Dr. Albert Lingg im KirchenBlatt-Gespräch mit Wolfgang Ölz: Demenzerkrankungen sind ein Problem, das mit der Überalterung Jahr um Jahr zunimmt.

Dr. Albert Lingg-2Der Chefarzt des Landeskrankenhauses Rankweil, Dr. Albert Lingg (links) ist mit seinen Mitarbeitern seit Jahren in der Behandlung von an Demenz Erkrankten engagiert. Im KirchenBlatt-Interview steckt er für unsere Leser/innen das Feld ab, was Therapie und Medizin bei Demenz leisten können.

Wie einem Wink Peter Handkes folgend, der in einer Songzeile ganze philosophische Systeme eingefangen sah, zitiert Primar Lingg am Ende seines dichten Thesenpapiers zu Demenzerkrankungen aus medizinischer und psychosozialer Sicht in Vorarlberg ein Lied aus der Populärkultur, das da lautet: „...will you still need me – will you still feed me, when I’m sixty-four?“ Primar Lingg übersetzt: „Wirst Du mir das Gefühl geben, gebraucht und letztlich geliebt zu werden, willst Du mich auch versorgen, wenn ich es brauche, wenn ich 64 Jahre alt bin“.

Es ist für ihn keine Frage, dass man „die Pflege der Demenzkranken nicht allein den Pflegeberufen und der Medizin überantworten kann, sondern es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.“ Alle Menschen brauchen einen Platz in unserer Gesellschaft, das kann man „ein Stück weit mit Einfühlung und Liebe vermitteln. Wenn man das allein den Profis überlässt, dann wird das eine sehr kalte Angelegenheit.“

Die  Alzheimer-Symptome
„Alzheimer ist die häufigste Form von Demenz“, sagt Primar Lingg. Und weiter: „Sie wurde vor über hundert Jahren von einem Herrn Alzheimer beschrieben, und führt zu Abbau von Nervenzellen durch Anhäufung eines Eiweißstoffes, der im Gehirn eigentlich nichts verloren hat. Das tritt vor allem zuerst im Schläfenlappen auf, wo das Erinnerungsvermögen ist, und später erfasst es aber das ganze Gehirn, und so schreitet die Vergesslichkeit fort, und es kommen dann andere Phänomene dazu, wie Orientierungsstörungen, Tag/Nacht-Umkehr, Unruhe und zum Schluss Pflegebedürftigkeit.“

So bringt der psychiatrische Fachmann Lingg die Differenz zwischen Demenz und gewöhnlichen Alterserscheinungen auf den Punkt: „Die Grenze ist nicht hundertprozentig festmachbar. Wenn jemand im Alltag durch seine Vergesslichkeit erheblich beeinträchtigt ist und das ganze über ein halbes Jahr dauert, dann ist eine Demenz anzunehmen.“ Es geht allerdings auch um den Grad der Vergesslichkeit: „Nur hin und wieder vergessen, was man im Keller holen wollte, ist keine Demenz.“ Aber wenn man im Alltag immer wieder etwas verlegt und vergisst, und das Auswirkungen auf die Lebensqualität hat und längere Zeit dauert, dann ist das verdächtig.

Projekt „Alt.Jung.Sein“ ist prima
Primar Lingg sieht die zentrale Bedeutung von Programmen, die helfen, die Demenzerkrankungen zwar nicht zu verhindern, aber hinauszuschieben und den Verlauf positiv zu beeinflussen. Dem diözesanen Projekt „Alt Jung sein“! attestiert er dabei besondere Qualität: „Konsequente geistige und körperliche Aktivität ist die beste Prophylaxe.“ Man soll damit früh anfangen, aber es ist nie zu spät dafür. „AltJungsein“ ist für ihn „absolut gut“, allein durch die sozialen Kontakte, aber auch durch die körperliche Aktivität und geistige Anregung. 

Forderungen an die Politik
Die Vorarlberger Aktion Demenz zielt darauf ab, dass es in Vorarlberg demenzfreundliche Städte und Gemeinden gibt, die sich darauf verpflichten, auf den wachsenden Anteil von Menschen mit Beeinträchtigungen im Alter Rücksicht zu nehmen. Das heißt, dass man bei allen möglichen Entscheidungen, wie Verkehrsplanung, Schulung von Schlüsselpersonen, Exekutive, Planung von Wohnungen und Freizeiträumen die Gruppe der Dementen mit im Blick hat.   

Quelle der Hoffnung
Ein Primar an einem  Landeskrankenhaus mit neuro-psychiatrischem Schwerpunkt wie in Rankweil sieht viele unumkehrbare Fälle, viele Patienten, denen auch die moderne Medizin nicht mehr helfen kann. Woher kommt da die Hoffnung, diese Arbeit über Jahrzehnte zu machen? „Das Wissen um die Krankheit und ihre Verläufe hilft sehr dabei, das Ganze zu ertragen. Unsere Aufgabe ist es, das möglichst an die Angehörigen  weiterzugeben. Dort spielen oft Kränkungen, Hoffnungen und Enttäuschungen eine große Rolle, da wird oft auch sehr viel Energie verbraucht, wenn etwa der Papa ungerecht ist oder einem bezichtigt, man habe ihm etwas gestohlen, und man nimmt das persönlich und kann es nicht abstrahieren als Symptom einer Krankheit.“

Dabei ist es Primar Lingg besonders wichtig, dass „er auch emphatisch unterwegs ist, und den Leidenszustand der Kranken sieht. Ab einem bestimmten Stadium der Demenz ist es die Hauptaufgabe, den Angehörigen zu helfen, mit all dem fertig zu werden.“
Wolfgang Ölz

Von Marianne Springer veröffentlicht am 03.02.2011

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