Seit dem 1. Adventsonntag beten französische Katholiken die 6. Vater-Unser-Bitte in einer neuen Form. Statt „führe uns nicht in Versuchung“ heißt es jetzt „lass‘ uns nicht in Versuchung kommen (eintreten, geraten)“ *. Hier und dort schlägt das Wellen.

Walter L. Buder

Die Neuformulierung ist von den französischen Bischöfen in aller Ruhe vorbereitet worden und mit Beginn des Kirchenjahres - am 1. Adventsonntag, 3. Dezember 2017 - in Kraft getreten. Weil die Vater-Unser-Bitte ja Teil der Bibel ist (Mt 6,9f. und Lk 11,2f.), war die 2013 von Rom approbierte Einheitsübersetzung mit ein Grund für die Änderung in der Liturgie. In der Folge war die Übersetzung des Missale Romanum abzuwarten, Voraussetzung für die reguläre Wirksamkeit der Einführung einer Neuformulierung. Andere französischsprachige Diözesen (Belgien, Benin) hatten den neuen Text bereits zu Pfingsten 2017 eingeführt. Die Wahl des 1. Advent für die Einführung in der französischen Kirche stehe für die „Kirchlichkeit“ des Vorgangs. Auch die anderen christlichen Kirchen (CÈCEF = Rat der Christlichen Kirchen Frankreichs) sind dabei. Die Einladung Christi, „dass alle eins seien“ (Joh 17,21) werde auf diese Weise augenfällig.

Mehrdeutigkeit
Die nunmehr „alte“ Version war 1966 im Windschatten des 2. Vatikanums als ökumenischer Kompromiss gefunden worden. Die Formulierung „unterwerfe (soumettre) uns nicht der Versuchung“ könnte den Eindruck erwecken, als ob „eine gewisse Verantwortlichkeit Gottes in der Versuchung, die zur Sünde führt, bestünde, so als ob Gott Urheber des Bösen wäre“, erklärt der Grenobler Bischof Guy de Kerimel, Präsident der bischöflichen Kommission für Liturgie und Sakramentenpastoral. „Die Formel war unter exegetischen Gesichtspunkten nicht fehlerhaft, doch sie ist von Gläubigen oft falsch aufgefasst worden.“ Man hoffe, mit der jetzigen Version „aus der Zweideutigkeit herauszukommen“.

Apostolische Erinnerung
Auch wenn die neuformulierte Bitte in „Treue zum griechischen Urtext“ und ohne jeden Zweifel ganz im „Geist des Evangeliums“ erarbeitet und entschieden worden ist, ist es gut, an die klare Ansage zum Thema aus dem Jakobusbrief, zu erinnern: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt, denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung.“ (Jak 1,13) Die apostolische Mahnung aus frühen Zeiten lässt erkennen, dass die Versuchung gegeben ist, (einem oder seinem) Gott etwas zuzuschieben, das man selbst zu tragen nicht bereit ist oder meint, es nicht tragen zu können, zu sollen oder zu müssen. An dieser Stelle wird deutlich, dass die französischen Bischöfe mit ihrem Vorgang vor allem die „pastorale Dimension“ kirchlichen Handelns im Auge hatten.

Gottesbilder
Papst Franziskus hat sich am Nikolaustag in das im deutschsprachigen Raum schon lange schwelende Gespräch zu diesem Thema eingeklinkt. Er bestärkte die französische Variation und kritisierte das deutsche „und führe uns nicht in Versuchung“, in der er Gott in der Rolle des Verführers angedeutet sieht. Wie am Echo auf seine Intervention in den namhaftesten Medien im deutschsprachigen Raum zu erkennen war, hatte er wieder einmal „Tacheles“ geredet. Nicht zu Unrecht, weil er sehr vielen katholischen Frauen und Männern, denen das „Gebet des Herrn“ am Herzen liegt, zutiefst „aus der Seele“ gesprochen hat.
Es ist ein erfrischendes Wehen, das da aus Frankreich - verstärkt aus Rom und den Erfahrungen vieler Christen - herüberkommt. «

* In Französisch:  Das „ne nous soumets pas à la tentation“ wird zu „ne nous laisse pas entrer en tentation“.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 50 vom 14. Dezember 2017)