Ein Pilgerbericht. Sechs Wochen war Walter Buder, Chefredakteur des Vorarlberger KirchenBlattes, mit 17 Gefährten/innen mit dem Fahrrad unterwegs – auf einer „Friedenstour“ von Wien nach Jerusalem. Über seine Er-Fahrungen, Begegnungen, Fragen und Antworten berichtet er – und von einem Weg des Aufbrechens und Ankommens, der Mühen und der Freuden, des Staunes und der Dankbarkeit.

Das war die Frage, die ich mitgenommen, nein: mitbekommen habe. Was bedeutet das alles?

Sechs Wochen mit dem Rad von Wien nach Jerusalem, Grenzen von Konfessionen, Religionen, Kulturen und Länder überschreiten. Und das alles unter dem Namen des Friedens. Wie die wirklich guten Fragen, ist mir auch diese zugefallen, zugeworfen worden. Der Rest war Routine, also relativ einfach aber – meine Güte (!) – beileibe nicht ohne Anstrengung, Mühsal, Kampf sogar hie und da. Aber: Alles zusammen, die Unabwägbarkeiten, die Gewissheiten, die Gewohnheiten, die vertrauten Einsichten und verweigerten Erkenntnisse – all das – das „Eingemachte“ eben – trägt dich, trotz allem oder deswegen. Und – post festum – kannst du annehmen und zugeben, was du im Moment des Ankommens am Ziel als gewisse Ahnung geschenkt bekommen hast, nämlich: Wohin es dich wirklich getragen hat – ins Staunen.
 
Das Ziel. Das war natürlich nicht das Ziel. Das hat einen anderen Namen. Es heißt Santiago, Rom, Medjugorje oder Padre Pio – in meinem Fall eben: Jerusalem. Der Weg dorthin führte über sechs Wochen durch sieben Länder und nach rund 3800 Kilometer und 23.000 Höhenmeter sind die 18 Friedensradfahrer/innen (3 Frauen, 14 Männer, ein Sanitäter im Begleitfahrzeug) in Jerusalem gut angekommen. Keiner hat aufgegeben. Danke, von Herzen, dem wachsamen, sichtbaren Sanitäter und dem unsichtbaren, aber sehr präsenten Schutzengel. Womit gleichzeitig die Perspektive des Staunes wiederhergestellt wäre. Jerusalem also, aber: Der Name des Ziels ist – im Nachhinein – nicht wirklich wichtig. Das Ziel ist wichtig. Ob übers Land oder übers Meer, per pedes, Fahrrad oder Pferd –  spielt eigentlich keine Rolle. Unterschiede – die sind bedeutsam. Nein: Mehr als bedeutsam. Wie bedeutsam – kann oder muss (?) – jede/r für sich erfahren, erärgern, erplanen, erleben, ersinnen, erleben, ersingen, erfreuen, erzürnen, erpilgern – oder eben:  erfahren. Klar, darum geht es, um nicht zu schreiben: Nur darum geht es – sich zum Staunen tragen ...

Die Grenzen. Entscheidend sind allemal Grenzen. Wie und wo, wann und warum immer sie gesetzt, gezogen, gebaut sind: Im Augenblicklich des Überschreitens erkennst du sie in ihrem Wesen und – dich selber auch. Eindringling und Flüchtiger zugleich
erschrickst du, noch während du für dein Visum zahlst, über die erwachte, keimende, glasklare Einsicht: Weder Diesseits noch Jenseits – im Niemandsland ist deine Heimat. Du bist ein „Peregrinus“ – ein „Pilger“, zuinnerst und zuletzt. Ein Fremdling, weil erstens: Unterwegs und zweitens: Im Jenseits von allem, was „ich“ bin und (zu) „mir“ gehört, auf Gebieten (per agrum), die immer schon (zu) jemand anderem gehören. Ob du von Bregenz weggehst, in Wien startest oder in Syrien ein- und in Jordanien ausreist, ist nicht wichtig. Wenn du Glück hast, darfst du dich als Gast fühlen, ein Zustand also vorübergehender Stabilität, eine Art Zuhause im Offenen, geschützt und doch frei, eine Weise lebensfreundlicher Ungewissheit im Horizont namenloser Dankbarkeit.

