Was Kunst in der Kirche bedeuten. Von em. Prof. Dr. Klemens Richter

"Im besonderen bedarf die Kirche der Kunst für ihre Liturgie, die in ihrer Vollgestalt ein durch den Glauben inspiriertes Kunstwerk sein will unter Einbeziehung aller schöpferischen Kräfte aus Architektur, bildender Kunst, Musik und Dichtung. In ihrer eschatologischen Dimension verstanden, will die Liturgie Teilhabe am Glanz und Klang des ewigen Jerusalem sein" sagte Papst Johannes Paul II. 1983 in Wien. Liturgie soll als "Gesamtkunstwerk" also etwas von der überirdischen Wirklichkeit der Schönheit Gottes vermitteln.

Propstei St. Gerold, InnenraumLiturgie ist die Feier des Glaubens der christlichen Gemeinde.Der liturgische Raum muss diesem Handeln entsprechen. Er ist dazu geeignet, wenn die Gemeinde als Trägerin des Gottesdienstes darin sichtbar werden kann und die Feier des Heils, der Gottesbegegnung und derer, die im Miteinander und Füreinander Volk Gottes sein wollen, in ihm möglich ist. Die künstlerische Aussage soll das möglichst unterstützen. "Im liturgischen Raum dient die Kunst mit ihren Mitteln der Verkündigung des Wortes Gottes und der Hinführung zu den gefeierten Mysterien. So hat sich die Kunst im sakralen Raum immer verstanden, gleich ob es sich um Malerei, Bildhauerkunst, Glasmalerei, Metall- oder Textilkunst handelt." (1) Das heißt nicht, dass es sich bei der Kunst in der Kirche um eine sogenannte christliche Kunst handeln müsste, wie man früher meinte. Wahre Kunst hat immer eine über sich selbst hinausweisende und damit transzendente, also religiöse Seite. Aber sie darf dem Sinn des liturgischen Raumes, eben Raum für die Begegnung mit Gott zu sein, nicht entgegenstehen.
Alles was zur Liturgie gehört - die Gestalt der Feier selbst, Raum, Gerät, Gewand, Plastik, Bilder - bringt zum Ausdruck, dass es um das Sichtbarwerden des Unsichtbaren geht. Wenn dies angemessen gelingt,  kann die Liturgie einschließlich all der Elemente, die diese Wahrnehmung ermöglichen, als ein Gesamtkunstwerk bezeichnet werden, das eine verwandelnde Kraft in sich trägt. Kunst im Kirchenraum steht so immer in einem Verhältnis zur liturgischen Feier, weshalb sie das Eigentliche des Gottesdienstes nicht verdecken darf.

Bregenz, Herz-Jesu-KircheZunächst sind der Raum und seine Orte selbst schon Bild.
Das gilt auch für die gottesdienstliche Versammlung: Wie die Teilnehmenden im Raum geordnet sind, wie sie Liturgie vollziehen, das alles stellt dar, wie sie sich selbst verstehen. Dem muss dann die Raumgestalt entsprechen, die ihrerseits wieder Ausdruck und Bild für ein ganz bestimmtes Liturgie- und Kirchen- bzw. Gemeindeverständnis ist. Da nach heutigem - und das meint ursprünglich christlichem Verständnis - die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde die deutlichste Erscheinung von Kirche ist, erhebt der gebaute Raum mit seinen Kunstwerken den Anspruch, Bild der sich versammelnden Kirche zu sein.
Von da aus ist über die weiteren Bildorte im Kirchenraum zu sprechen, zunächst über die der zentralen liturgischen Feiern Eucharistie, Taufe und Wortgottesdienste verschiedenster Art. Orte dafür sind Altar, Ambo, Ort für die Leitung des Gottesdienstes, Taufbrunnen. Der Altar ist Tisch des Herrn und muss als solcher erkennbar sein. Frühere Bedeutungszuweisungen wie etwa Opferstein oder - aufgrund der Reliquienverehrung - Grabstätte haben dieses primäre Bild oft verdrängt. Der Ambo, den es Jahrhunderte lang wegen der Abwertung des Wortgottesdienstes als Vormesse nicht mehr gab, muss nun als Tisch des Wortes gestaltet sein. Der Ort des Vorsitzes steht einmal im Gegenüber zur Feiergemeinde, doch muss er anderseits auch das Miteinander aller erfahrbar machen. - Die künstlerische Gestaltung vieler Taufbecken zeigt ein mangelndes Taufbewusstsein. Die Taufe ist Bild des neuen Lebens, was nicht durch einige Tropfen Wasser ins Zeichen gesetzt werden kann. Gewünscht ist das Bild des lebendigen Wassers, gerade bei der Eingliederung von Erwachsenen in die Gemeinde auch ein Eintauchen - all das braucht einen entsprechenden künstlerischen Ausdruck, in dem dies erfahrbar wird.

