Helmut Gaßner ist buddhistischer Mönch im Letzehof. Im Gespräch mit Redakteur Wolfgang Ölz spricht er über seine Berufung, subtile Differenzen der Religionen und die Bergpredigt.
Bildergalerie rechts: Eindrückliche Bilder vom Besuch im buddhistischen Kloster von Rainer Juriatti (ins 1. Bild klicken)
Im Buddhistischen Kloster und Studienzentrum Letzehof über Feldkirch wird seit 1982 die Lehre des Buddha unterrichtet. Das KirchenBlatt führte mit den Leiter des Hauses, dem Mönch Helmut Gaßner (re) ein Gespräch, das Nähe und Distanz zwischen Buddha und Christus auf faszinierende und dialektische Art offenbarte.
Dem Besucher zeigt sich an diesem sonnigen Sommertag bei der Zufahrt zum Letzehof ein farbenfrohes Bild. Die Gebäude leuchten in strahlenden Farben, überall flattern tibetanische Fähnchen im Wind und an der Wäscheleine hängen dicht aneinander gereiht buddhistische Ordenskleider in ihrem typischen Rot. Ein junger Mönch redet Vorarlberger Dialekt in ein Handy, und weist anschließend den Weg in den Meditationsraum. Der Schuhe entledigt treffen wir dort den Leiter des Hauses, Helmut Gaßner, der geduldig, kompetent und vollständig in sich ruhend einer Reisegruppe Auskunft über die buddhistischen Lehren gibt. Herr Gaßner spricht eben über den Moment, wenn sich im Sterben der Geist vom Körper löst.
Das Konzept der Wiedergeburt und die christliche Überzeugung vom ewigen Leben bei Gott nach einem einmaligen Erdenleben widersprechen sich natürlich zentral. Wie der buddhistische Mönch aber darüber spricht, dass nach dem Tod die Seele nicht mehr im Leichnam präsent ist, und wie heilsam es ist, der Verstorbenen mit guten Gedanken zu gedenken, da steht er in unmittelbarer geistiger Verwandtschaft zum Christentum. Auf die Frage, ob er sich als Meister sieht, der den Menschen, die zu ihm kommen, einen Weg weist, sagt er: „Ich bin kein Meister. Ich bin einfach ein älterer Mönch, und die Aufgabe eines Mönchs ist es, Fragen zu beantworten, und das versuche ich so gut ich kann.“
Tief beeindruckt vom mönchischen Leben
Im Christentum, in der katholischen Kirche, wird von der Berufung gesprochen, ein personaler Gott, der „liebe Gott“ ruft einen Menschen in eine engere Nachfolge. Ich wollte von Herr Gaßner wissen, wie jemand ein buddhistischer Mönch wird.
Gaßner: „Es gibt verschiedene Auslöser. Manche sind einfach tief beeindruckt, wenn sie Mönche sehen, die in ihrem korrekten Verhalten beeindruckend sind, und die einem sehr essentielle Ratschläge geben können, wenn man sie um Rat fragt. Dann gibt es aufgrund von solcher Bewunderung bei manchen jungen Leuten den Wunsch, ein solches Leben zu führen. Sonst kann es auch sein, dass man Erklärungen eines großen Meisters aus dem Buddhismus über Tod und Vergänglichkeit hört und sich bewusst wird, dass wir eigentlich ein Leben führen, wo wir dauernd nur nach kurzfristigen Dingen streben, die innerhalb von ein paar Jahren vorbei sind."
Bewusstsein des eigenen Todes als Kern der Berufung
Gassner weiter: "Damit verbunden ist auch das Bewusstsein, dass das Dasein mit dem Ende des Lebens nicht fertig ist, sondern dass es, wie der Buddhismus lehrt, eine Wiedergeburt gibt. Entscheidend ist dabei das Verhalten in diesem Leben. Alles was man aus Gier und Hass tut, sät negative Samen über dieses Leben hinaus, alles was man aus Vertrauen, Geduld, Wertschätzung anderer und klarem Verstehen der Wirklichkeit tut, setzt positive Akzente für das kommende Leben. Wenn diese Erkenntnis sehr klar wird, dann verliert das Streben nach den Vergnügungen dieser Welt jeglichen Reiz, dann sieht man das Leben als etwas sehr Wertvolles, wo man etwas sehr Weitreichendes schaffen kann, dann versteht man die Daseinsform des Mönchs vielleicht als jene Daseinsform, in der dieses positive Ziel sehr gut angestrebt werden kann.“
Für ihn selbst war das Bewusstsein des Todes und die rasche Vergänglichkeit des Lebens eine entscheidende Erkenntnis, sich für das Mönchstum zu entscheiden. Auch dieses „Zähle-Deine-Tage!“ von Kohelet ist, so mein Einwurf, eigentlich sehr katholisch. Herr Gaßner bestätigte: „Ja, diese Gedanken sind in der Tat sehr katholisch. Bei einem kürzlich in Batschuns abgehaltenen Seminar mit Prof. Roman A. Siebenrock war ich auch eingeladen. Da waren lauter Vertreter der katholischen Religion, die zugehört haben. Unter anderem wurde ich gebeten, die Bergpredigt zu kommentieren. Im Gegensatz zu einer Wortmeldung aus dem Publikum, man könne die Bergpredigt nur in abgeschlossenen klösterlichen Gemeinschaften leben, habe ich entsprechend heftig geantwortet, dass das gar nicht der Fall ist, sondern dass das im täglichen Leben zu verwirklichen ist. Da hat niemand eine Gegenrede gehabt, und Prof. Siebenrock hat mich tatkräftigst unterstützt.“
Verschiedene Auffassungen von Gott
Unterschiede gibt es natürlich im Gottesbild. Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott.
