Günter Fruhtrunk, das ist nach dem Besuch dieser Ausstellung in Vaduz klar, ist nicht nur das Comeback des Jahres, sondern die längst fällige Wiederentdeckung eines Künstlers, der in seinen diagonalen Streifen dem Betrachter nichts weniger als Ausschnitte eines universalen, gigantischen, über das physische hinausgehende, eben meta-physischen Farb-Klang-Universums schenkt.
Wolfgang Ölz
Günter Fruhtrunk zeigt in seinen großformatigen Werken nur einen Teil jener universalen Vision, die er bei seiner Arbeit vor Augen hatte. Wahrscheinlich war es auch das ständige Hören von Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen, die den großen Maler zu diesen „rhythmisierten Farbintervallen“ anregte. Diese Intervalle wirken wie die Ausschnitte aus einem großen Gefüge, dessen Ordnungsprinzip sich aber letztlich unserem Zugriff entzieht (Katharina Arnold).
Bilder sind chronologisch
Die Ausstellung von Günter Fruhtrunk ist im Kunstmuseum in Liechtenstein weitgehend chronologisch gehängt. Auf diese Weise lässt sich die Entwicklung des späteren Professors an der Akademie der Bildenden Künste München (ab 1967) gut nachvollziehen. Der junge Fruhtrunk war bereits früh in Paris, wo er sich schrittweise vom Konstruktivismus eines Malewitsch abwandte und von den klaren geometrischen Formen wie Kreis, Kreisausschnitt, Rechteck und Kreuz zu einem klaren Vorzug der Farbe und zwar in seinen charakteristischen, diagonalen Streifen fand.
Etwas Meditatives
Die verschieden breiten Streifen werden dabei horizontal, vertikal oder vor allem auch diagonal gesetzt, dabei entsteht beim Betrachter so etwas wie ein existentielles Oszillieren, im Akt des Betrachtens wird sich der Betrachter bewusst, dass er betrachtet. Günter Fruhtrunks Kunst hat ohne Frage etwas Meditatives. Es sei die Bemerkung gestattet, dass Kunst und Religion, Malen und Beten in gewisser Weise hier in Eins fallen. Religion mag in diesem Zusammenhang allerdings mehr als Achtsamkeit des Zen-Buddhismus und nicht als die Erfahrung eines persönlichen, christlichen Gottes definiert sein.
Die Liebe zur Musik
Eine erstmalige Entdeckung hier in Vaduz ist auch eine Sammlung von kleinformatigen Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers, die als Studien oder aber als abgeschlossene Werke betrachtet werden können, deren kunsthistorisch endgültige Bewertung allerdings noch aussteht. Fulminant ist jedenfalls der letzte Raum, der wandfüllende Werke versammelt, die in ihren Titeln oft direkt auf die von Fruhtrunk so geliebte und im Arbeits-Alltag ihn ständig begleitende, klassische Musik anspielen. Da gibt es Werke wie „Staccato (1970)“, „Cantus Firmus (1968)“ oder „Große Kadenz (1973)“. Alles aber ist getaucht in eine große Stille, in der die reinen Klänge und Farbintervalle umso klarer zu hören und zu sehen sind. Auch ist es wieder dieses immaterielle riesige Kraftfeld, das so wie die Töne einer verzaubernden Musik, den Raum durchzieht.
Eine Reise wert
Beachtenswert ist das in seinem Todesjahr 1982 geschaffene ca. 2 x 3 Meter große Bild „Orpheus“. Es ist ganz in Schwarz gehalten, abgesehen von leichten weißen Streifen, die das Bild schräg durchziehen. Orpheus, der als Lebender ins Totenreich hinabsteigen muss, ist eine überaus scharfe existentielle Metapher für einen Künstler, der in seiner Not und Depression den Freitod wählte und durch die Hölle des eigenen Ichs gehen musste. Nietzsches Worte: „Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss“ sind hier sehr, sehr nahe. Seine schönste Zeit verbrachte Günter Fruhtrunk vielleicht in den Ateliers seiner französischen Künstlerkollegen von Fernand Leger und Jean Arp in den 50er Jahren in Paris, wobei letzterer ihm sogar ein Gedicht mit Anklängen an Nietzsche gewidmet hat. Es ist beachtlich, wie Günter Fruhtrunk seinen ganz eigenen Stil gefunden hat, der ohne Frage zum Welt-Kunst-Erbe zu rechnen ist. Das hohe Maß an philosophischer Reflexion, die Fruhtrunk seinem Werk zugrunde legte, lässt sich in einem Leseraum in der Ausstellung nachvollziehen. Das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz ist diesen Sommer jedenfalls für alle Kunstliebhaber eine Reise wert.
Zu Leben und Ausstellung, Koordinaten des Museums
Biographisches. Günter Fruhtrunk wurde 1923 in München geboren und schied 1982 durch Selbstmord aus dem Leben. 1951 führte ihn ein erster Studienaufenthalt nach Paris, 1952 arbeitete er im Atelier von Fernand Leger, 1955 bei Jean Arp. Ab 1967 hatte er eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1968 nahm er an der Weltkunstausstellung, der documenta IV, in Kassel teil.
Zur Ausstellung
Günter Fruhtrunks geometrisch-abstrakte und ungegenständliche Malerei verbunden mit gesellschaftspolitischem Engagement, erweist sich in der Rückschau als eine der nachhaltigsten und inspirierendsten Positionen der deutschen Kunst der Nachkriegszeit.
Günter Fruhtrunk. Farbe Rhythmus Existenz. Ausstellung bis 2. September,
Kunstmuseum Liechtenstein, Städtle 32, 9490 Vaduz.
T 00423 235 03 00
www.kunstmuseum.li
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr
Von Simone Rinner veröffentlicht am 09.08.2012

