Das Märchen von Dornröschen, bearbeitet von Nikolaus Heidelbach - kindliche Gefühle und Ängste bekommen Gewicht, die Rolle der Lehrerin wird untersucht ... Von Klaus Gasperi.

die dreizehnte fee - coverEs ist das Markenzeichen des Kinderbuchkünstlers Nikolaus Heidelbach, dass er kindlichen Gefühlen und Ängsten großes Gewicht gibt. Zum Schulbeginn stellen wir seine Bearbeitung des Märchens vom Dornröschen vor und untersuchen, welche Rolle die Lehrerin dabei spielt.

Frau Kleve - so heißt die Lehrerin in der Geschichte. Kleve, das ist ein kleines Bezirksstädtchen im westlichsten Deutschland, unweit der holländischen Grenze. Kleve - das heißt: das Kliff -, und so schaut es aus: ein jäh aufregender Felsen inmitten von endlosen Spargelfeldern, in tödlich langweiliger Landschaft ein Hauch von Eleganz und Poesie.
Ob die Lehrerin Frau Kleve daher stammt? Unscheinbar alltäglich, bedeutungslos steht sie da am Buchumschlag, umlodert von zwölf düsteren Gestalten, die ihr peitschenschwingend und mondbekränzt in den Rücken fallen. Doch gänzlich unbeeindruckt steht Frau Kleve ruhig da und teilt die Flut der drohenden Gestalten. Wie ein echtes Kliff!

Bilder kindlicher Angst und Ohnmacht
Zur Geschichte: Frau Kleve hat den Kindern ihrer Klasse das Märchen vom Dornröschen vorgelesen. Der Erfolg ist jedoch bescheiden. Das Märchen erscheint nicht mehr zeitgemäß. Die Kinder erklären die Geschichte für obsolet. Doch der Erzähler Nikolaus Heidelbachs weiß um das Abgründige. Unter der Oberfläche offenbaren uns seine Kinderfiguren die faszinierend-dämonische Tiefe menschlicher Ausgesetztheit und kindlicher Ohnmacht. Frau Kleve wird noch staunen, was da alles ans Licht kommt! Doch zunächst, bei Tageslicht betrachtet, bringen die Kinder allerlei Einwände vor. „Und Feen gibt’s sowieso nicht!“ Mit dieser entschiedenen Wortmeldung beendet Edgar Wüstenhagen die Diskussion.
Doch alsbald entfaltet sich in tiefer Nacht ein mehr oder minder grausames Pandämonium kindlicher Ängste. Die Kinder träumen schlecht: Günther Klos erleidet Liebesqualen, Lina Quante wird vor allen bloßgestellt, Christine Piperis schaut dem sicheren Tod ins Auge. „Entsetzlich“, flüstert Frau Kleve.

Schon um die Wiege des Menschen stehen düstere Gestalten herum.
Niemand kommt unbeschadet zur Welt. Die märchenhafte Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat, scheint vergangen. Und mit ihr auch die Märchen. Während dort die Helden wagemutig in die Welt ziehen und überall hilfreiche Freunde und Schutz finden, dominiert in dieser Geschichte die Isoliertheit. Jeder ist auf sich allein gestellt.

Selbst Flucht ist nicht möglich. Starr und gebannt schauen wir den Feen entgegen. Deren teilnahmslos gleichgültiges, manchmal fast farbenfroh liebliches Auftreten macht vielleicht die eigentliche Grausamkeit der Geschichte aus. Es gibt dem ganzen Geschehen etwas Theatralisch-Puppenhaftes, in dem die Kinder gebannt staunend sich nur noch als hilflose Marionetten erfahren können.
Das Märchen hingegen führt uns den Handlungsspielraum des Helden vor Augen: Alles fällt ihm leicht. So erzählt das Märchen von den verborgenen Möglichkeiten des Menschen und ermutigt uns, unseren eigenen Weg zu gehen. Und weil das Böse im Märchen immer konkret ist, ist es nur begrenzt unheimlich. Es hat eine klare Gestalt und kann eingesperrt oder vernichtet werden. Bei Nikolaus Heidelbach aber ist das Böse längst unfassbar geworden. Immerhin bekommt es nun ein Gesicht und wird damit erzählbar. Auch eingrenzbar?

Dafür sorgen, dass Schutz auffindbar wird
Plötzlich drängt sich Gerhard Sträter vor und bringt die Lehrerin ins Spiel. „Sträter - Streber!“, rufen die anderen Kinder. Aber das stört nicht. Ihm gehört kein Bild. Es ist nur ein Zwischenruf, der scheinbar nichts zur Sache tut. Und doch: eine Steilvorlage. Denn nun wagt sich auch Konrad Becker nach vor. Er weiß gar nichts Bestimmtes zu sagen. Nur ein vages Gefühl: dass sich Angst plötzlich wandelt und Schutz auffindbar wird.
Dornröschen erzählt davon, dass Eltern ihr Kind mit allem Menschenmöglichen ausstatten wollen und es doch nicht schaffen, ihm völligen Schutz zu gewähren. Dass hinter der vollzähligen menschlichen Welt noch ein Dreizehntes liegt, das unser Leben gefährdet, aber auch seine Erfüllung birgt: Das Glück beginnt erst jenseits der Dornenhecke. Als „Pubertätsmärchen“ ist Dornröschen also eine Art Übergangserzählung, das in Bildern von den Gefahren des Erwachsenwerdens erzählt. Seit den Gebrüdern Grimm haben sich jedoch die Größenverhältnisse verschoben. Die bösen Feen sind eindeutig in der Überzahl. Da platzt Frau Kleve als dreizehnte Fee voreilig ins Geschehen. Und führt das rettende Unentschieden herbei.

Die Möglichkeit eines Auswegs eröffnen
Ein echter wundersamer Märchenschluss. Kein Happyend, aber vielleicht die Möglichkeit eines Auswegs. Deshalb auch ist die zwölfte Fee wohl die geheimnisvollste des Buches. Gekrönt mit dem Mond, die Arme beschwörend erhoben zaubert sie einen Schutzschirm um uns. Wie schon in den alten Märchen besteht das Überleben einfach darin, dass man zur rechten Zeit die richtigen Freunde findet. Zum Glück gibt es Lehrerinnen wie Frau Kleve!
Klaus Gasperi

Nikolaus Heidelbach

Seit bald 25 Jahren veröffentlicht Nikolaus Heidelbach seine Bücher und gilt als einer der anerkanntesten, zugleich aber auch eigenwilligsten (Kinderbuch-) llustratoren. Er lebt als freischaffender Künstler mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Köln.

Neben zahlreichen Bilderbüchern mit eigenen Texten, Illustrationen zu Kinderbüchern (den Märchen der Brüder Grimm und von H.C. Andersen) veröffentlichte er auch Bilderbücher für Erwachsene. Im Jahre 2000 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet.
Die Jury begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „Wie kaum ein anderer hat er sich, vor allem in seinen eigenen Büchern, mit kindlichen Gefühlen, Wahrnehmungen und Erlebnissen auseinander gesetzt. Ihm gelingt es dabei, aus dem Blickwinkel der Erwachsenen Verhaltensweisen und Bedürfnisse von Kindern in Wort und Bild festzuhalten.“

Nikolaus Heidelbach, Die dreizehnte Fee, © Beltz&Gelberg, Weinheim/Basel, € 13,30

(aus KirchenBlatt Nr. 35 vom 5. September 2010)

Von Marianne Springer veröffentlicht am 01.09.2010

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