Die Türen des Caritas Baby Hospitals in Bethlehem stehen seit 1952 jeden Tag offen – für alle Kinder und Mütter, ungeachtet ihrer Religion und Herkunft. 34.000 Kinder und Babys werden jährlich behandelt und betreut. „Wir sind da“, das Leitwort des Krankenhauses, ist Anspruch und Verpflichtung zugleich.

zu: Vor 60 Jahren ...

von Walter Fikisz

Buchstäblich in letzter Minute kommt der kleine Issam mit seiner Mutter zur Aufnahme ins Caritas Baby Hospital. Der Kleine wirkt apathisch, sein Blutdruck ist abgefallen, das Herz rast. Die Diagnose: eine schwere Sepsis. Die Ärzte reagieren schnell, Issam wird mit dem Notwendigsten versorgt, bald ist er außer Lebensgefahr. Er wird noch einige Zeit im Krankenhaus bleiben müssen, aber das große Unheil ist vorerst abgewendet.

Anlaufstelle für jede Familie
Für seine Eltern wurde das Baby Hospital in Bethlehem wieder einmal zur Anlaufstelle in höchster Not. Oft sind sie schon hier gewesen, wenn Issam oder eines seiner sechs Geschwister als Folge der schlechten Lebensbedingungen der neunköpfigen palästinensischen Familie krank geworden war. Früher, als er zur Arbeit nach Jerusalem fahren durfte, sei alles noch einfacher gewesen, erzählt Issams Vater. Seit er seine Genehmigung zum Passieren der „Mauer“ verlor, habe er keine neue Arbeit gefunden. Und damit fehle die Grundlage zum Erhalt seiner Familie.
Glücklicherweise behandelt das Baby Hospital seine kleinen Patienten aber auch, wenn deren Eltern keine oder nur einen kleinen Teil der Behandlungskosten tragen können. Ganz egal, ob sie Moslems oder Christen sind, ganz egal, woher sie kommen. Und das seit mittlerweile 60 Jahren. 1952 vom Schweizer Ernst Schnydrig mit 14 Betten in einem einfachen Haus gegründet, werden im heutigen modernen Krankenhaus in drei Abteilungen und ambulant jährlich 34.000 kleine Patienten behandelt. 

Dr. Hiyam Marzouya„Natürlich nicht nur Notfälle“, erzählt Chefärztin Hiyam Marzouqa (links), „oft sind es banale Kinderkrankheiten, Erkrankungen der Atemwege oder des Verdauungstraktes, Fehl- oder Unterernährung.“

Aufklärungsarbeit
Hinzu komme das Problem, dass junge Frauen zu früh verheiratet werden und mit ihren Kindern nicht zurande kommen. Das Personal bezieht daher die Mütter intensiv in die Pflege mit ein. In der Mütterschule lernen die Frauen, wie sie einer erneuten Erkrankung ihrer Kinder vorbeugen können. Ein Team von Sozialarbeiterinnen steht den Familien der Patienten bei.

Kontrast
Neben der Pflege und Wissensvermittlung geht es Doktor Marzouqa aber auch um den Geist und die Stimmung im Kinderspital. Seit zwei Jahren kommt regelmäßig ein Clownpaar zu Besuch auf die Station, ausgewählt aus zwölf Mitarbeitern, die neben ihrer eigentlichen Aufgabe am Kinderspital für die Clown-Therapie speziell geschult wurden. Überhaupt wird auf klassische Spitalsatmosphäre wo immer möglich verzichtet. Die Behandlungszimmer sind farbenfroh bemalt - im Kontrast zum trüben Alltag draußen in der Westbank, erklärt die Chefärztin. „Man muss sich Mühe machen, damit unsere Kinder hier Freude haben an ihrem Leben. Sie sind auf die Welt gekommen mit einer Mauer vor dem Gesicht. Viele wissen nicht, welche Freiheit und welch schönes Leben es dahinter gibt.“

Intensivstation
Durch einen großen Umbau im Jahr 2010 und stetigen Ausbau kann das Krankenhaus mittlerweile auch intensivmedizinisch arbeiten, freut sich Chefärztin Marzouqa. Denn der Transport eines Kindes über die Grenze nach Israel kann zum Spießroutenlauf werden. Meist gibt es erst nach mehrstündiger Bürokratie die Erlaubnis für den Krankentransport. Am Checkpoint muss der kleine Patient dann auch noch vom palästinensischen in den israelischen Krankenwagen umgeladen werden. „Im schlimmsten Fall kann das Kind an der Grenze sterben“, schildert die Ärztin. Und dieses Prozedere wird sich vermutlich nicht so schnell ändern, befürchtet sie: „Es gibt leider keine Anzeichen, die uns hoffen lassen, dass bald bessere Tage kommen.“
Für die Eltern und ihre kranken Kinder bleibt daher das Baby Hospital vorerst eine Brücke der Hoffnung über ihre täglich erfahrenen Eingrenzungen hinweg. Für den kleinen Issam die Rettung in letzter Minute.

Vor 60 Jahren

Bethlehem, Heilig Abend 1952: Auf dem Weg zur Geburtskirche sieht Pater Ernst Schnydrig, wie ein verzweifelter Vater sein totes Kind in der Nähe eines palästinensischen Flüchtlingslagers im Morast begräbt. Der Sohn eines Walliser Bauern ist tief erschüttert und handelt: Er mietet ein Haus, stellt 14 Betten hinein und nennt es „Caritas Baby Hospital“.
Er gewinnt den palästinensischen Arzt Dr. Antoine Dabdoub und die Schweizerin Hedwig Vetter für sein Projekt. Nie wieder soll einem Kind am Geburtsort Jesu medizinische Hilfe verwehrt bleiben.

Baby-Hospital BethlehemDas anfängliche Provisorium entwickelt sich zu einem modernen Kinderspital. 1978 wird ein Neubau mit 82 Betten eingeweiht, 2010 erhält die ambulante Klinik neue Räume, und die Mütterschule wird erweitert.

Finanziert wird das Krankenhaus über den Verein „Kinderhilfe Bethlehem“ von Mitgliedern aus der Schweiz, Deutschland, Italien und Österreich. Die Beiträge der Eltern tragen nur etwa fünf Prozent zur Kostendeckung bei.

www.kinderhilfe-bethlehem.at

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Von Marianne Springer veröffentlicht am 04.07.2012

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