Dr. Markus Hofer fand in den neu erschienen "Franziskus-Quellen" spannende Geschichten über den Heiligen aus Assisi, die nicht in den offiziellen Biographien stehen.
Bild rechts: Diese Bronzeplastik stellt den jungen Franziskus dar, der auf den Kreuzzug wollte und nach dem Traum von Spoleto („Wem dienst du?") am nächsten Tag als blamierter Ritter heimkehrt, auf der Suche nach seinem eigenen Weg.
In den neu erschienenen „Franziskus-Quellen“ finden sich auch spannende Geschichten, die nie Eingang in die offiziellen Biografien gefunden haben, weil sie zu widerständig waren, zu quer zu den Interessen des inzwischen großen Ordens und der Kirche standen. Der Kardinal, den er in der folgenden Szene regelrecht in den Senkel stellt, ist niemand anderer, als der spätere Papst Gregor IX.
„Als der selige Franziskus auf dem Generalkapitel zu Santa Maria von Porziuncola war, welches man ‚Mattenkapitel’ nennt, und bei dem fünftausend Brüder waren, sagten mehrere weise und wissenschaftlich gelehrte Brüder zum Herrn Kardinal, dem späteren Papst Gregor, welcher auf dem Kapitel anwesend war, er solle dem seligen Franziskus nahelegen, die Ratschläge der erwähnten weisen Brüder zu befolgen und sich mitunter von ihnen leiten zu lassen. Dabei beriefen sie sich auf die Regel des seligen Benedikt, des seligen Augustinus und des seligen Bernhard, welche lehrten, so und so im Orden zu leben.
Als er die Aufforderung des Kardinals hierzu gehört hatte, nahm ihn der selige Franziskus bei der Hand, führte ihn zu den auf dem Kapitel versammelten Brüdern und sprach wie folgt zu ihnen: ‚Meine Brüder! Meine Brüder! Gott hat mich auf den Weg der Demut gerufen und mir den Weg der Einfalt gezeigt. Ich will nicht, dass ihr mir irgendeine Regel nennt, weder die des heiligen Augustinus noch die des heiligen Bernhard oder des heiligen Benedikt. Der Herr hat mir auch gesagt, er wolle, dass ich ein neuer Narr in der Welt sei. Und Gott wollte uns auf keinem anderen Weg führen als auf dem dieser Wissenschaft. Durch eure Wissenschaft und Weisheit aber wird euch Gott zuschanden machen. Ich aber vertraue auf die Polizisten des Herrn, dass er euch durch sie bestrafen wird, und zu eurem Schimpf werdet ihr dereinst zu eurem Stand zurückkehren, ob ihr wollt oder nicht.’
Da schwieg der Kardinal betroffen, und alle Brüder fürchteten sich.“
Franz von Assisi wollte seinen Weg gehen, den ihm Gott eingegeben hatte. Er wehrte sich, wie diese Passage eindrücklich zeigt, mit Händen und Füßen dagegen, sein Lebenswerk von den „weisen Brüdern“ verwässern zu lassen und da konnte er offensichtlich sehr vehement werden.
Markus Hofer
Er forderte die Regel wortwörtlich ein
Fresko von Benozzo Gozzoli (Kirche San Francesco, Montefalco).
Die Geschichte, in der Franz von Assisi sich als „neuen Narr in der Welt“ bezeichnet, bringt auch seine Probleme mit den „weisen Brüdern“ zum Ausdruck. Die Begebenheit fällt genau in die Zeit, in der die Frage nach einer umfassenden Ordensregel aktuell wurde.
Für den Kardinalsprotektor und die „weisen Brüder“, also die Studierten, wäre es ein praktischer Kompromiss gewesen, sich einer der bestehenden Ordensregeln anzupassen. Damit hätten sie gleichzeitig die Radikalität der Armut etwas mildern können.
Die zynische Anspielung auf die Wissenschaft zeigt, dass es nicht die einfachen Brüder der ersten Zeit, sondern die hoch gebildeten Mitbrüder waren, die jene Anpassung forderten; und mit denen der vergleichsweise ungebildete, man könnte fast sagen anti-intellektuelle Franz von Assisi immer seine Probleme hatte.
Der massive Angriff auf „Wissenschaft und Weisheit“ ist ein authentischer Zug, zumal das sein Problem mit der Entwicklung des Ordens in den letzten Lebensjahren war. Auch die Regel wurde von „weisen Brüdern“ immer wieder pragmatisch ausgelegt und angepasst, sodass er sich kurz vor seinem Tod genötigt sah, in einem Testament nochmals deutlich zu machen, dass er die Regel wortwörtlich und nicht anders verstanden wissen wollte. Dieser letzte Wille hielt allerdings nicht lange.
Vier Jahre nach seinem Tod erklärte Papst Gregor IX. die Weisungen des Testaments für nicht verpflichtend.
Markus Hofer
(aus KirchenBlatt Nr. 28 vom 18. Juli 2010)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 15.07.2010

