Das KirchenBlatt sprach mit der Fachhochschulprofessorin Dr. Tanja Eiselen über ihre Beweggründe, sich taufen zu lassen.

In der Bregenzer Pfarre Mariahilf bereiten sich zwei erwachsene Frauen auf die Taufe vor. Warum sie jetzt in eine Institution eintritt, aus der so viele austreten (möchten) - das fragte KirchenBlatt-Redakteur Wolfgang Ölz eine der Taufwerberinnen.

Dr. Tanja EiselenDr. Tanja Eiselen ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie besuchte die Redaktion des KirchenBlattes gemeinsam mit ihrem Schäferhund Joe.  

Zu Beginn der Fastenzeit haben Sie im Feldkircher Dom ihre Taufzulassung gefeiert. In der Osternacht werden Sie dann getauft. Was bewegt Sie zu diesem Schritt? 
Der Gedanke geht mir schon länger im Kopf herum. Ich glaube schon an Gott. Ich bin aus historischen Gründen nicht getauft worden, das war eine Entscheidung meiner Eltern. Ich habe mit zunehmendem Alter gespürt, dass mir das irgendwie fehlt, diese Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Das war der Ausgangspunkt. Dann habe ich mich in der Pfarre Maria Hilf, das ist die Pfarre in der ich wohne, erkundigt, ob das überhaupt geht. Ich wusste ja gar nichts,  weil man ja normalerweise im zarten Jugendalter getauft wird.
Das allmähliche in diese Gemeinschaft Hineinwachsen hat mir so etwas wie Heimat vermittelt. Die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen, meine Taufvorbereitung, ist sehr  intensiv. Ich treffe mich fast jede Woche mit meinem Taufbegleiter Dr. Patrick Gleffe und das bereichert mich unglaublich.

Franziskus hatte sein Schlüsselerlebnis vor dem Kreuz in San Damiano mit den Worten „Bau meine Kirche wieder auf“. Gibt es in ihrem Leben ein ähnliches Erlebnis?
Eine Erfahrung, die mich schon sehr lange begleitet, ist folgende: Wenn ich in den Bergen unterwegs bin und ich mich stundenlang geplagt habe und dann auf dem Gipfel stehe, dann fühle ich eine ganz tiefe Besinnlichkeit. Ich denke dann: Mein Gott, ist das schön.
Im Laufe der Taufvorbereitung hatte ich kürzlich auch ein ganz außergewöhnliches Erlebnis. Vor zwei Wochen wurden wir mit dem Katechumenenöl gesalbt, und als Pfarrer Rudi Siegl mir mit dem Öl ein Kreuz auf die Stirn zeichnete, da hatte ich die Augen geschlossen und es hat sich so intensiv angefühlt, fast als ob es brennen würde. Alle haben sich so gefreut, dass ich das so intensiv empfinden konnte.  Ich habe schon das Gefühl, und das klingt jetzt vielleicht albern, Gott freut sich, dass ich dazukomme. Er zeigt es mir, etwa auch durch dieses Erlebnis der Taufvorbereitung.

Gibt es Angelpunkte, wo Sie sagen, von da an hat sich etwas mit Gott entwickelt?
Diese kleinen Erfahrungen habe ich in der Natur immer, wenn ich so über mich selber hinauswachse. Wenn ich eine Herausforderung annehme, mich nicht aufgebe, sondern durchhalte, sprich einen Gipfel erklimme oder eine besonders schwierige Passage beim Klettern schaffe, und dann denke, ja da war jemand, der hat mir geholfen. Wenn ich mich darauf einlasse, dann war da eine unterstützende Hand, die er mir gereicht hat. 

Ist die Taufe in diesem Zusammenhang ein Schritt zu auf Gott?
Es ist ein Schritt auf die Legitimation zu. Ich gehe in eine Gemeinschaft, die sich dazu bekennt. Es ist wie heiraten, wenn man hinsteht und sagt, ja ich will mit dir. Man kann ja auch so zusammenleben, aber es ist etwas anderes, wenn man sich öffentlich bekennt, bei der Taufe genauso wie bei einer Hochzeit.