Das veränderte Eucharistieverständnis - im Zentrum steht die Kommunion und nicht die Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten - verlangt für den Ort der Aufbewahrung der Eucharistie oft eine Neugestaltung. Da der Tabernakel allein wegen der Kranken- und Sterbekommunion notwendig ist - in der Messe sollte er nur im Notfall benutzt werden, wenn die Zahl der Hostien nicht richtig berechnet wurde -, empfiehlt die Einführung in das Römische Messbuch dafür einen vom Kirchenraum getrennten Ort, etwa eine Kapelle oder ein Seitenschiff, wie es in Bischofskirchen immer schon der Fall war.

Bregenz, Mehrerau, Klosterkirche, InnenraumWenn der von der Liturgie geprägte Raum in seiner sinnvollen Ordnung selbst Bild ist, dann hat jede Art von Kunstwerk, das sich im Kirchenraum befindet, nur Sinn, wenn es mit dieser Raumgestalt und der darin gefeierten Liturgie zusammenwirkt. Deshalb braucht Liturgie Menschen, Sprache, Gesang und Musik, Bewegung und Gesten, aber sie braucht nicht unbedingt Bilder. Doch niemals hat das Bild eine so beherrschende Rolle gespielt wie im heutigen Medienzeitalter. Da die liturgische Feier selbst Bild des Unsichtbaren ist, tritt das geschaffene Kunstwerk während der Feier in den Hintergrund, vermag aber das Geglaubte über die Dauer der Feier hinaus ins Bild zu setzen. Von daher ist es von höchster Bedeutung, dass die Kunstwerke in einer Kirche auf das Wesentliche des Glaubens hinzielen und nicht weniger Wichtiges in den Vordergrund stellen.

Bei Umgestaltungen unserer Kirchen auf eine dem konziliaren Liturgieverständnis entsprechende Raumgestalt hin lassen sich Alt und Neu manchmal zu einer spannungsvollen organischen Einheit verbinden. Mitunter braucht es Kompromisse, insbesondere bei kunstgeschichtlich herausragenden Räumen. Nur eine ständig sich erneuernde Kirche kann lebendig bleiben, und das hat auch in der Geschichte immer Veränderungen der äußeren Bedingungen zur Folge gehabt. Allerdings sollten wir eine unangemessene Bilderstürmerei, wie sie bei manchen Umgestaltungen vorgekommen ist, ebenso vermeiden wie eine nur traditionsverhaftete Bilderflut. Das geht nur auf dem Weg einer intensiven und möglichst breiten geistigen und geistlichen Auseinandersetzung mit den Kunstwerken, den Künstlern und unserer Gesamtkultur.

(1)  Vgl. Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen" der Liturgiekommission der deutschen Bischöfe:

Zum Autor:
Dr. Klemens Richter, em. Prof. für Liturgiewissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Münster.

Der Beitrag ist in der Jubiläumsnummer des Vorarlberger KirchenBlattes (Nr. 49 vom 8. Dezember 2008) erschienen.

 

Von Walter Buder veröffentlicht am 06.12.2008

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