Beim UN-Umweltgipfel „Rio+20“ wird über drängende Umweltprobleme verhandelt. Ob am Ende verbindliche und nachhaltige Lösungskonzepte stehen, wird sich zeigen. Michael Kopatz, Sozialwissenschafter und Umweltexperte, ist davon überzeugt, dass Umwelt- und Klimaschutz einen „tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Wandel“ erfordern.

zur Sache: Uno-Gipfel "Rio+20"

Interview: Susanne Huber

Die Umwelt ist auch 20 Jahre nach dem ersten UN-Umweltgipfel in Rio 1992 massiv belastet. Was sind Ihre größten Kritikpunkte?
Michael Kopatz: Es hakt an allen Ecken und Enden und das schlimmste Versagen ist beim Klimaschutz zu verzeichnen. Der Kernpunkt ist im Endeffekt die wirtschaftliche Wachstumsfrage. Indien, China, auch die USA haben große Angst sich entgegenzukommen, weil sie um ihr Wirtschaftswachstum bangen. Deshalb ist es wichtig, sich jetzt grundsätzlich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Wirtschaft in den Industriestaaten funktionieren kann ohne riesige Wachstumsraten. Da gibt es verschiedene Lösungskonzepte wie etwa die Stärkung der Regionalwirtschaft. 

Dr. Michael KopatzDr. Michael Kopatz
ist Sozialwissenschafter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.
Er befasst sich seit 25 Jahren mit Umweltpolitik.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik.  

„Wo die Welt aus dem Ruder läuft“ – zu diesem Thema haben Sie unlängst einen Vortrag in St. Virgil in Salzburg gehalten. Wo läuft denn die Welt aus dem Ruder?
Michael Kopatz: Ich beziehe mich vor allem auf die ökologischen Problemlagen und von denen gibt es Dutzende. Zum Beispiel die Ressourcenknappheit, die wir bei Öl schon deutlich merken. Sehr hohe Spritpreise machen unserer Wirtschaft zu schaffen, dabei haben wir schon die Hälfte des weltweit verfügbaren Öls verbraucht. Ein anderes Beispiel ist der Klimawandel. Die globale Erwärmung hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts um knapp ein Grad erhöht. Nur mit einem enormen Engagement kann es uns gelingen, die Erderwärmung bis 2050 auf zwei Grad zu begrenzen. Für Deutschland und Österreich würde das bedeuten, dass sie ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent reduzieren müssen – also von gegenwärtig je 10 Tonnen pro Kopf im Jahr auf zwei Tonnen. Das ist extrem, denn selbst wenn wir uns viel Mühe geben, nur einmal in zehn Jahren einen Interkontinentalflug unternehmen, kein Auto fahren und ein energiesparsames Haus haben, kommen wir vielleicht auf 5 Tonnen pro Kopf im Jahr. Wenn wir also zwei Tonnen erreichen wollen, brauchen wir einen tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozial-kulturellen Wandel.

Was muss sich konkret ändern?
Michael Kopatz: Am Beispiel Österreich ist mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien der wirtschaftliche Strukturwandel in weiten Teilen schon auf den Weg gebracht. Wobei es hakt sind die Effizienzstrategien. Das heißt, es muss heute nicht nur langfristig der Energieträger ausgetauscht werden, sondern wir müssen auch den Energieverbrauch um mindestens 60 Prozent reduzieren. Das wird nur gelingen, wenn wir auch unseren Lebensstil verändern. Ideal wäre, wenn solche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die unseren
Lebensstil ändern, ohne dass wir bewusst
darüber nachdenken müssen. Ein Beispiel
dafür ist, dass ab Juli 2012 nur noch A+ Kühlschränke verkauft werden dürfen und es die Vielverbraucher gar nicht mehr im Handel gibt. Das entlastet die Konsument/innen und sie brauchen sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Man bekommt einfach effizientere, energiesparende Geräte.
Andere wichtige Rahmenbedingungen wären die Spritpreise zu erhöhen, Fliegen zu begrenzen, Tempolimits einzuführen, schrittweise Autos mit geringerem Gewicht zu produzieren, die immer weniger CO2 ausstoßen dürfen. Was wir brauchen sind aber nicht nur technische Veränderungen, sondern auch sozial-kulturelle Veränderungen. Das ist die Erkenntnis aus den vergangenen 30 Jahren.

Zum Beispiel ...
Michael Kopatz: Ein Auto können sie technisch so optimieren, dass es weniger verbraucht, sie können technisch dafür sorgen, dass das Gerät mit einem anderen Kraftstoff vertrieben wird, etwa elektrisch oder mit erneuerbarer Energie. Die sozial-kulturelle Seite ist, dass die Leute sich ein Auto mit anderen teilen, dass sie öfters mit dem Fahrrad fahren, dass sie andere Verkehrsmittel nutzen wie Bus oder Bahn. Da müssen die Menschen ihr Verhalten umstellen. In Wien und Graz bräuchten vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung ein eigenes Auto. Die anderen könnten sich ein Auto teilen. Carsharing insbesondere in den Städten ist das Mobilitätskonzept der Zukunft in Verbindung mit Bus und Bahn. Es ist alles eine Frage der Kultur und des Lebensstils.

