von "Friedensradfahrer" Dr. Walter Buder
„Medjugorje“ bedeutet „zwischen den Bergen gelegen“. Der Ortsname beschreibt die Lage des Ortes auf einer Hochebene (ca. 200 m.ü.M.) im karstigen Bergland, rund 60 km nördlich der dalmatinischen Küste. Tabak, Gemüse und Trauben wachsen hier gut. Aber es gab zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. So suchten die Leute ihr Glück im Auswandern. Viele gingen nach Amerika, Australien und die Länder Europas. Aber der Wind hat gedreht, seit etwa 30 Jahren ist Einiges los in Medjugorje.
Dr. Walter Buder
Wie das kommt, liest sich auf der Homepage der Diözese Mostar-Duvna so: „Seit dem 24. Juni 1981 sind einige Ereignisse eingetreten, die viele Menschen - einige Franziskaner eingeschlossen - den so genannten Erscheinungen der seligen Jungfrau Maria zugeschrieben haben, die sich - wie es den Anschein hat - selbst als ‚Königin des Friedens‘ vorgestellt hat.“
Für den Ort, die Region und sechs junge Leute aus dem Ort hat das, was auf dem Hügel Crnica (heute: „Erscheinungsberg“) im Ortsteil Bijakovici geschehen ist, alles verändert. Auch nach 30 Jahren haben die Seher/innen - zwar je nach Person und Häufigkeit verschieden - regelmässige Rendezvous mit der „Gospa“. An zwei von ihnen (nur ihnen!) übermittelt sie tägliche „Botschaften“, monatlich und jährlich an bestimmten Tagen an die übrigen. Die Aufrufe an „Meine lieben Kinder“ mahnen zu beten, zu fasten, die hl. Messe zu besuchen und Jesus zu folgen.
Die in Ekstase empfangenen Nachrichten werden dem meist zahlreich anwesenden Publikum von einem Dolmetsch übersetzt und dann von Mund zu Mund, per Radio und übers Internet auf der ganzen Welt verbreitet. Dies und die Tatsache, dass die katholische Kirche - unbestritten als einzig zuständige Instanz - weder Erscheinungen noch Botschaften als übernatürlich akzeptiert, das Phänomen Medjugorje also bis dato nicht anerkennt, ist gut zu wissen.
Wirtschaftsfaktor Religion
Medjugorje boomt, wirtschaftlich und religiös. Auf dem Hochplateau im Karst, zwischen Erscheinungsberg und Kreuzberg ist was los. Eine Million Pilger-Touristen jährlich. Tendenz steigend. Überall wird um-, zu- und neu gebaut. Etwa 15.000 Betten. Zuwachsrate mehr als 10% p.a. Qualitätsverbesserung auf allen Ebenen. Die Region ist uneinholbare Spitze in Bosnien-Herzegowina. Jedes „money from abroad“, die Dollars und Euros der Ausgewanderten arbeiten hier. Religion ist krisensicher. Auch die Franziskaner führen Buch. Für September / November 2011 zum Beispiel: 300.500 / 66.000 ausgeteilte Kommunionen; 5.441 / 1348 Priester konsekrierten sie in gemeinschaftlich geleiteten hl. Messen; das macht 181 / 44 konzelebrierende Priester pro Tag und Messe im Durchschnitt. Priesterkongresse, Jugendtreffen, Künstlerbegegnungen, Eheleutetreffen, alles international, alles gut besucht, alles gut betucht.
Themenpark
Der „heilige Bezirk“ um die St. Jakob-Kirche im Zentrum des Ortes ist ruhig. Vor den Beichtstühlen stehen die Menschen Schlange; Gebete, still und leise, überall; Rosenkränze an den Händen; gute Stimmung, alles fröhlich, irgendwie gelöst. Eine Art katholischer Themenpark ist der weite, freie Platz hinter der Kirche. Gute Spazierwege um die Kirche, gefährlich steinig, naturbelassen ist der Kreuzweg auf den „Kreuzberg“. Tausende Menschen bei den täglichen Gottesdiensten, wo 200 und mehr Priester konzelebrieren. Das alles ist Pflichtprogramm für Pilgergruppen. Medjugorje pur, ein Gefühl, tief wie das Geheimnis der Gospa, weit wie die Ebene zwischen den Bergen, ein Bad im Ozean des Glaubens.
Die Frage der Kirchlichkeit
Ob Medjugorje der Kirche gut tut, ist bis dato umstritten. Die Bischöfe von Mostar sind zuständig, fürchten Betrug, sprechen von Tricks. Ein langjähriger Konflikt mit den Franziskanern schwelt im Hintergrund. Die römische Kirche steht zum Ortsbischof insofern sie die Erscheinungen und Botschaften nicht anerkennt, doch gleichzeitig private Wallfahrten nach Medjugorje zulässt. Ähnlich die Position der Bischofskonferenz. Expertenkommissionen prüfen, forschen. Es ist unentschieden. Zum Leidwesen des Ortsbischofs, der anlässlich des privaten Besuches von Kardinal Schönborn in Medjugorje in einem öffentlichen Brief dessen brüderliche Solidarität einmahnte. Seine Einladung des Sehers Ivan Dragicevic für eine Katechese in den Stephansdom sprengte mit ca. 5000 Besuchern deutlich den „privaten“ Rahmen, den die Kirche in Sachen Medjugorje aufzieht. Während die PROs von einer 30-jährigen Gnadenzeit schwärmen, sehen die CONTRAs oft die Einheit der Kirche gefährdet.
Pflicht und Herz
Angelegenheiten wie Medjugorje sind unbestreitbar eine Herausforderung für die Kirche in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen. Streit und Zank, das zeigt ein Blick in die reiche Tradition der Kirche, scheinen so unvermeidlich wie Meinungsbildung und Auseinandersetzung notwendig und unverzichtbar. Auf kritische Solidarität und Vertrauen unter Brüdern und Schwestern sollte man fraglos zählen können, gleich wo man steht. Den zahlreichen Bischöfen, Priestern und auch Gläubigen, deren Herz für die „Gospa“ in Medjugorje brennt, darf man das Vorbild Johannes Paul II. gütlich vor Augen führen. „Wenn ich nicht der Papst wäre, hätte ich Medjugorje schon längst besucht!“
Diesen Verzicht auf Grund (s)eines Amtes zu leisten, auf präjudizierendes Verhalten zu verzichten, persönliches Wünschen und Wollen hintanzustellen scheint vorbildlich. Doch Johannes Paul II. war auch von dieser Welt: Er schickte - natürlich: inkognito - seinen Sekretär, den heutigen Erzbischof von Krakau, Kardinal Dziwisz.
Friedensradfahrer
Nach der Friedensradfahrt nach Jesusalem (2009) beteiligte sich Dr. Walter Buder heuer im September an der vom Int. Versöhnungsbund getragenen Friedensradfahrt nach/in Bosien-Herzegowina (Wien-Sarajevo). Von Mostar aus startete er die Heimfahrt in Richtung Kroatien und machte auch Station in Medjugorje.
Von Marianne Springer veröffentlicht am 15.12.2011