Gaßner: „Das Dasein geht unendlich in die Vergangenheit zurück, es gibt keinen absoluten Anfang. Es gibt auch kein Wesen, das belohnt und bestraft, sondern es gibt nur eine natürliche Konsequenz des Verhaltens. Aus Gier und Hass folgt Leid, aus gutem Verhalten und guter Absicht folgt Glück.
Damit es gelingt, einem heilsamen Verhalten zu folgen, richtet man seine Bitten an diejenigen Wesen, die alle Fehler überwunden und alle Qualitäten zur Perfektion gebracht haben - das sind die Buddhas. Die Buddhas sind jedoch nicht Schöpfer des Daseins. Das Wort 'Götter' bezieht sich im Buddhismus auf gewöhnliche Wesen, die nicht verehrt werden, weil sie dem unfreiwilligen Kreislauf von Tod und Geburt genauso unterliegen wie wir."
Der Zölibat schafft eine ganz besondere Freiheit
Die buddhistischen Mönche am Letzehof leben ehelos, eigentlich ähnlich wie die katholischen Priester den Zölibat. Warum? „Da gibt es eine ganz einfache Antwort: Das was unser Leben am stärksten prägt, sind die Begierden. Die stärkste unter allen Begierden ist die sexuelle Begierde. Diese in richtige Bahnen geleitet, das heißt, man ist verheiratet, man hat einen Partner, man befriedigt seine Notwendigkeit, ist auch im Buddhismus eine korrekte Art, das zu leben.
Ich würde sogar so weit gehen und der katholischen Kirche empfehlen, den Pflichtzölibat der Priester beizubehalten. Ich glaube, dass der Zölibat sehr wertvoll ist, denn jemand, der die sexuelle Begierde unter Kontrolle bringen kann, hat eine ganz besondere Freiheit. Und diese Freiheit erlaubt es ihm, anderen viel mehr zu nützen und zu dienen.
Helmut Gaßner kann die evangelischen Räte auf sein eigenes Leben anwenden.
In der katholischen Kirche leben die Mönche nach den evangelischen Räten, Armut, Keuschheit und Gehorsam. Ob Gaßner sich mit diesen mönchischen Eigenschaften identifiziere könne?
„Ja, das sind sehr wertvolle Eigenschaften. Ich kann sie ohne Probleme als mein eigenes Lebensprogramm ansehen. Ich würde nur den Begriff des Gehorsams gegenüber Lehrern und älteren Mönchen durch die Wörter 'Ehrerbietung und Respekt' ersetzen." Gehorsam, so fürchtet der Buddhist Gaßner, kann zu schnell „blind“ werden. Der Lehrer gibt dir erst einen Rat, wenn du ihn fragst.
Nicht die Vielfalt der Religionen, sondern die Einfalt des Konsumdenkens ist das Problem.
Gaßner sagt: „Ich glaube, dass die moderne Konsumwelt einen unglaublichen Schaden an der Ethik auslöst. Sehr viel vom Zerfall der Stärke des Christentums ist in erster Linie auf die Atmosphäre der Konsumwelt zurückzuführen. Wenn die Leute Ethik verlieren, dann geht es ihnen nicht gut, und dann sind sie unglücklich, dann vergessen sie, dass sie in ihrer Kultur eigentlich eine sehr schöne Ethik gehabt hätten. Manche finden zurück, nehmen sie ernst, das ist für uns immer sehr erfreulich, und manche meinen, es muss etwas anderes sein, und dann kommen sie zum Teil zu uns.
Interreligiöse Beziehungen werden seit vielen Jahren gepflegt.
Helmut Gaßner kommt mit seinen Mönchen seit Jahren regelmäßig zum interreligiösen Gebet der Pfarre Frastanz in der Weltgebetsoktav Ende Jänner, „weil es eine sehr geschickt und gekonnt gemachte Veranstaltung ist, die Verbindung schafft unter den Menschen, die hier sind.“ Dekan Pfarrer DDr. Herbert Spieler spricht von einem „partnerschaftlichen Verhältnis“ mit dem Zentrum Letzehof, das sich auch in gemeinsamen Friedensinitiativen niederschlägt. Helmut Gaßner: „Das ist glaube ich der Schlüssel zum harmonischen Leben, und den würde ich jederzeit und überall gerne unterstützen.“
Wolfgang Ölz
(aus KirchenBlatt Nr. 28 vom 18. Juli 2010)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 15.07.2010

