Das Mikwe in Hohenems ist das älteste jüdische Ritualbad Österreichs. Eine Ausstellung zeigt die Praxis dieses Rituals einst und heute. Susanne Emerich berichtet.
Wasser spielt in vielen Kulturen und Religionen eine wichtige Rolle als Symbol für das Reinwerden, als Ausdruck des Lebens und des Neubeginns. Eine Ausstellung in Hohenems zeigt die Praxis des jüdischen Ritualbades einst und heute.
In Hohenems befindet sich ein kleines historisches Juwel: Neben der ehemaligen jüdischen Schule steht das älteste jüdische Ritualbad Österreichs, die seit 1829 existierende „Mikwe“. Nach aufwändigen Renovierungsarbeiten ist das Gebäude jetzt als Dependance des Jüdischen Museums öffentlich zugänglich. Neben dem Einblick in die historischen Gemäuer bieten derzeit auch zwei Sonderausstellungen im Jüdischen Museum einen Zugang zum Thema “Mikwe”: In der einen Ausstellung dokumentieren Fotografien von Peter Seidel die jahrtausendealte Geschichte jüdischer Ritualbäder in ganz Europa, in der anderen geben Interviews aus „The Mikvah-Project“ Einblick in die Funktion der Mikwe und spannen einen Bogen von ihrer traditionellen Bedeutung hin zur Rolle der Mikwe in der heutigen Zeit.
Magische Ausstrahlung.
Die Fotografin Janice Rubin (Foto links) erinnert sich, wie sie von der magischen Ausstrahlung der Mikwe fasziniert war: „Als Kind habe ich mich immer in das Hinterzimmer der Synagoge geschlichen und die Mikwe bestaunt: ein grün gekacheltes Becken, größer und tiefer als ich. Meine Mutter sagte, hier würden die Bräute baden. Die engen Stufen hinuntergehend spürte ich, wie sich meine Sinne schärften. Ich stellte mir die Frauen vor, die vor mir hier gewesen waren. Ich spürte eine persönliche Verbindung mit all den Frauen, die dieses alte Ritual eingehalten haben.
Das gemeinsam mit der Autorin Leah Lax entstandene „Mikvah-Project“ ist nun erstmals in Europa zu sehen. Die einzigartigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Janice Rubin liefern ein intimes Bild über Frauen und ihre persönlichen Erfahrungen in der Mikwe.
Übergang in die „Reinheit”.
Seit 2000 Jahren wird dieses Ritual, zumeist von Frauen, praktiziert. Um vom „unreinen“ Zustand in den rituell reinen zu gelangen, müssen jüdische Frauen traditionellerweise ein Tauchbad, die Mikwe, besuchen. Dieses Bad hat keinerlei hygienische Funktion, sondern dient ausschließlich zur Erlangung der Tahara, der geistigen und spirituellen Reinheit. Es ist dabei bedeutsam, dass die „Wasseransammlung“, so die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Mikwe“, mit „lebendigem“ Wasser (frischem Quellwasser) gespeist wird.
Ein spirituelles Erlebnis.
Wer besucht nun die Mikwe? Prägende Ereignisse wie Hochzeit, Geburt, die Berührung mit Toten, aber auch die Konversion zum Judentum erfordern nach jüdischer Tradition einen Besuch in der Mikwe. Auch regelmäßige Ereignisse wie der Schabbat oder der weibliche Zyklus werden mit dem Besuch in der Mikwe begangen. Viele Frauen sehen im Eintauchen ins Bad ein spirituelles Erlebnis, bei welchem sie dem Schöpfer direkt gegenüberstehen. Das Tauchbad erinnert an die Unschuld der Geburt, deshalb soll das Eintauchen auch in einer embryonalen Haltung erfolgen. Es verleiht dem Körper der Frau „etwas Sakrales”. Aber nicht nur die Seele und der Körper der Frau werden durch die Mikwe geheiligt, sondern auch ihre ganze Familie.
Männer können die Mikwe ebenfalls besuchen, etwa vor dem Schabbat oder vor dem Morgengebet. Sogar neues Geschirr wird, um ganz „koscher” zu werden, in der Mikwe untergetaucht.
Hintergrund:
Die Bedeutung der Mikwe
Aus dem 1. Jahrhundert nach Christus ist die erste Mikwe überliefert. Bis heute werden diese Tauchbäder errichtet, entweder als Teil eines Synagogenbaus oder freistehend. Eine Vielzahl rabbinischer Anweisungen regelt die Funktionalität der Mikwe, um die „Lebendigkeit“ des Wassers zu gewährleisten.
Während in historischen Mikwen das Wasser meist kalt war, erlaubte die Hohenemser Mikwe ein „komfortableres“ Tauchbad, da das Kaltwasser mit zugeführtem Warmwasser vermischt wurde. Entscheidend ist, dass beim Eintauchen der gesamte Körper untergetaucht wird. Nichts darf den Kontakt mit dem Wasser verhindern, weder ein Kleidungsstück noch Kosmetik oder Schmuck.
Heutige Mikwen gleichen mehr einem modernen Bad. Gut ausgestattete Räume sind inzwischen Standard, außerdem werden Kosmetikartikel zur Verfügung gestellt.
Auf dem Internetradio des Jüdischen Museums wird der vielstimmige Diskurs über die Mikwe, über Freiheit und Ritual, Sexualität und Religion hörbar. Während der Ausstellung sendet Radio Mikwe von 9.00 bis 20.00 Uhr Interviews und Informationen, Musik und Reportagen. www.radiomikwe.at
Ausstellung
GANZ REIN!
Jüdische Ritualbäder – Fotografien von Peter Seidel
Das Mikwen Projekt – Fotografien von Janice Rubin
und Texte von Leah Lax
Radio Mikwe
Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems, bis 3. Oktober
Di - So, 10 - 17 Uhr.
Von Marianne Springer veröffentlicht am 15.04.2010
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