Unterwegs sein. Das ist der Eingang in die Welt des/r Peregrinus, der Peregrina. Bewegung ist hier das Maß von allem. Unterwegssein das Täglichbrot für Leib und Seele. Der Weg ist wie Nahrung. Vorankommen, Bleiben, Rasten und vor allem das wiederkehrende Ankommen und Aufbrechen, das ist der wahre Stoff im Pilgern. Jede Ankunft ist eine Zustimmung, jeder Aufbruch eine neuerliche Einwilligung. Unabhängig von Wind und Wetter, vom Zustand der Straße, der Strecke bis zum nächsten Teilziel, der Stimmung der Gefährten/innen, dem Zustand des Materials, des Sitzfleisches und der Muskulatur oder der Ernährungssituation, physisch oder mental, psychisch und spirituell gesehen. Ergebung wird zum Hauptwort – erst mit der Zeit auch eine Haltung. Sie sagt meist: Gut so – der Ansatz anfänglicher Dankbarkeit!
 
Die Gefährt/innen. Zugegeben: Ohne meine Gefährten/innen hätte ich an manchen Tagen wohl nicht zur Zustimmung gefunden und meine Einwilligung erneuert. Und das ist bei weitem nicht ihr einziges Verdienst. Oh Gott, welch ein Haufen! Ein Sack voll Sehnsucht und Illusion, ein Gebirge an gutem Willen, Entgegenkommen und Unvermögen, an Ideen, Kompetenz und Originalität. Kurz: Jede Menge Stoff für aufrechte, zähe und kämpferische Menschlichkeit, verzagt-unverzagt, traurig-froh, unaussprechlich-vielsagend und so unverständlich-verständnisvoll in Ärger und Zorn und Versöhnlichkeit. Wer hier „Grausbirnen“ aufsteigen sieht (da ist was dran!), möge genau hinschauen, es könnten Paradiesäpfel sein.

Gott begegnet? Zum Schluss, die große, die schwere Frage: Sag, was hat das mit Gott zu tun? Bist du Gott begegnet? Und ich verstumme, frage nach und suche den Einstieg. Gott sei Dank, gibt es die Bilder aus den Archiven des Körpers und Geistes: Die sanfte Morgensonne auf der Fahrt durch ein kleines Tal von unerhörter Schönheit in der Türkei; den frischen Wind auf den Höhen um Bilecik; den Schweiß auf den Steigungen im serbischen Donautal; das Brennen in den Oberschenkeln auf den letzten der 160 Kilometer nach Damaskus hinein; die freundliche Professionalität des Arztes im Krankenhaus von Novi Sad, der ein paar Steine aus der Fleischwunde in meinem Ellenbogen holte; die Einfahrt auf der vierspurigen Autobahn nach Istanbul, der Albtraum jedes Schutzengels im Fahrradbereich; den Ruf des Muezzins; die Stunden am Checkpoint Jenin als wir – Überbrückungshilfe – die Lebensgeschichten austauschten;  die Spuren des Gottes Abrahams, Isaaks, Jakobs und Ismaels an vielen, vielen Orten und in vielen Menschen; die unglaubliche technische Qualität unserer „Tretmaschinen“ (hl. Shimano!!!) und der Lobpreis des Fahrrades; die kleinen Einblicke und großen Offenbarungen der Reisegefährt/innen; die frohen, tiefen Begegnungen mit Christen/innen, die den Auferstandenen unter den Muslimen ahnen, finden und am Werk glauben. Bewegende Zeugnisse eines erlösten Daseins und der brennenden, schmerzhaften Sehnsucht danach – in Jerusalem und Bethlehem, von Juden und Palästinensern und von Christen. Aber – sind das Antworten auf die große Frage? Wohl eher nicht, doch wie der alte Rabbi zu sagen pflegte: „Vielleicht, vielleicht ...“

Bist du es, Rabbuni? Noch vieles andere, freudeleuchtend und traurig lastend ist geborgen in Bildern und Geschichten, die – Gott gebe es – ich nie und nimmer vergessen möchte, weil sie, vielleicht, das tragende, begleitende Geheimnis aller Wege, aller Anfänge, allen Lebens (mit und ohne Fahrrad) beschlossen halten. Eines Tages, wenn die Stunde da ist und die Zeit reif für das rechte Wort, dann werden sie aufgehen, wie die Sonne über dem Ölberg und – wie der Auferstandene im Leben der Menschen aller Welt – und ihre Antwort ahnend, wissend, fragend entbergen: Bist du es, Rabbuni? Bis dahin bleibt mir das Staunen, was diese Friedensradfahrt für eine Erfahrung war, und die Dankbarkeit. Das ist doch schon etwas – oder?

>> http://www.friedensradfahrt.eu

Von Marianne Springer veröffentlicht am 01.07.2009

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