12. Ökumenische Sommerkademie im Stift Kremsmünster zeigt Grenzen des Wachstums auf. Expert/inn/en sind skeptisch, ob aus der Krise die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Es berichtet Matthäus Fellinger.
Bild re: Vor den Großstädten Afrikas durchwühlen Menschen die Müllhalden. Sie leben von dem, was die Wohlhabenden weggeworfen haben.
Wörtlich: Experten-Sager
Hinweis: Sendezeiten in Hörfunk und Fernsehen
12. Ökumenische Sommerakademie - Für eine gerechtere Welt!
Man darf den Markt nicht sich selbst überlassen. Er braucht Leitplanken. Bei der 12. Ökumenischen Sommerakademie wurde dies mehr als deutlich. Werden aus der Krise die richtigen Konsequenzen gezogen? Die Expert/innen sind skeptisch.
„Wir gedenken in dieser Stunde der Millionen Hungernden und Dürstenden in unserer Welt.“ So beginnt Radu Preda eine Fürbitte beim Abschlussgottesdienst der 12. Ökumenischen Sommerakademie, die vom 14. bis 16. Juli im Stift Kremsmünster abgehalten wurde. „Jesus, du willst, dass alle satt werden”, endet die Fürbitte.
„Vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich es selbst erlebt“, erzählt der orthodoxe Professor aus Cluj (Klausenburg): „Da bekamen wir Bananen höchstens einmal im Jahr zu sehen – und es gab Hunger.“ Dann die Wende: „Eine Bevölkerung, die am Verhungern war, ist von heute auf morgen in einen Kaufrausch verfallen.“ Als Erstes wurden in seinem Heimatland die Supermärkte gebaut – und die Leute versorgten sich mit allem, ob sie es sich leisten konnten oder nicht, ob sie die Dinge brauchten oder nicht. Heute steht Rumänien verschuldet da. Und Schuldenlast ist zum weltweiten Problem geworden.
Wie soll das gehen – dass alle satt werden auf der Welt? „Gerechtigkeit will ich“. So lautete das Thema der diesjährigen Sommerakademie.
Am Rand des Zusammenbruchs
Am 15. September 2008 war es ganz knapp. Der Insolvenzantrag der US-Investment-Bank Lehman Brothers brachte das Welt-Finanzsystem ganz nahe an den Kollaps. „Wir haben es nicht für möglich gehalten“, bekennt Professor Teodoro D. Cocca ein. Der Finanzwirtschaftsexperte an der Linzer Johannes Kepler Universität sah seinen Glauben an die Finanzmärkte erschüttert. Niemand wisse, was geschehen wäre, wäre der Zusammenbruch tatsächlich erfolgt. Inzwischen ist die Entwicklung weitergegangen. Die Chance zum grundlegenden Wandel wurde nicht genutzt. Jetzt müssen nicht nur Banken, jetzt müssen Staaten gerettet werden. Und einige große Banken der Welt zahlen, als ob nichts gewesen wäre, ihre Erfolgsprämien aus. Doch die Verantwortlichen der Krise sind – so Cocca – keineswegs nur bei unverantwortlichen Spekulanten zu suchen. „Viele sind Schuld an der Krise, vor allem die Politik.“
An der Wachstumsgrenze
Für den Wiener Wirtschafts-Professor Erich W. Streissler ist vor allem die Kurzsichtigkeit der Politik ein Problem. „Sie neigt dazu, nur die kurzfristigen Aspekte des Handelns zu sehen, die langfristigen aber zu übersehen.“ Die großen Wirtschaftsfragen verknüpft er ganz eng mit der Umweltthematik. Nicht, wie viel Wachstum wollen wir, sondern wie viel Wachstum ist überhaupt möglich“, dreht Streissler die Fragestellung jener um, die den Aufschwung in einem Anstieg des Wirtschaftswachstums suchen. Ein Prozent Wirtschaftswachstum hält Streissler noch für möglich, wolle man nicht eine Klimaerwärmung in einem unbewältigbaren Ausmaß riskieren. Die Grundfrage dabei: Wie viel braucht es, um die Produktion an Nahrungsmitteln für die Menschheit sicherzustellen? Das Wachstum könne nur durch verbesserte Produktionstechniken erzielt werden. Die Sicherstellung der Ernährung ist das Grundanliegen. „Immer mehr und bessere Computer helfen wenig, wenn wir nichts mehr zu essen haben“, meint Streissler.