Wie haben Sie die Taufbegleitung durch Patrick Gleffe erfahren?
Diese Begleitung ist unglaublich schön. Der Herr Gleffe und ich gehen immer spazieren. Wir gehen bei jedem Wetter raus in die Natur und besprechen  dann meine Fragen. Auch meine relative Unerfahrenheit in kirchlichen Ritualen hat hier ihren Platz.
Er ist unglaublich klug und belesen und wir diskutieren auch viel, was heißt dieses und jenes im Sinne der katholischen Kirche. Wir durchdringen das dann quasi gemeinsam. Im Gegensatz zu einer Kindertaufe ist da ja viel mehr bewusste Wahrnehmung dabei. Nach den Gottesdiensten, wenn wieder ein wichtiger Schritt gemacht worden ist, sprechen mich viele aus der Gemeinde an und sagen: „Mein Gott, wenn ich das miterlebe, bin ich richtig neidisch, dass du das so bewusst erleben und mitgehen kannst.“ Es ist sehr schön zu erleben, was da emotional und intellektuell passiert. Insofern ist die Erwachsenentaufe eine ganz große Chance.

Ist Ihnen die Pfarre Mariahilf zu einer spirituellen Heimat geworden?
Die Pfarre ist bei mir gleich ums Eck. Wenn die vielen Termine für die Taufe vorbei sind, dann möchte ich mich da schon auch engagieren. Ich könnte zum Beispiel etwas mit den Jugendlichen machen, weil ich durch den Beruf da viel Erfahrung habe. Ich würde auch gerne ein Lektorat übernehmen, um so am Gemeindeleben teilnehmen zu können. 

Sie sind seit 2002  als Professorin für „Human Ressource Management“ an der Fachhochschule Vorarlberg. Hat die Taufe auch  Konsequenzen für ihren beruflichen Alltag?
Das glaube ich jetzt eher nicht. Ich ermögliche in meinem Fach „Betriebswirt“ den Jugendlichen eine Erfahrung ihres menschlichen Seins. Ich schule zukünftige Führungskräfte. Da geht es sehr viel um Selbstreflexion, die Wirkung auf andere und um die Übernahme von Verantwortung. Das sind ja durchaus auch Themen, die man in der Bibel wiederfindet. Trotzdem wird das meine berufliche Tätigkeit nicht groß beeinflussen.  

Wie erfahren Sie den Schritt in die Kirche?
Ich erlebe es auch als Sinnbereicherung. Für mich macht es Sinn, mich zu engagieren für andere und Gutes zu tun, das was der Glaube unter Caritas versteht. Ich habe schon immer gerne ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen, primär im Sport, weil mir das naheliegt.

Wie sehen Sie die Missbrauchsdebatte in Bezug zu ihrer Glaubensentscheidung?
Ich unterscheide zwischen Kirche und Glaube. Ich glaube, die Kirche als Institution bedarf einer Erneuerung, die momentan in eine gute Richtung losgeht. Aber diese Schwarzweißmalerei, zu sagen, ich trete jetzt aus der Kirche aus, weil sie unglaubwürdig ist,  wegen dieser Vorfälle, das halte ich für eine einseitige Sichtweise. Ich werde natürlich auch gefragt: „Da willst du eintreten, wo im Moment alle austreten?“ Dann sage ich, ja genau und deshalb. Ich halte den organisierten Glauben, und das ist für mich Kirche, für eine gute Sache. Dass in so einer Institution, wie im übrigen auch in anderen Institutionen, Macht missbraucht wird, ist eigentlich klar. Aber da ist die Kirche meines Erachtens  aufgerufen, etwas zu tun. Aber da kann ich nur etwas tun, wenn ich ein Teil davon bin. Insofern finde ich diesen Prozess, der momentan läuft, sehr sinnvoll. Mich irritiert das jetzt nicht in meiner Entscheidung.
Wolfgang Ölz

ZUR SACHE

Der Wind hat gedreht

Die Pastoraltheologin Prof. Dr. Regina Polak von der Universität Wien hat sich intensiv mit der demografischen Entwicklung der Kirche beschäftigt. Sie stellt fest, dass sich heute Menschen ohne jeden kirchlichen Hintergrund  taufen lassen. Obwohl noch eine kleine Gruppe, als Soziologin liest sie darin einen Trend für die Zukunft ab.
Im Literaturmagazin der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ wird das neue Buch der ehemaligen Rockröhre und Punklady Nina Hagen vorgestellt. Der Pastor Matthias Neumann  zeichnet darin ihren Weg zur Freundin Jesu nach. Die Schilderung der langen Reise der Nina  Hagen zu Gott ist signifikant für das Verhältnis des ehemaligen Linken-Flaggschiffs „Die Zeit“: Die Sympathie für Kirche(n) und Christentum, aus der Sicht der „Zeit“ political incorrect, hat sich in bestimmten Milieus längst festgemacht und führt Marx´ These vom Verschwinden der Religion in der modernen Welt einmal mehr ad absurdum.
Wolfgang Ölz

Von Marianne Springer veröffentlicht am 24.03.2010

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