Glocken - nicht nur die des Feldkircher Domes - erinnern an das Wunder der Menschwerdung. Von Dompfarrer Rudolf Bischof, Feldkirch

Alles Tun ist von Gottes Gegenwart erfüllt.
glockeDie Glocken des Doms haben nicht nur die letzten 40 Jahre die Diözese begleitet, nein sie haben darüber hinaus eine lange Geschichte. Sie gehören zu den ältesten Großgeläuten Österreichs. Über 400 Jahre haben sie unsere Geschichte begleitet und natürlich auch durch die vergangenen 40 Jahre der Diözese: die turbulenten Stunden und die ruhigen, die erfreulichen und auch jene, die Schweres in sich bargen. Sie haben damals geläutet, als Bischof Bruno Wechner vom Diözesanhaus aus zur Errichtung der Diözese in den Dom eingezogen ist, sie läuteten als Bischof Klaus Küng als neugeweihter Bischof aus dem Dom getreten ist, sie läuteten auch als Bischof Elmar Fischer geweiht wurde. Aber in diesen 40 Jahren ist ja in unserer Diözese noch viel mehr geschehen. Meistens wird dies äußerlich gemessen an Kirchenbauten, an pastoralem Tun, an Neugründungen, an Aufbrüchen in den Pfarren und Aktivitäten der Diözese. Die Glocken erinnern uns aber daran, dass das Wichtigste ist, dass sich die Botschaft der Menschwerdung immer wieder von Neuem vollzieht, wenn sie in der Früh, an Mittag und am Abend verkünden, dass dieser Engel des Herrn auch heute noch seine Frage an uns stellt. Sie läuten als Einladung zur Eucharistie, in der wir das Wort hören, das uns davon erzählt, dass dieser Gott auch uns begleitet. Sie tragen die Botschaft der Wandlung hinaus in den weiten Raum der Wohnungen und die Landschaft und lassen alle wissen, dass auch ihnen Wandlung geschenkt ist. Werner Bergengruen meint: Im Glockengeläut berührt sich die Zeit immer wieder mit ihrem Gegenpol, der Nichtzeit. Und das ist die Ewigkeit. Die Glocken verkünden uns die Gewissheit, dass jede Zeit und alles Tun von Gottes Gegenwart erfüllt ist. Jeder Viertelstundenschlag erinnert daran.

Gegenpole berühren sich
In dem Hin und Her des Läutens werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unser Leben immer gegenpolig ist, immer ein Hin und Her, ein Auf und Ab. Wenn sich diese Gegenpole berühren und zusammenfinden, wird unser Leben immer ein Ganzes. Dann wird  das Finden und das Verlieren, das Schenken und das Nehmen, das Annehmen und Loslassen, das Geboren werden und Sterben, das Sterben und das Auferstehen eingewoben in einen Sinnfaden ewigen Lebens. Es war in diesen 40 Jahren immer ein Zeichen der Lebendigkeit in unserer Diözese, wenn es Gegenpole gegeben hat. Natürlich war es wichtig, dass diese Gegenpole sich ausgetauscht und bereichert  und nicht im Zerwürfnis geendet haben. Die Vielstimmigkeit von Gesang und Glocken und noch viel mehr die Vielstimmigkeit von Christen lassen Gemeinde und Diözese wachsen.

In den Glocken sammelt sich die Erfahrung von Jahrhunderten
Die Glocken auf unserm Turm, die schon 500 Jahre alt sind, tragen auch die Erfahrung der Menschen durch diese 500 Jahre in sich. So läuteten sie in Friedens- und in Kriegszeiten, in Krisen- und in Wohlstandszeiten zu den Stunden, in denen Menschen nach dem Sinn und Unsinn des Lebens gefragt haben. In diesen 500 Jahren gehörte Feldkirch zur  Diözese Chur, dann zu Brixen, dann zur Apostolischen Administratur Innsbruck und jetzt zur Diözese Feldkirch. In diesen Zugehörigkeiten haben wir auch die verschiedenen Traditionen dieser Diözesen aufgenommen und mit ihnen Glauben gestaltet. Sie haben uns geholfen, mit Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit die Fragen des Lebens zu beantworten. Unser Alltag macht es uns manchmal schwer, Liebe, Freundschaft, Treue, Einsatz für andere zu leben und wir drohen manchmal in der Alltäglichkeit zu versinken, sodass unser Ideal verblasst. Die Erinnerung an die Erfahrungen, die wir und andere in diesem Leben gemacht haben, können uns helfen die Gegenwart zu leben und Hoffnung für die Zukunft zu sammeln. So könnten Glocken für uns  ein Herzschrittmacher für die Seele sein.

