"Tage der Utopie" im Bildungshaus St. Arbogast. Es berichtet Dietmar Steinmair.

zu: Interview mit Josef Kittinger 

"Geburtlich leben" - Abhängigkeit als Prinzip des Denkens

Zum 5. Mal seit ihrem Start 2003 locken die „Tage der Utopie“ nach St. Arbogast. Ein anspruchsvolles Programm mit Vorträgen, Dialogen, Video-Installationen, neuer Musik und „soliden Querdenkern“ brachten über 1200 Anmeldungen. Ina Praetorius, die „postpatriachale Philosophin“, wird eine der Referent/innen sein.

Die Kunst der Frage wird in unserer Gesellschaft stiefmütterlich behandelt. „Dabei sind Fragen oft wertvoller als Antworten“, so die Kuratoren der Tage, Hans-Joachim Gögl und Josef Kittinger. Fragen öffnen für die beiden Visionäre den Raum für eine Idee, „für einen Hebel, der zuvor nicht sichtbar war“. Fragen gehen einen Schritt weiter als die Antworten vorher, sie durchbrechen den ewigen Kreis des Naheliegenden. Fragen schaffen Raum - für eine Utopie.

Denken für diese Welt
Dabei ist Utopia, wie man nun fürchten könnte, kein fernes Reich in der Phantasie wirrer Philosophen. Utopisches Denken hat seinen Platz eindeutig in dieser Welt. Ansonsten ist es wertlos.
Was in dieser Welt gilt es also zu be-denken? Was, um in der Diktion der Veranstalter zu bleiben, gilt es zu be-fragen? Der Blick bleibt schnell hängen am bestimmenden Thema der letzten Jahre: Finanzkrise, Weltwirtschaft, globale Abhängigkeit. Die US-amerikanische Immobilienkrise 2008 und ihre weltweiten Auswirkungen stecken bis heute noch tief in den Knochen. Euro-Rettungsschirme werden aufgespannt, weil staatsbudgetäre Leichtigkeit irritiert und Spekulanten zum Spekulieren einlädt. Wohin dreht sich die Spirale?

Geburtlich leben
Doch zurück zum Anfang. Ina Praetorius, die sich selbst als „postpatriarchale Philosphin“ bezeichnet, ist im Blick auf die Welt zunächst einmal einfach dankbar. Für das, was die vielen Menschen - im Normalfall unbekannterweise - um sie herum  machen, damit sie ein beheiztes Haus, einen vollen Kühlschrank und einen Computer zum Schreiben zur Verfügung hat.
Es geht noch grundlegender: „Nicht ich habe mich hergestellt, und auch meine Mutter hat mich nicht gemacht. Sie war ihrerseits Tochter einer Tochter“, schreibt die Schweizerin in ihrem Beitrag für die Publikation zu den „Tagen der Utopie 2011“. Im Weiterfragen kommt sie letzlich an den Anfang, zu Gott, der für sie weniger der Herr im Himmel, sondern der „Inbegriff des Bezogenseins“ ist. Dankbarkeit und Frömmigkeit gehen für Ina Praetorius ineinander über.

Ironie und Engagement
Für St. Arbogast hat sich die studierte Germanistin und Theologin nichts weniger als einen Gang durch die (Wirtschafts-) Geschichte der Menschheit vorgenommen. Ihre Formulierungen sind pointiert, manche Worte bewusst provokant gewählt, ihr Stil ist durchgängig engagiert. Sie halte sich nun mal lieber an die biblischen Propheten als an die Denker der Aufklärung, die sich selbst für vernünftig und autonom erachteten. Ironie ist eine der Waffen der freien Autorin und Lehrbeauftragten.
Die Geschichte der Ökonomie ist für Praetorius eine Geschichte von Abhängigkeiten und beginnt - wie so oft - in der Antike. Kriege bescheren den griechischen Stadtstaaten Gefangene. Die Welt wird fortan zweigeteilt in abhängige und unabhängige Angehörige der menschlichen Gattung. Der typische Großhaushalt (griech. „oikos“) hat einen Mann als Besitzer, eine Familie und viele Sklaven. Letzere arbeiten, während ersterer die Unabhängigkeit als das Wesen der Menschen bestimmt, der stets von oben definiert und kontrolliert.

Was wirklich existiert
Der Markt, der - lehrbuchmäßig - ein Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse sein will, setze diese Zweiteilung fort, so Praetorius. Der „coole Bonibanker“ verleugne sein eigenes Angewiesensein und delegiere es an Untergebene. Um die so genannten „Schwachen“ solle sich der Staat kümmern.
Und hier beginnt für Praetorius die Krise. Erstens, weil die als abhängig definierten Menschen sich zunehmend weigern, als stumme Dienstleister zu funktionieren. Und zweitens, weil die Natur, aus der alle leben, die zerstörerischen Folgen nicht länger erträgt, die sich aus der Abkoppelung der vermeintlich unabhängigen, höheren Menschen ergeben. Praetorius warnt : „Die wirkliche Krise ist nicht die Krise der Banken, sondern die der so genannten Umwelt. Denn im Gegensatz zum Geld existieren Meere, Pole, Wüsten, Gletscher und unsere verletzlichen Körper wirklich.“
Den Gegenentwurf formuliert die Theologin in einer Frage: „Wie würde eine Welt aussehen, in der alle Menschen sich wieder als abhängig erkennen? Und gleichzeitig als handlungsfähig?“ Auf ihre Antwort bei den „Tagen der Utopie“ darf man gespannt sein.

Gesamter Beitrag von Ina Pratorius „Geburtlich zusammen leben“

 
Interview mit Josef Kittinger

Kittinger JosefJosef Kittinger, einer der beiden Initiatoren der „Tage der Utopie“:
„Die Utopie wagt einen Perspektivenwechsel vorzustellen, unerprobt, zerbrechlich, ergänzungsbedürftig.“  

Was ist „utopisches Denken“?
Utopisches Denken ist unsere Fähigkeit, sich nicht von Problemen schieben, sondern von Visionen anziehen zu lassen. Die Utopie beginnt mit der gefährdeten Besiedlung eines Ortes, der in der Geschichte immer der war, den wir später dann bewohnten.

Zu den Themen heuer gehören auch „Direkte Demokratie” und „Bürgerbeteiligung”. Kann die Kirche hier etwas lernen?
Noch mehr als die offizielle Politik, die in Gefahr ist, die Demokratie einzuschläfern. Ein riesiges Potential könnte sich in der katholischen Kirche zeigen, wenn echte Mitbestimmung z.B. auch in Fragen der Leitung realisiert würde. Menschen mögen mitgestalten, wenn sie das Gefühl haben: Ich werde gefragt. Ich werde gehört. Ich habe etwas zu sagen.

Was ist die wichtigste Herausforderung an die Gesellschaft in der Zukunft?
Einen Lebensstil zu finden, der gutes Leben für alle Menschen und Lebewesen ermöglicht, auch die künftigen Generationen. Das ist möglich! Wir stehen in einer dynamischen Phase der Transformation, viel mehr Menschen sind davon berührt, als es in unseren Medien sichtbar ist. Sie sind beseelt von der Vision eines „enkeltauglichen Morgenlandes".

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Von Marianne Springer veröffentlicht am 04.05.2011

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