Gerald Helfer hat erlebt, wie die Schwangerschaft seiner Frau in den Tod seines Sohnes mündete. Als Betroffener findet er in seinem Text darüber zu einer Sprache, die großer Weltliteratur in nichts nachsteht.

Zwei Tage nach der Totgeburt meines Sohnes fuhr ich mit dem Auto in die
Arbeit: Vor mir entstand ein gewaltiger Regenbogen, und ich fuhr direkt unter ihm durch ... Ich musste lachen und weinen gleichzeitig und dachte an die Karte, die wir zur Geburt erhalten hatten: Regentropfen wie Tränen, die durch das Sonnenlicht in den schönsten Farben aufleuchteten. In den folgenden Monaten sahen meine Frau und ich so viele Regenbogen wie nie zuvor. Und immerzu mussten wir an unseren Sohn denken.   Gerald Helfer

 

Leider zu früh! Am 25. Mai wurde unser Sohn Julian geboren, in der 20. Woche. Die Schwangerschaft war von Beginn an keine leichte: Blutungen, die andauernde Furcht vor einer zu frühen Geburt und schließlich die Einlieferung in die Klinik, in der meine Frau Wochen verbrachte. Wochen, in denen keiner wusste, was man tun könne – außer zu warten. Ich saß an ihrem Bett und versuchte Zuspruch zu geben. Wir konnten nur hoffen. Hoffen, dass es Julian schaffen würde, dass er lange genug „warten“ würde.

Dann die verfrühte Geburt. Ich war dabei, wie meine Frau die Geburtswehen hatte, wie der Kopf sichtbar wurde und wie Julian meiner Frau auf die Brust gelegt wurde. Nie werde ich den Moment vergessen, als man uns alleine im Zimmer ließ. Es herrschte Ruhe, Stille, eine tiefe Liebe, die sich nicht davon abhalten ließ, dass unser Sohn tot war und er nie seine Augen geöffnet hatte. Diesen Moment kann ich nur als „heilig“ beschreiben.

Hinter einer Glaswand. Ich hielt Julian in meiner Hand, sah seine Füße, die Finger, die Ohren. Alles war da, wie perfekt. Ein Priester kam und segnete ihn, wir beteten, zündeten eine Kerze an, dann trug ihn  die Hebamme in einem Tuch vorsichtig aus dem Zimmer. Und wir blieben alleine zurück. Die nächsten Tage verbrachte ich bei meiner Frau in der Klinik. Wenn ich das Zimmer verließ, um das Auto umzuparken oder etwas zu besorgen, hatte ich das Gefühl, vom Rest der Welt abgetrennt zu sein. Ich trug eine Sonnenbrille und wollte mich vor allem schützen, was nicht in jene Welt passte, in der ich mit meiner Frau lebte. Wir weinten oder saßen einfach nur da - und versuchten zu begreifen, was passiert war.

Ferngesteuert, benommen und abgeschottet. Bald ging ich wieder zur Arbeit. Es brauchte nicht viel, und ich hätte losheulen können. Am ersten Tag ging ich noch vor Schulschluss nach Hause. Ich wollte nicht so tun, als ob nichts wäre. Ich konnte nicht mehr vor den Jugendlichen stehen. Doch überraschend bald hatte mich der Alltag wieder. Ich war froh um die Ablenkung und wollte normal weiterzuleben, wieder Boden unter den Füßen spüren.

Allein. Meine Frau und ich waren auf uns gestellt, den Schmerz mussten wir selber tragen und niemand konnte ihn so recht mit uns teilen. In den folgenden Monaten konnte ich keine Kleinkinder mehr sehen, monatelang. Und doch waren sie überall. Dieses Gefühl war mir unangenehm, ich empfand es sogar meinem Patenkind gegenüber. Immer wieder gab es Situationen, die mir einen Stich versetzten. Wenn ich durch den Wald ging, spürte ich, wie gerne ich Julian an meiner Seite gehabt hätte und wenn ich in der Buchhandlung war, spürte ich, wie gerne ich ihm Geschichten erzählt hätte. Ich wäre so gerne für ihn da gewesen. Immer wieder: wäre und hätte …

Unsicherheit und Angst. Der Gedanke, Vater eines toten Kindes zu sein, wurde für mich immer abstrakter. Ich musste zwar an Julian denken, verspürte aber nicht den tiefen Schmerz, den meine Frau verspürte. Erst langsam lernte ich zu akzeptieren, dass meine Art der Bewältigung eben eine andere war. Während meine Frau die ganze Schwangerschaft mit ihm verbracht hatte, war meine Zeit mit Julian sehr kurz gewesen. Nun sind es fast fünf Monate. Heute wäre Julians „richtiger” Geburtstag. Was mir von ihm bleibt? Die quälende Unsicherheit, ob ich mit diesem Erlebnis richtig umgehe. Die Angst, dass „Ähnliches” nochmals passieren könnte. Die Hoffnung, dass wir vielleicht doch noch eine Familie werden. Und der Regenbogen als Bild dafür, dass auch noch die dunklen Tränen im Sonnenlicht in den schönsten Farben aufleuchten.

Dieser Text ist folgendem Buch entnommen: Tomy Mullur, Andrzey Krzyzan: Frohes Warten - früher Tod. Erfahrungen, Rituale, Trauerbegleitung. Tyrolia-Verlag, E 17,95.

Von Wolfgang Ölz veröffentlicht am 18.02.2010

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