Das Buch "Karo und der liebe Gott" von Danielle Proskar wurde mit Schauspielern des Burgtheaters verfilmt. Redigiert von Klaus Gasperi.

Zur Erstkommunion erhält Karo von ihrem Papa ein Funkgerät. Doch kurz darauf gerät ihre Welt aus den Fugen: Hals über Kopf trennen sich die Eltern, und Karo folgt der Mutter in ein neues Heim. Beide fühlen sich einsam, traurig und schlecht. Da erinnert sich Karo an den lieben Gott, von dem sie in der Schule gehört hat. Ob er ihr vielleicht helfen kann?
Während der Übersiedlung ins neue Heim jedenfalls geht ein Teil des Funkgeräts verloren und landet in den falschen Händen, bei einem merkwürdigen alten Grantler.  

Karo saß auf ihrem Bett und betrachtete das Foto. Vor ihr stand eine offene Schuhschachtel. Sie hatte alle Familienerinnerungen ihres alten Zimmers dahinein gepfercht. Nur das Lebkuchenherz, das ihr Papa ihr geschenkt hatte, das Herz mit dem rosafarbenen „Ich-liebe-dich“-Schriftzug, das hatte sie hängengelassen. Wann immer Papa ihr früheres Zimmer betrat, sollte er auf das einsame Herz stoßen.

Karo war sauer. Auf ihre Eltern. Aber auch auf jemanden, von dem sie sich mehr versprochen hatte. Besser gesagt: von dem man ihr mehr versprochen hatte, nämlich vom lieben Gott.
Sie schnappte sich ihr Walkie-Talkie, um ihm einmal gehörig die Meinung zu sagen. „Ich bin dir total wurscht. Stimmts? Du bist ur-gemein! Aus. Ende der Durchsage!“
Dann pfefferte sie das Funkgerät ins Kopfkissen. Die Gläubigen konnten ihr den Buckel runterrutschen, das Kapitel „Gott” war damit abgeschlossen.
„He, he, brems dich ein, ja!“, tönte es aus dem Kissen zurück.
Karo hielt inne. Ihr Blick tastete sich zum Walkie-Talkie. Sie nahm es auf wie ein rohes Ei, das einen Sprung hatte, und hauchte ein zaghaftes „Hallo?“ hinein.

Eine Stimme blaffte sie an. „Was pudelst du dich denn so auf?“
Das Wort aufpudeln kannte Karo nicht, aber sie ahnte, was es bedeutete. Wer war es, der hier auf ihre Beschwerden reagierte? Musste man mit dem lieben Gott einen raueren Ton anschlagen, um sich Gehör zu verschaffen?
„Bist du’s?, fragte sie vorsichtig.
„Wer sonst?“
„Der liebe Gott?“ - Karo fixierte das Walkie-Talkie. War er es wirklich. Oder spielte ihr jemand einen Streich? Sie hielt die Ungewissheit kaum aus.
Die Stimme ließ sich Zeit. Und dann kam die Antwort: „Bingo!“
Das hätte sich Karo vom lieben Gott nicht erwartet. Aber Bingo war eigentlich okay. Karo schob also ihre Zweifel beiseite.
„Ich habe gerade gebetet wegen ...“

„Das nennst du beten?“- Karo senkte den Blick. Der Unbekannte hatte recht. Sie hatte gar nicht gebetet, sondern bloß geschimpft. Geradezu aufgepudelt hatte sie sich. Entschuldigen wollte sie sich dafür aber nicht. Deshalb fuhr sie rasch fort: „... wegen Mami und Papi.“
„Was ist mit denen?“
„Das musst du doch wissen!“
„Bin ich ein Prophet?“
Das war eine für Gott sehr merkwürdige Ansage. „Du bist gar nicht der liebe Gott! Ich glaub’ dir das nicht!“, sagte sie.
„Dann glaub’s nicht und geh dich brausen mit deiner Beterei!!“
„Wenn du der echte liebe Gott bist, dann mach, dass der Papi jetzt reinkommt und mir gute Nacht sagt.“
Karo wartete. Aus dem Walkie-Talkie kam nur ein leeres Rauschen. Doch plötzlich öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer. Peter schaute herein. Er trat an ihr Bett, küsste sie liebevoll auf die Stirn und wünschte ihr eine gute Nacht.
Karo starrte ihn entgeistert an. Peter verschwand ebenso rasch, wie er gekommen war. Erstaunt wanderte Karos Blick von der Tür zum Walkie-Talkie und weiter nach oben - himmelwärts.

Karos Blick glitt treppab, bis ein Gespräch im ersten Stock ihre Aufmerksamkeit erregte. Sätze wie „über Gott reden“ oder „ewiges Leben im Paradies“ hallten im Stiegenhaus wider. Karo folgte den Stimmen bis zum Gang. „Geht’s euch brausen im Paradies!“, rief eine Männerstimme, und dann flog krachend eine Tür zu.
Karo lugte um die Ecke. Zwei Zeugen Jehovas standen ratlos vor der geschlossenen Tür Nummer 11. “Brausen gehen” - Karo erinnerte sich sofort. Die Stimme aus dem Walkie-Talkie hatte sie mit ihrer Beterei brausen geschickt!
Normalerweise zogen die Zeugen von Wohnung zu Wohnung und versuchten Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen. Jetzt standen die beiden in ihrer Faltenrockmode da und versuchten, ihr Verkündigungsblatt in den Briefschlitz zu stopfen. Doch das löste nur eine weitere Beschimpfung hinter der geschlossenen Tür aus. Gekränkt zogen die Zeugen Jehovas weiter, um jemand anderem das Königreich Gottes nahezubringen.

"Genommen haben sie mich wegen der Zahnlücke!"

Karo und der liebe GottFür ihren Film „Karo und der liebe Gott” erhielt die Regisseurin Danielle Proskar mehrere Preise. Gedreht wurde mit Schauspielern des Burgtheaters, für die Hauptrolle wurde die junge Resi Reiner ausgewählt, die dazu nur meinte: „Genommen haben sie mich wegen meiner Zahnlücke.”

„Es geht um das tiefe Vertrauen, das dieses kleine Mädchen in den alten Mann setzt”, sagt Danielle Proskar: „Es heißt ja, Gott ist in jedem Menschen. Durch die Begegnung mit diesem Menschen ändert sich Karos Blick auf ihr gesamtes Umfeld.”

Karo wächst über sich hinaus und lernt, auch das Zerbrechliche im menschlichen Leben zu akzeptieren und daran zu reifen. 

Cover-Karo-GottDie Geschichte ist als Film (DVD E 9,99) und als Buch erhältlich:
Danielle Proskar, Karo und der liebe Gott,
Wiener Domverlag, 150 S., € 16,20

Von Marianne Springer veröffentlicht am 23.06.2010

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