ausschauen?
Wer sozial verantwortlich wirtschaftet, hat einen Systemnachteil. Der Kapitalismus belohnt den Profitmaximierer, denn die globale Konkurrenz gewinnt jene Firma mit dem größten Finanzgewinn. Im Regelfall kommt man durch Skrupellosigkeit zu einem höheren Finanzgewinn als durch soziale Verantwortung. Je sozial verantwortlicher ich mich zeige, desto höhere Löhne zahle ich, desto höhere soziale Sicherheit biete ich, desto mehr schone ich die Umwelt, zahle den Zulieferern einen fairen Preis und zahle meine Steuern. Gegenüber den skrupellosen Profitmaximierern habe ich damit eine ganze Reihe von Wettbewerbsnachteilen.
Wie kann man diese Nachteile ausgleichen?
Der sozial verantwortliche Unternehmer kann sich nur dann durchsetzen, wenn er aus seiner höheren sozialen Verantwortung einen rechtlichen Vorteil zieht. Ich schlage vor, dass sich der Wettbewerb nicht mehr um den Finanzgewinn drehen soll, sondern um die höchste soziale Verantwortung. Das Ziel von Unternehmen darf nicht mehr der Finanzerfolg sein, sondern das allgemeine Wohl. Unternehmerischer Erfolg wird dann gleichgesetzt mit sozialer Verantwortung, ökologischer Nachhaltigkeit, innerbetrieblicher Mitbestimmung und solidarischem Verhalten. Diese Unternehmen kommen in den Genuss einer Reihe von Vergünstigungen, zum Beispiel günstigere Kredite, Vorrang bei der öffentlichen Auftragsvergabe, steuerliche Vorteile, Subventionen.
Das würde das Wirtschaftssystem auf den Kopf stellen.
Der ständige Konkurrenzkampf im Kapitalismus ist eine menschenverachtende Anreizstruktur. Alle Statistiken zeigen, dass diese Anreizstruktur sozial unreife Charaktere in ganz überdurchschnittlichem Ausmaß in die obersten Entscheidungsetagen spült, narzisstische, sozial weniger kompetente und suchtkranke Personen. Die Marktwirtschaft geht davon aus, dass der Wettbewerb nötig ist, um hohe Leistungen und Effizienz zu erzielen. Die Humanwissenschaften dagegen kommen zum Ergebnis, dass Zusammenarbeit zu viel höheren Leistungen führt als Konkurrenz. Menschen fühlen sich in Kooperationsbeziehungen sehr viel wohler, weil Wertschätzung, Zuneigung und Anerkennung das ist, was Menschen am stärksten labt und motiviert.
Es gibt auch jetzt schon Betriebe, die versuchen, diese Ideen zu leben.
Sie können sich aber nur gegen die Spielregeln bewähren. Sie können vielleicht überleben, weil sie eine Nische finden oder einen Stammkundenstock aufbauen konnten. Das sind Ausnahmen, die das Gesamtsystem nicht ändern können.
Ein Beispiel sind die fair gehandelten Produkte. Nach 30 Jahren hat fair gehandelter Kaffee einen Anteil von 1,4 Prozent in Österreich. Diese Initiative ist auch deshalb so wenig erfolgreich, weil der faire Kaffee im Supermarkt in freie Konkurrenz zum unfairen Kaffee treten muss. Der unfaire Kaffee hat riesige Monokulturen, Kinderarbeit und wird extrem beworben. Und auf diesem Kaffee steht ja nicht drauf, welche Schäden er anrichtet. Wenn dieser Kaffee um fünf Prozent mehr Zoll zahlen müsste, wäre er in spätestens 20 Jahren verschwunden.
ZUR PERSON: Christian Felber
hat romanische Sprache, Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert und arbeitet als freier Publizist in Wien. Vor zehn Jahren war er Mitbegründer von Attac Österreich, einer internationalen Bewegung, die sich für ein gerechtes und solidarisches Wirtschaftssystem einsetzt. Als Mitglied dieser Bewegung, deren Sprecher er derzeit ist, warnt er seit Jahren vor der Finanzkrise und prangert die Fehlentwicklungen am internationalen Finanzmarkt an.
DAS BUCH: Neue Werte für die Wirtschaft
Im Vorjahr ist ein Buch von Christian Felber erschienen, indem er einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus vorschlägt. So wie in zwischenmenschlichen Beziehungen sollten auch in der Wirtschaft jene Werte gelten, die das Menschliche fördern und von Solidarität und Wertschätzung getragen sind. Und für eine solche Art des Wirtschaftens sollten rechtliche und finanzielle Anreize geschaffen werden, so der Autor.
Links zu ATTAC Österreich und ATTAC Vorarlberg
Von Walter Buder veröffentlicht am 13.08.2009

