KirchenBlatt-Interview mit Alois Glück, Präsident des "Zentralkommitees der deutschen Katholiken". Die Fragen stellte Hans Baumgartner.

Bild rechts: Wegkreuzung - Die Krise der Kirche ist eine Chance. Noch ist offen, wie die Ampel gestellt wird.

Die Kirche kämpft mit einem massiven Vertrauensverlust. Die seit dem vergangenen Jahr aufgedeckten Missbrauchsfälle haben dazu beigetragen. Die Erschütterungen haben aber auch zu einer neuen Offenheit geführt, über die Situation der Kirche und über den Glauben in unserer Zeit nachzudenken.
In Deutschland hat die Bischofskonferenz dazu einen vierjährigen „Gesprächsprozess“ gestartet. Wir sprachen mit dem Präsidenten des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ (ZdK), Alois Glück. 

Alois GlückAlois Glück
ist seit November 2009 Präsident des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ (ZdK). Er gehört dem Dachverband katholischer Laienorganisationen seit 1983 an. Glück (71) war fast 40 Jahre im Bayerischen Landtag, zuletzt als Präsident tätig und gilt als einer der führenden Grundsatzpolitiker der CSU. Geprägt von der katholischen Landjugend war für den Bauernsohn die Katholische Soziallehre stets Maßstab seines Handelns. Er ist u. a. einer der Pioniere der Hospizbewegung in Bayern.  

Die deutschen Bischöfe haben zu einem landesweiten Gesprächsprozess eingeladen. Am 8. und 9. Juli gibt es eine Auftaktveranstaltung in Mannheim. Was sind die Ziele?
Alois Glück: Mit diesem Prozess haben wir eine Basis, auf der wir unter Beteiligung möglichst vieler Gruppen interessierter Katholikinnen und Katholiken einen Dialog führen können. Einen Dialog darüber, wie wir die Botschaft des Glaubens in der heutigen Zeit am besten vermitteln können und was sich in unserer Kirche gegebenenfalls verändern muss, damit wir das Evangelium bestmöglich an die Menschen heranbringen. Es geht auch darum, wie wir als Kirche wieder Vertrauen zurückgewinnen können – denn wenn man den Botschaftern nicht vertraut, wird auch die Botschaft nicht angenommen.

Sie sprechen vom Vertrauen: Wie sehr wurde dieses durch die Missbrauchsskandale – nicht nur in Deutschland – erschüttert?
Glück: Sie haben zu einem sehr großen Vertrauensverlust geführt. Da braucht man sich ja nur die Kirchenaustrittszahlen anschauen. Aber die Probleme, die sich da verschärft zeigen, haben tiefergehende und längerfristige Ursachen. Der Auszug aus der Kirche und, dass wir offenbar immer weniger Menschen mit unseren Angeboten erreichen, ist ja nicht neu. Darin zeigt sich, dass wir es nicht geschafft haben, den Wandel von der milieugeprägten Volkskirche mit ihren tradierten Ritualen und ihrem Gehorsamsglauben hin zu einer Kirche, in der es immer stärker auf die persönliche Glaubensentscheidung jeder und jedes Einzelnen ankommt, so zu gestalten, wie das notwendig gewesen wäre. Wir sind in vielen Beziehungen in der Welt der 50er und 60er Jahre stehen geblieben.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die Optionen, wohin die Kirche in Zukunft geht?
Glück: Ich denke, die Kirche steht vor einer entscheidenden Kreuzung mit drei Abzweigungen. Ein Weg führt in die Resignation. Ich erlebe heute, gerade unter Engagierten, viele Leute, die sich zurückziehen, die enttäuscht sind, ohne Hoffnung. Ein anderer Weg, den vor allem konservative Gruppen propagieren, zielt auf die „kleine Herde“ – nicht als Folge eines Prozesses, wie wir ihn gerade erleben, sondern als Überzeugung, dass es der Kirche gut tut, wenn die angeblich lauen Mitläufer nicht mehr dabei sind. Für mich ist das ein Rückzug in die eigene Selbstgerechtigkeit, in der nur eine Form des Glaubens gilt, und eine Aufgabe des Auftrags Jesu, auf die Menschen zuzugehen, zu ihnen hinzugehen, sie dort abzuholen, wo sie stehen. Und schließlich gibt es den Weg des Aufbruchs: ein Weg der geistlichen Vertiefung, ein Weg, der neue Formen der Verkündigung wagt und die dafür notwendigen Strukturveränderungen, ein Weg auch des neuen, engagierten Hineingehens der Christen in die Gesellschaft. 

Kann der anlaufende Gesprächsprozess diese Weichenstellung schaffen?
Glück: Die Chance ist da. Nach den Erschütterungen des vergangenen Jahres sehe ich, dass bei vielen eine neue Bereitschaft, aber auch ein neuer Mut da sind, Situationen und Themen zu erörtern, die über lange Zeit verdrängt worden sind. Ich habe bei der letzten Vollversammlung des Zentralkomitees (ZdK) überrascht, aber auch mit Freude festgestellt, dass in vielen katholischen Gemeinschaften, auch in vielen Diözesanräten dieser Prozess schon im Gange ist. Nun gilt es, diesen Prozess, für den die Bischöfe einen groben Rahmen von vier Jahren entworfen haben, so zu gestalten, dass daraus wirklich ein Dialog der Kirche in Deutschland wird.

