Die Lefebvre-Anhänger lehnen entscheidende Lehren des Konzils und der Päpste ab. Von Hans Baumgartner.
„Das ist kein Sturm im Wasserglas. Das ist eine echte Krise“, sagt der Innsbrucker Dogmatiker Jozef Niewiadomski. „Jetzt steht das Selbstverständnis der Kirche in der modernen Welt auf dem Prüfstand – und wie weit sie selber das II. Vatikanische Konzil ernst nimmt.“
Mit Dekret vom 21. Jänner wurde die Exkommunikation jener vier Bischöfe aufgehoben, die 1988 trotz eines päpstlichen Verbotes von Erzbischof Lefebvre geweiht worden waren. „Ich hoffe“, so der Innsbrucker Dogmatiker, „dass die dadurch ausgelöste Krise zu einem gründlichen Prozess des Nachdenkens und der Unterscheidung der Geister in der Kirche führt. Dabei geht es nicht nur darum, wie die Kirche mit dem unsäglichen Holocaust-Leugner Richard Williamson umgeht. Diese Krise drängt nach einer grundlegenden Klärung, ob die Kirche das II. Vatikanische Konzil und die dort gestellten Weichen ernst nimmt“, verweist Niewiadomski auch auf zahlreiche Wortmeldungen von Kardinälen, Bischöfen und Theologen der letzten Tage.
Die Kluft. Jetzt sei die Stunde da, sich endlich genauer anzusehen, was an der Piusbruderschaft (Anhänger Lefebvres) problematisch ist, bevor man sie in die Kirche zurück- bzw. hereinholt. „Solange die Lefebvrianer außerhalb der kirchlichen Rechtsordnung stehen, ist es ihre Sache, das II. Vatikanum als Verrat am Glauben und als Ursache für den Verfall der Kirche abzulehnen. Bekommen sie aber in der Kirche einen Platz, dann stellt sich unausweichlich die Frage, was das II. Vatikanum gilt“, sagt Niewiadomski. Es sei nämlich eine weit verbreitete Verharmlosung, dass es der Piusbruderschaft nur um traditionelle Frömmigkeit und um die lateinische Messe ginge. „Diese Bewegung lehnt zentrale Lehraussagen des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche, über die Sendung der Kirche in der modernen Welt, über das Verhältnis zu anderen Konfessionen und Religionen und über die Religionsfreiheit ab.“ Besonders schmerzlich sei der in der Lefebvre-Bruderschaft weit verbreitete Antisemitismus, der vom II. Vatikanum entschieden verurteilt wurde und im Widerspruch zur Wertschätzung des Konzils für das Judentum als von Gott erwähltes Volk, als ,Wurzel des Christentums‘ stehe. „Politisch wird von den Lefebvrianern die neuere Soziallehre der Päpste abgelehnt. Menschenrechte, Demokratie, die gleiche Würde aller Menschen, die Trennung von Kirche und Staat sind für Lefebvre und seine Anhängerschaft keine Errungenschaft, sondern Fehlentwicklungen“, betont Niewiadomski.
Die Wurzeln. Lefebvre war politisch stark von der „Action française“ und Charles Maurras, einem ihrer führenden Ideologen, geprägt, sagt Niewiadomski. Das war eine religiös-nationalistische, antisemitische und autoritäre Bewegung, die den katholischen Staat anstrebte. Religiös gehörte Lefevbre zu jener Gruppe auf dem Konzil, die in der weltfeindlichen, sich abschottenden, allein seligmachenden und unökumenischen Kirche des 19. Jahrhunderts das Heil sah.
Der Knackpunkt. „Dieser Hintergrund macht verständlich, dass ausgerechnet die Erklärung über die Religions- und Gewissensfreiheit für Lefebvre zum Knackpunkt wurde, wo er mit dem Konzil brach. Er erkannte genau, dass es sich hier um einen gewaltigen Umbruch in der Kirche handelte. Da ging es nicht um ein strategisches Zugeständnis an die Moderne, sondern um einen Glaubenswert, um eine grundlegende, der Würde des Menschen und dem Beispiel Jesu entsprechende Glaubenshaltung“, betont Niewiadomski.
Glaubensfreiheit bedeute nicht, dass man die eigene Wahrheit aufgibt und alles beliebig ist, sondern dass man Respekt hat vor dem Glauben (oder Nichtglauben) anderer sowie vor anderen Religionsgemeinschaften, in den sich auch „Elemente des Heils und der Wahrheit“ finden, wie das Konzil sagt. Glaubensfreiheit bedeutet auch, dass man jeden Druck zur Bekehrung ablehnt. „Bis heute bekämpft die Piusbruderschaft diese Position“, berichtet Niewiadomski. Es sei daher nicht verwunderlich, dass der von Papst Johannes Paul II. konsequent gegangene Weg der Religionsfreiheit, der jeden Zwang und jede Gewalt im Namen der Religion ablehnte und den Dialog der Religionen als eine der zentralen Herausforderungen sah, als Gräuel gesehen werde.
So habe Lefebvre das Friedensgebet der Religionen in Assisi als „größte Gottlosigkeit in der Kirche“ bezeichnet. Für Lefebvres Anhängerschaft gelte bis heute, dass sie das II. Vatikanum nur als „pastorales Konzil“ sehen, das keine für den katholischen Glauben verbindliche Lehraussagen gemacht habe.
(Bild rechts: Bischof Williamson sorgte mit seiner Leugnung der Judenvernichtung für weltweite Aufregung. Doch die Lefebvrianer stehen nicht nur mit dieser Position außerhalb der Kirche)
Dieser Beitrag ist im Vorarlberger KirchenBlatt (Nr. 7 vom 15. Februar) veröffentlicht.
Von Marianne Springer veröffentlicht am 11.02.2009