Brot statt Treibstoff
In vielen Gegenden der Erde wird man – wegen der Klimaänderungen – mit Verwüstung rechnen müssen. Was das bedeutete, schilderte Bischof Richard Weberberger aus der brasilianischen Diözese Barreiras. Große Flächen an fruchtbarem Land werden von Großgrundbesitzern für die Produktion von Bio-Treibstoffen und von Exportgütern verwendet, während die Landbevölkerung in die Städte abgedrängt wird. Weberberger erzählte vom Einsatz der Kirche in Brasilien für die Landreform, die jedem, der will, ein Stück Land zum Leben und die dazu notwendigen Voraussetzungen zubilligt. Verkündigung des Evangeliums gehe nicht ohne dieses soziale Engagement.
Dr. Wolfgang Huber
ehem. Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
Der Theologe und ehemalige Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, untermauerte die soziale Gerechtigkeit als eine biblische Forderung. Biblische Gerechtigkeit so Huber – zielt auf das Gelingen menschlicher Gemeinschaftsverhältnisse hin. Gott nimmt Partei für die Schutzlosen: für die Witwen, denen der Schutz der Ehe fehlt, für die Waisen, denen der Schutz der Familie fehlt, und für die Fremden, denen der Schutz der bürgerlichen Gemeinschaft fehlt. Gerechtigkeit im Sinne der Bibel bringt Menschen nicht gegeneinander auf, sondern verknüpft ihr Leben miteinander. Auch die „Stärkeren“ sind in dieses Miteinander hineingenommen.
Matthäus Fellinger
Wörtlich
Dr. Michaela Moser
Europäische Armutskonferenz:
„In der Wirtschaft müssen wir stark von der Bedürftigkeit der Menschen ausgehen – die Wirtschaft braucht auch die Theologie, wenn wir gemeinsam eine Perspektive des guten Lebens verwirklichen wollen.“
Dr. Hans Diefenbacher
Univeristät Heidelberg:
„Wir müssen dafür sorgen, dass den armen Ländern nicht die Existenzgrundlage entzogen wird. “
„Wenn wenige extrem viel verdienen, muss man sich auch fragen: Was ist die Leistung, die sie erbracht haben?”
Dr. Erich W. Streissler
Universität Wien:
„Es gibt einen großen Gegenwarts-Egoismus. Aber je später wir handeln, desto größer wird der Sanierungsbedarf, und
umso teurer und schwieriger wird es, das Niveau der Nahrungsmittelverteilung sicherzustellen. ”
P. Dr. Herwig Büchele SJ,
Sozialethiker, auch engagiert im Projekt „Global Marshall-Plan“.
Der Vorrang des Spirituellen
„Politik hat die Voraussetzungen zu schaffen, dass wir nicht wegen Hungers, Krieges, Zerstörung der Umwelt zugrunde gehen.“ Darin sieht der Sozialethiker Herwig Büchele SJ die Herausforderung. Das liberalistisch-kapitalistische Wirtschaftssystem habe ohne Zweifel eine Steigerung an Lebensqualitäten gebracht.
In den letzten Jahrzehnten habe dieses auf Wachstum gebaute System chaotische Tendenzen an den Tag gelegt: an den Finanzmärkten, Zerstörung der Ökosphäre, Verknappung an Rohstoffen und sauberem Wasser, zunehmende Armut. „Die Forcierung des Wachstums lastet so schwer auf den natürlichen Funktionen der Erde, dass die Fähigkeit der Ökosysteme, gegenwärtige und künftige Teile der Menschheit zu versorgen, immer schwieriger wird.“
Statt auf Selbst- und Machtbehauptung zu setzen, plädiert Büchele für einen „Vorrang des Spirituellen“ bei der Überwindung der Krise. Die Logik der Machtkonkurrenz könne nur so durchbrochen werden. „Wo wir nicht der transzendentalen Dimension des Lebens den Vorrang einräumen, sind wir dem Kampf ums Dasein ausgeliefert, müssen auf Selbst- und Machtbehauptung setzen. Die Zwänge lassen sich nur dann durchbrechen, wenn die Mittel Mittel bleiben und nicht zu Selbstzwecken aufrücken.“ Man dürfe wagen, die Gesellschaft als Wunder zu denken.
nach obenHörfunk und Fernsehen bringen Ausschnitte aus der Sommerakademie:
Ö1: „Erfüllte Zeit“, Ö1 am 25. Juli, 7.05 Uhr, Logos, 18. und 25. September, 19.04 Uhr,
Radio OÖ: bis 5. Sept. am So., 21.03 Uhr
BR-Alpha – ALPHA Österreich: 24. Juli, 22.45 Uhr
(aus KirchenBlatt Nr. 29 vom 25. Juli 2010)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 21.07.2010

