Neuer Bericht des KirchenBlatt-Chefredakteurs Dr. Walter Buder.

Zur Zeit geht es bei der 3500km-Fahrrad-Pilgerreise im Regen durch die Türkei. Ob die Fahrradfahrer nach Syrien einreisen dürfen ist noch ungewiss, da die Visa noch fehlen. Im aktuellen Bericht nimmt Walter Buder trotz aller Ungewissheiten das Ziel, Jerusalem, in den Blick und leuchtet seinen Weg dorthin persönlich und philosophisch aus.

Walter BuderIch war noch nie in Jerusalem. Doch seit Kindertagen klingt dieser Name in mein Leben. Ich weiß auch nicht, woher diese Melodie gekommen ist. Ich bin nur sicher, dass es eine Melodie ist, die zu diesem Namen gehört, die ihn auszeichnet und mit meinem Herzen – irgendwie – verbindet. Jerusalem gehört so zu mir, wie eine Art „Unbekannte“ und gleicherweise vertraut. So wie man immer schon ahnt und mit der Zeit sogar weiß, dass das Leben wirklich gut ist und dass alles auch schiefgehen kann.

„Nach Jerusalem hinauf(ziehen)“, diese Redewendung ist mit meiner Melodie verknüpft, wie der Text zum Schlager gehört. Die heiligen Bücher der großen Religionen sind voller Geschichten davon. Und natürlich erzählen diese Geschichten von Menschen, die da hinaufgezogen sind und hinaufziehen, und jede/r von den Vielen hat seinen Beweggrund. Die Freiheit für die einen, die Pflicht für die anderen, zwingende Notwendigkeit für manche und für wieder andere eine Art heiliger Einfalt, die ganz rasch in unheilige umschlagen kann und umgeschlagen ist. Aber: Der Klang, die Melodie bewegt, bringt in Bewegung.
Jerusalem ist mit der Erfahrung der Begegnung und dem Risiko des Erkennens verschwistert. Der Begegnung und allem was mit ihr zu tun hat und besonders jenen, die ahnen oder wissen, was es damit auf sich hat oder haben könnte – diesem Begegnen und Erkennen ist – wie der Gefahr und dem Heiligen - eine gewisse Scheu eigen. Manchmal auch Scham. Zumindest aber wachsame Vorsicht, eine besondere Aufmerksamkeit auf die Zeichen. Was bedeutet das alles, wo haben die Bedeutungen ihren Sinn, den tieferen, verschlossenen und den offenen, im Licht des Lebens leuchtenden. Dass ich an Jesus denke und mir Martin Buber in den Sinn kommt oder Franz Rosenzweig und Teddy Kollek und Yad Vashem oder die goldene Kuppel des Felsendomes. Was hat das für eine Bedeutung.

In Jerusalem ist etwas geschehen. Immer wieder. Vor tausenden Jahren und gestern Nachmittag. Was Jerusalem geschieht an Streit und Krieg, an Zwist und Hader, an Versöhnung und Zuneigung, geschieht im Herzen der Welt. Am dritten Tag ist Jesus von den Toten auferweckt worden und deine, meine, unsere Welt war neu und reich wie nie. Doch wen kümmert das schon, in Jerusalem. Ein paar Verzweifelte vielleicht. Natürlich: Jeder kann die Uhren zurück- oder vordrehen, seinen Film drehen und ihn inszenieren wie er möchte. Soll dann aber auch zu seiner Zeit und zu seinem „Ding“ stehen und es als „seines“ nehmen und nicht versuchen, „seines“ als einzig Wahres anzupreisen, anzubieten, verkaufen oder eben: unterjubeln. Jerusalem ist – in meiner Melodie - eine Art Stakkato von alledem, von weltgeschichtlicher Bedeutung.

Jerusalem ist eine Möglichkeit. Neben Santiago de Compostela, Rom und dem Himmel unter anderem. Keine besondere, eine von vielen eben. Außer der Tatsache, dass ich sie für mich gewählt habe (aus Zufall!!) ist – für den Augenblick – schon die eine oder andere Mühe wert. Auch jene der Etappe. Und es gibt sie wirklich, die Mühe der Etappe. Auf dem Landweg sich Jerusalem annähern (anreisen kann man mit dem Flugzeug),  ist eine Annäherung an das Geheimnis der Welt. Dem Krieg, dem Streit und Hass, der Dummheit und Intoleranz, dem millionenfachen Zwist, der jeder Freude auf den Straßen dieser Welt die Energie abgräbt oder genauer: abkauft zu trotzen. Vielleicht !?

Jerusalem verträgt kein Pathos. Die Weiten Ungarns, der Glaube Kroatiens, die unerschlossene Kraft Serbiens, die Härte und der Kampf Bulgariens, die Vielfalt und freundliche Offenheit der Türkei zwischen Edirne, Istanbul, Konya bis zur syrischen Grenze – all das ist spürbar in den einfachen Cafés und Bäckereien, in den (oft sehr kurzen) Gesprächen am Rand, den simplen Fragen nach weiterführenden Wegen, die sich über unzählige Sprachkomplikationen und Missverständnisse hinaus immer als Realität ausweisen. Der Friede, um dessentwillen man auch unterwegs ist, wird – wohl genau so. Und Jerusalem, die wunderschöne, verlockende und uneinholbare auch – indem man auf sie zugeht. 

www.friedensradfahrt.eu
www.missio.at/news/blog

Von der Redaktion veröffentlicht am 06.05.2009

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