Wenn man sieht, wie sich jetzt schon verschiedene Gruppen in Position bringen: Kann es da einen fruchtbaren Dialog geben?
Glück: Die Bischöfe haben dieses Problem in ihrem Hirtenwort zum Gesprächsprozess selber angesprochen und davor gewarnt, dass man „auf Barrikaden schlecht miteinander reden kann“. Ich bin überzeugt, dass es für den weiteren Weg der Kirche ganz entscheidend ist, dass wir eine bessere Gesprächs- und Streitkultur entwickeln, dass wir bereit sind, anderen offen zuzuhören. Niemand hat das Monopol auf den Heiligen Geist. Der Weg der Kirche ist ja seit dem Apostelkonzil auch geprägt von Konflikten und Auseinandersetzungen. Ich sehe darin nichts Verwerfliches, sondern ein Wirken des Heiligen Geistes. Die Probleme entstehen überall dort, wo nicht gründlich unterschieden wird zwischen dem zeitlos Gültigen unseres Glaubens und dem, was sich zeit- und kulturbedingt entwickelt hat – und das auch wieder verändert werden kann und muss, damit die Kirche ihren Grundauftrag erfüllen kann.

Gerade darüber gibt es aber einen heftigen Streit: Sollen nun Strukturen geändert werden oder muss nicht zuerst der Glaube vertieft werden?
Glück: Ich halte das für einen falschen Streit. Natürlich führen Veränderungen in der Struktur wie etwa mehr Mitbeteiligung der Laien oder die Aufhebung des Zölibats nicht automatisch zu einem tieferen Glauben oder zu einer Erneuerung der Kirche. Aber wir dürfen die Dinge nicht trennen. Denn so wie die Strukturen ausgefüllt werden, so erleben die Menschen die Kirche. So etwa haben wir in den letzten Jahrzehnten einen starken Zentralisierungsschub und eine Reklerikalisierung erlebt. Diese Entwicklung verträgt sich nicht mit den Ergebnissen des Konzils und den Erfahrungen der großen Synoden, wo Bischöfe, Theologen und Laien miteinander auf Augenhöhe um den rechten Weg der Kirche gerungen haben. Diese Entwicklung verträgt sich auch nicht mit den Erfahrungen einer Kultur der Partnerschaft zwischen Mann und Frau und nicht mit einer Kultur der Teilhabe und Eigenverantwortung (Subsidiarität). Und:  Wir müssen uns ernsthaft von den Menschen, besonders von den Enttäuschten, befragen lassen, ob unsere Sprache, unser Erscheinunungsbild, unsere Strukturen nicht zum Hindernis für die Botschaft selbst werden. Die Kirche ist ja kein Selbstzweck, sondern gestiftet, um den Menschen  in unterschiedlichen Lebenswelten, Kulturen und Lebenssituationen das Evangelium Christi zu vermitteln.

Wo sehen Sie die wichtigsten Diskussionsthemen?
Glück: Da gibt es sicher unterschiedliche Interessen- und Dringlichkeitslagen. So etwa dürfte das Thema einer Ethik der Partnerschaft und der Beziehungen und damit zusammenhängend die Frage der Sexualethik junge Menschen stärker interessieren. Aus meiner Sicht sind neue Formen der Zusammenarbeit von Priestern und Laien, insbesondere im Bereich der Seelsorge, und neue Formen der Beauftragung von Laien von zentraler Bedeutung. Wenn wir da nicht neue Wege finden, besteht die Gefahr, dass wir uns aufgrund des wachsenden Priestermangels immer stärker aus den überschaubaren Lebensräumen, in denen Menschen in Gemeinschaft Kirche erleben, zurückziehen. Die wachsende Unruhe über Pfarrzusammenlegungen und Groß-Seelsorgeräume macht das deutlich. Ein weiteres wichtiges Thema wird die Rolle der Frauen in einer partnerschaftlich geprägten Kirche sein. So gibt es eine Reihe von wichtigen Fragestellungen bis hin zum Umgang mit Menschen mit Brüchen im Leben, etwa die Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene. Wichtig ist auch das Thema der praktischen Ökumene in konfessionsverschiedenen Ehen.

Sie haben jetzt einige „heiße Eisen“ angesprochen, wo es starke Polarisierungen gibt. Wann ist für Sie der Dialog gelungen?
Glück: Wenn es uns – trotz unterschiedlicher Meinungen – gelingt, einen fairen und offenen Dialog zu führen und damit unserer Kirche wieder mehr Ausstrahlung, mehr Anziehungskraft zuwächst. Denn auf die Dauer wird die geistliche Kraft und Ausstrahlung ausschlaggebend sein. Viel Zeit bleibt uns allerdings nicht, denn ich glaube, es wird sich in den nächsten zwei Jahren entscheiden, ob das ein fruchtbarer Prozess wird oder ob das Ergebnis eine neue Welle an Frustration und Rückzug sein wird. Die Chancen stehen gerade jetzt gut, aber der Ausgang ist offen.

Der Dialogprozess

Am 17. März veröffentlichten die deutschen Bischöfe ein Hirtenwort an die Gemeinden, in dem sie für die kommenden vier Jahre zu einem Gesprächsprozess  einladen. Sie sehen die Krise als Chance für ein gründliches Nachdenken über die Zukunft der Kirche und was es heißt, „im Heute zu glauben“.

Die Bischöfe sprechen die vielen anstehenden Probleme und die sich daran entzündenden Spannungen in der Kirche an und meinen, dass dringender Gesprächsbedarf besteht. Dazu sollen alle Kanäle in den Diözesen genutzt werden. Die Bischofskonferenz hat für jedes der vier Jahre ein Schwerpunktthema festgelegt: Bestandsaufnahme, Diakonie (Dienst in der Welt), Gottesverehrung heute und Glaubenszeugnis.
Das Hirtenwort im Wortlaut: www.dbk.de

(aus KirchenBlatt Nr. 25 vom 26. Juni 2011)

Von Marianne Springer veröffentlicht am 22.06.2011

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