Das ist ein Beispiel dafür, was jeder Einzelne von uns gegen den Klimawandel tun kann ...
Michael Kopatz: Was jeder selber tun kann, ist eine unendlich lange Kette, aber die Leute werden nur das machen, was einigermaßen bequem ist wie Altpapier sammeln. Doch all das, was die lebensweltliche Praxis betrifft, wird man nicht antasten, ohne dass man einen Schubser bekommt, weil sich jeder denkt, was hilft es, wenn ich jetzt weniger autofahre oder auf den Flug nach Mallorca verzichte, wenn die anderen es doch sowieso machen. Niemand will den Klimawandel persönlich, aber alle wirken daran mit. Deshalb ist es wichtig, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass alle mitmachen müssen, dass alle langsamer fahren müssen und leichtere Autos haben. Das ist gesellschaftlich viel realistischer, als wenn man weiterhin moralisch an den Einzelnen einen Appell richtet.

Gesetzliche Vorgaben sind also notwendig ...
Michael Kopatz: Genau, in Kombination mit Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen. Wir müssen den Deckel drauflegen und dürfen nicht noch mehr Produkte kaufen, die immer mehr Energie verbrauchen. Das ist die große Herausforderung. Glauben Sie nicht, dass die Leute jetzt mit ihrem Plasmafernseher zufrieden sind und erst dann einen neuen kaufen, wenn der alte kaputt ist. Diese Zeiten sind längst vorbei. Bei Handys ist es genau das Gleiche. Wenn wir Handys vier Jahre statt zwei Jahre benutzen würden, hätten wir den Ressourcenverbrauch halbiert – nur durch diese einfache Maßnahme.

Wie kann das umgesetzt werden?
Michael Kopatz: Das ließe sich umsetzen, wenn man auf Handys eine gesetzliche Gewährleistung von vier oder fünf Jahren festlegt. Die Hersteller müssten sich ganz neu ausrichten und sich darum kümmern, dass das Gerät lange genug hält, dass es reparaturfreudig ist, dass es Servicestellen für Handys gibt. Das würde ich am liebsten für alle Geräte einführen, vom Kühlschrank über die Mikrowelle bis hin zum Kopierer und Drucker. Aber prinzipiell ist die Debatte der Umsetzung unheimlich schwierig.
Wenn sie in Deutschland die Benzinpreise jährlich sagen wir drei oder fünf Cent anheben, dann gäbe es einen riesen Aufschrei. Das gilt als politischer Selbstmord. Genauso ist es mit der Forderung nach Tempolimits – diese kleinste und selbstverständlichste Maßnahme, die nur Vorteile bringt, traut sich hier kein Politiker einzufordern. Die Aufklärungsarbeit wird viel stärker dahingehen müssen, die Menschen aufzufordern, dass sie sich etwas zumuten. Das ist natürlich eine immens große Herausforderung. Man muss darauf hoffen, dass es mutige Politiker/innen und Entscheidungsträger/innen gibt, die bereit sind, auch eine Wahlschlappe in Kauf zu nehmen. Und es braucht auch mutige Wählerinnen und Wähler.

ZUR SACHE

UNO-Gipfel „Rio+20“
Von 20. bis 22. Juni findet in Rio de Janeiro der UN-Umweltgipfel „Rio+20“ statt. Rund 50.000 Diplomaten, Wissenschafter, Lobbyisten und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen sind angekündigt, unter ihnen auch 120 Staats- und Regierungschefs.

20 Jahre nach dem ersten Umwelt­gipfel, der ebenfalls im brasilianischen Rio stattfand, wollen die Verantwortlichen über eine Reform der UNO-Institutionen für Umwelt- und Entwicklungspolitik diskutieren. Ziele sind, die Weichen für eine „grünere“ Wirtschaft zu stellen, den Kampf gegen Armut zu intensivieren und die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt zu schützen. Konkret will sich die Staatengemeinschaft beim Gipfel auf einen Fahrplan für die Zeit ab 2015 verständigen. Dann laufen die acht UN-Millenniumsziele aus dem Jahr 2000 aus, die u. a. vorsahen, bis 2015 die Zahl der Hungernden weltweit zu halbieren. An die Stelle der Millenniumsziele könnten die „Sustainable Development Goals“ (SDG) treten, die Kriterien für eine umweltverträgliche Entwicklung formulieren sollen. Zur Diskussion steht ferner auch, die Umweltorganisation UNEP der Vereinten Nationen zu stärken und einen UN-Rat für nachhaltige Entwicklung einzurichten.

Die Erwartungen sind hoch, die Probleme drängend: Seit der ersten Konferenz 1992 ist der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase um ein Drittel gestiegen. Eine Waldfläche von der Größe Argentiniens wurde abgeholzt, große Teile der Ozeane dienen als Müllkippe, Fangflotten überfischen die Weltmeere. Nur ein Prozent der Meeresfläche steht unter Schutz. 30 Prozent der bekannten Arten droht das Aussterben. Ein Viertel der globalen Landfläche ist so ausgelaugt, dass die Böden keinen Ertrag mehr geben. Dabei wuchs die Bevölkerung im gleichen Zeitraum um 1,5 auf heute sieben Milliarden. Bis 2050 erwarten Statistiker bis zu neun Milliarden Menschen. 

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Von Marianne Springer veröffentlicht am 21.06.2012

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