Teil 6 (von 8) der Serie "Bausteine des Glaubens" von Mag. Erhard Lesacher: Das große "Warum" kann den Glauben erschüttern.

Warum lässt der gute Gott uns leiden?
Eine Frage, die den Glauben immer wieder tief erschüttern kann.

LesacherMag. Erhard Lesacher
geboren 1962 in Spittal a. d. Drau,
Studium der Theologie in Wien, Assistent am Institut für Dogmatik,
seit 2001 Leiter der „Theologischen Kurse“.

 

„Wenn Gott allmächtig ist, warum gibt es so viel Leid in der Welt?“ Auf diese Frage – sei sie aus existenzieller Not heraus gestellt oder als Argument gegen den Glauben formuliert – gibt es keine einfache Antwort. Für viele sind Leid, Elend und Katastrophen Anstoß, an Gott zu zweifeln und dem Glauben den Rücken zu kehren: Das Leid als „Fels des Atheismus“. (Georg Büchner, + 1837)

Untaugliche Erklärungen
Zwei gängige Erklärungsversuche für das Leid sind widerlegt: Krankheit und Leid als Erziehungsmittel Gottes. – Einwand: Welches Erziehungsziel würde Gott bei einem verhungernden Baby verfolgen? Das Leid als Strafe für die Sünde des Menschen. – Einwand: Warum leiden oft Unschuldige, während Täter offenkundig ein gutes Leben führen?

Durchkreuzte Antworten
Die Bibel bezeugt ein intensives Ringen um diese Frage. Zweifellos ist die „Straftheorie“ in vielen Textstellen zu finden. Aber das Buch Ijob durchkreuzt alle Versuche, das Leid mit Gott „zusammenzureimen“: Ijob wird gegen seine Freunde – allesamt eloquente Vertreter der „Straftheorie“ – Recht gegeben: Leid ist nicht ursächlich die Folge früherer Sünden. Auch Jesus lehnt Spekulationen über das Woher des Leids ab. Auf die Frage „Rabbi, wer hat gesündigt …, sodass er blind geboren wurde?“ antwortet er „weder er noch seine Eltern“ (Joh 9,2f). Jesus bringt die göttliche Kraft zur Veränderung und Überwindung des Leides ins Spiel. Es geht ihm nicht um das Woher, sondern um das Wohin des Leids: um Heilung, aber auch um das Vor-Gott-Ausharren: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46)

Die Geduld Gottes
Die Frage bleibt: Wenn Gott Liebe ist, warum sieht die Welt so aus, wie sie aussieht? Warum greift Gott nicht ein? Benedikt XVI. hat das Problem treffend auf den Punkt gebracht: „Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe.“ Sie ist das Zeichen Gottes, der selbst die Liebe ist. Wie oft wünschten wir, dass Gott sich stärker zeigen würde. Dass er dreinschlagen würde. Wir leiden unter der Geduld Gottes. Und doch brauchen wir sie alle. Der Gott, der Lamm wurde, sagt es uns: Die Welt wird durch die Geduld Gottes erlöst.

Die Allmacht der Liebe
Es ist also notwendig, die Allmacht Gottes mit seinem Liebe-Sein zu verknüpfen: Liebe ist gewaltlos. Gottes Allmacht ist die Allmacht seiner Liebe: Der allmächtige Gott vermag alles, was Liebe vermag. Und: Liebe ist nur scheinbar ohnmächtig: „Entscheide Dich stets für die Liebe! Wenn Du Dich ein für allemal dazu entschlossen hast, wirst Du die ganze Welt bezwingen. Die dienende Liebe ist eine ungeheure Kraft. Sie ist die allergrößte Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht.“ (F. Dostojewski)

Der mitleidende Gott
Der Gott, der Liebe ist, steht gegen das Leid, und er nimmt Anteil am Wohl und Wehe seiner Geschöpfe. In Jesus hat er das Leiden und die Leidenden zu seiner Herzenssache gemacht. Sein Mit-Leiden ist nicht Zeichen von Schwäche. Gott geht im Leiden der Welt nicht unter. Seine Gegenwart in den Leidenden zielt auf Stärkung und letztlich auf die Überwindung des Leidens. Gottes Liebe ist stärker als Sünde und Tod und verheißt universale Rettung, Gerechtigkeit und Heilung allen Leids.

Billige Vertröstung?
Der mitleidende Gott sucht Mitleidende und Mit-Liebende, die sich Gottes Geist öffnen und in der Nachfolge Jesu das Leid, soweit wie möglich lindern oder es mittragen und begleiten.
Die Liebe Gottes bewahrt mich nicht vor allem Leid, aber sie bewahrt und trägt mich in allem Leid. Entscheidend ist, dass ich im Leid nicht von Gott lasse. Auch das Klagegebet ist eine Weise, mit Gott in Beziehung zu bleiben. Wie Ijob, der Gott seinen Schmerz hinschreit. „Was immer dir widerfährt, mach es zu einem Gebet.“ (Tomas Kaupeny) 

Impulse

Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm.
1. Johannesbrief 1,5

Nur der leidende Gott kann helfen.
Dietrich Bonhoeffer

Gelassenheitsgebet:
Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine
vom anderen zu unterscheiden.
Reinhold Niebuhr zugeschrieben

Muss ich auch wandern
in finsterer Schlucht,
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab
geben mir Zuversicht. 
Psalm 23,4

(aus KirchenBlatt Nr. 20 vom 16. Mai 2013)