Die Quellentexte des hl. Franziskus sind nun nach 40 Jahren komplett auf Deutsch erschienen. Bericht von Dr. Markus Hofer über den Versuch, sich dem wahren Sachverhalt durch Vergleiche der verschiedenen Quellen zu nähern.
zu: Hintergrund - Er legte alles ab
„Die wahre Geschichte“ des Franz von Assisi gibt es nicht. Alle Autoren hatten ihren Blickwinkel und ihre eigenen Interessen. Doch dem wahren Sachverhalt kann man sich annähern, wenn in detektivischer Kleinarbeit die Schilderungen der verschiedenen Quellen miteinander verglichen werden.
„Woher weiß man das alles?“, werde ich nach Vorträgen über Franz von Assisi immer wieder gefragt. Fromme Erbauungsbüchlein bieten meist ein sehr simples Bild dieses großen Heiligen. Doch es gibt kaum eine Figur des 13. Jahrhunderts, die durch so viele hochwertige Quellen dokumentiert ist. Allerdings ist damals niemand mit der Kamera neben ihm hergelaufen. Viele der Bücher sind im Auftrag der Ordensleitung entstanden, und die hatte natürlich ihre konkreten Anliegen. Somit muss man sich verschiedene Fragen stellen: Wer hat jeweils was geschrieben? Wie berichten es andere? Wie hat sich die Darstellung im Lauf der Zeit verändert? Und: Welche Interessen hatte der Autor?
Nur wenig eigene Schriften
Franziskus selbst hat nur wenig geschrieben. Es gibt einige Gebete, Erbauungstexte, Briefe und natürlich die Regeln. Biografische Aussagen beinhaltet fast nur das eindrückliche Testament, mit dem er seinen Mitbrüdern die konsequente Befolgung seiner Regel gleichsam “einbläute”.
Zweierlei Biografien
Zwei Jahre nach seinem Tod im Jahr 1226 wurde Franz von Assisi in einem Schnellverfahren heilig gesprochen. Zu diesem Anlass gab Papst Gregor IX. beim Mitbruder Thomas von Celano die erste Lebensbeschreibung in Auftrag. Thomas kannte vieles aus eigenem Erleben und konnte aus der frischen Erinnerung vieler schöpfen. Gleichzeitig suchte er die Absichten seiner Auftraggeber zu erfüllen, indem er Franziskus als Beispiel der Heiligkeit und des Gehorsams darstellte. Ein Stück Verniedlichung muss man dem amtlichen Biografen schon unterstellen, denn einige Ecken und Kanten wurden so abgeschliffen.
Mündliche Erzähltraditionen
Viele Geschichten, die Celano nicht erfasst hat, wurden mündlich weitererzählt, sodass die Ordensleitung den Auftrag erteilte, diese Begebenheiten unter den noch lebenden Augenzeugen zu sammeln. Daraus verfasste Celano 1246 eine zweite, ausführlichere Lebensbeschreibung. Aus diesen Erinnerungen stammt auch die sogenannte Dreigefährtenlegende. Darin sind die Erinnerungen von drei Brüdern festgehalten, die fast von Beginn an dabei waren. Diese Texte sind weniger poetisch, erscheinen dafür aber umso authentischer. 1260 wurde der Generalobere Bonaventura beauftragt, ein für alle verbindliches „Franziskusleben“ zu verfassen. Deshalb erließ die Ordensleitung den Befehl, alle anderen Schriften zu vernichten. Einige Brüder aber versteckten die früheren Schriften, sodass diese überlebten. Als das Verbot zehn Jahre später wieder aufgehoben wurde, entstanden erneut Sammlungen von Texten, vor allem jene von Perugia, die Geschichten berichtet, die in keiner offiziellen Biografie Eingang fanden. Gerade diese „inoffiziellen“ Textsammlungen sind heute von besonderem Interesse, denn manches klingt hier doch sehr anders.
Der „Omnibus” ist angekommen
Intern wurde das Projekt als „Omnibus“ bezeichnet. Es zog sich über Jahrzehnte hin und wurde sehnsüchtig erwartet. Nun sind erstmals alle bedeutenden Quellen zu Franz von Assisi und seiner Bewegung in deutscher Übersetzung in einem Gesamtwerk erschienen. Auch die wichtige Textsammlung von Perugia ist hier komplett enthalten. Die wissenschaftlichen Anmerkungen sind für das eigene Studium sehr hilfreich. Fazit: ein (ge)wichtiges Werk, für das man nur dankbar sein kann.
Markus Hofer
Hintergrund
Er legte alles ab
Bekannt ist die Szene, in der sich Franz von Assisi vor dem Bischof und der Menge ganz nackt auszieht, um seinem leiblichen Vater alles zurückzugeben, was er von im bekommen hat. In seiner Radikalität ist die Szene auch gar nicht anders denkbar, als dass er sich tatsächlich völlig nackt auszieht. So schildern es die ältesten Quellen: „Er legte sofort all seine Kleider ab, warf sie hin und gab sie dem Vater zurück. Nicht einmal die Hose behielt er zurück, völlig entblößte er sich angesichts aller.“ (1. Buch von Thomas Celano
Diese Schriften erschienen zu einer Zeit, als in Assisi noch Augenzeugen dieses Ereignisses lebten. Jahrzehnte später hatte der Orden jedoch Mühe mit dem Bild des nackten Gottesmanns. In der späteren Lebensbeschreibung “verfrömmelt” Celano die Szene und nimmt ihr damit die als delikat empfundene Pointe. Franziskus erscheint jetzt nicht mehr ganz nackt, sondern mit einem rauen Bußgewand um die Hüften.
Bonaventura stellt den Heiligen endgültig in die Tradition früher kirchlicher Büßer: „Er zog ohne Verzug seine Kleider aus und gab sie dem Vater zurück. Da sah man nun, dass der Gottesmann unter seinen feinen Gewändern auf bloßem Leib ein Bußkleid trug.“
Markus Hofer
Bild (Giotto): Die segnende Hand des Vaters im Himmel genügt Franziskus - von so viel Gottvertrauen erschreckt, greift der Bischof rasch nach einem Tuch, um die Nacktheit des Heiligen zu verhüllen.
Buchtipp:
Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), Franziskus-Quellen,
ca. 1800 Seiten, Verlag Butzon&Bercker, € 100,80
(aus KirchenBlatt Nr. 26 vom 4. Juli 2010)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 30.06.2010