Glocken bringen die Botschaft des Morgens, des Mittags und des Abends
glocke_detailDie Glocken am Morgen muntern uns auf, aufzustehn aus aller Nacht, aller Dunkelheit und aller Depression, einfach wieder neu zu beginnen, unser Leben in die Morgensonne der Auferstehung zu stellen. Sie laden uns am Mittag ein, innezuhalten, einmal wieder aufzuhören in unserm Schaffen und Tun und so neu aufeinander und das Leben zu hören. Am Abend führen sie unsern Tag zur Ruhe, in der wir alles Erschwerende und allen Ballast ablegen können, um uns für den nächsten Tag zu erholen.
All das ist auch Inhalt in unserm pastoralen Tun. Besinnungstage, Exerzitien, Gebet und die Feier der Sakramente führen uns in eine Mitte, von der her  wir unser Leben neu gestalten können.

Unser Leben in die rechte Stimmung bringen
Die Kunst des Glockengießers ist es, den Glocken die recht Stimmung  und Abstimmung zu den andern zu geben. Es ist auch eine alltägliche Aufgabe unser Leben in die rechte Stimmung zu versetzen. Und diese Stimmung verbreitet sich dann in der Atmosphäre am jeweiligen Ort und will eine stimmige Atmosphäre schaffen und den Missmachern die Kraft nehmen.

Wem die Stunde schlägt
Glocken schlagen uns so viele Stunden des Lebens, glückliche, freudige, traurige. Einmal schlagen sie uns die letzte Stunde. Darum ist eigentlich jeder Glockenschlag eine Mahnung, unser Leben so zu gestalten, dass in ihm die Ewigkeit leuchtet und ewige Werte sichtbar werden. Um all diese Werte hat sich unsere Diözese in den vergangen 40 Jahren bemüht. Viele haben dabei mitgeholfen, Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder, Priester und Laien. So ist es ein schönes Zeichen, dass sich die Priester der Diözese entschlossen haben für eine Anschaffung einer Jubiläumsglocke einen schönen Beitrag zu schenken. Diese Solidarität ist auch ein schönes Zeichen für die Zukunft. Die christliche Spiritualität hat immer auf einer solchen Solidarität aufgebaut. Ein Tisch, eine Gemeinde, ein Glaube. Und wenn wir die Botschaft weitertragen, an die uns die Glocken täglich erinnern, dann müssen wir keine Angst um die Zukunft unserer Diözese haben, dann können wir die Worte von Reinhold Schneider ins Positive führen: Verlieren die Glocken ihre Gewalt über den Lärm, die Türme ihre Herrschaft über die Dächer, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr.
Wenn die Glocken uns dazu führen, dass Gegenpole sich berühren, wir aus der Erfahrung unseres Glaubens lernen, dass wir immer wieder aufstehen und Auferstehung in unser Leben einkehren lassen, fähig werden in aller Hetze und Hast innezuhalten und zu unterbrechen, das Leben in die rechte Stimmung zu bringen und wachsam zu sein, wenn die Stunde schlägt, dann gibt es Hoffnung und Leben.

Zum Autor:
Msgr. Rudolf Bischof ist Pfarrer am Dom zu St. Nikolaus in Feldkirch.

Der Beitrag ist in der Jubiläumsnummer des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49/ 8. Dez. 2008) erschienen.

Von Walter Buder veröffentlicht am 07.12.2008

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