Bericht von Dietmar Steinmair
Kommentar "Und jetzt?" von Pastoralamtsleiter Walter Schmolly
Auf dem Markt der Möglichkeiten
Von Dietmar Steinmair
Knapp 200 Teilnehmer/innen aus ganz Vorarlberg kamen Ende April zum vierten - und vorerst letzten - Diözesanen Forum in Rankweil. Der Dogmatiker Roman Siebenrock und der Kirchenrechtler Severin Lederhilger referierten. Darüber hinaus präsentierten die so genannten „Forschungsgruppen“ ihre Erkenntnisse und Empfehlungen zu andernorts bereits praktizierten Pfarrmodellen.
Trotz, vielleicht aber auch gerade wegen der anhaltenden Kirchenkrise(n) und Austrittswelle war dem Forum ein kräftiger Start beschieden: An Pfarrgemeinde- und Pfarrkirchenräten, Pastoralassistent/innen, Diakonen und Priestern strömten fast so viele Interessierte in den Vinomnasaal unterhalb des Liebfrauenberges wie zu Beginn des Pastoralgespräches im Jänner 2009 zum ersten Forum nach Feldkirch-Tisis gekommen waren.
Dogmatischer Kompass. Noch kraftvoller ging es - nach den Begrüßungen durch Bischof Elmar Fischer und Pastoralamtsleiter Walter Schmolly - im ersten theologischen Hauptreferat weiter. Univ.-Prof. Dr. Roman Siebenrock lobte gleich vorweg die Tiefe und Kompetenz der Ergebnisse der Forschungsgruppen. Der Innsbrucker Dogmatiker legte seinen systematischen Kompass dazu: „In Ihrem geistlichen Prozess, der ansteht, gilt es - in der Unterscheidung der Geister - alles anzuschauen und das Gute zu behalten. Das Gute zu behalten impliziert immer, dass wir Kriterien und Orientierungen haben, von denen her wir unterscheiden können.“
Theologie des Amtes. Siebenrock skizzierte drei Eckpunkte für eine Theologie des Amtes und der Kirchenstruktur. Kirche müsse sich - vor allem auch immer dann, wenn sie in die Krise gerät - zunächst am Herzen der Sendung Jesu orientieren. „Sie steht in der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden, ja zu sein.“
Zweitens sei die Kirche von Anfang an in soziologische und politische Systeme verflochten gewesen. Der gesellschaftliche und politische Kontext müsse deshalb immer mitberücksichtigt werden. Roman Siebenrock nannte als Beispiel das Apostelkonzil. Damals stellte sich der jungen Kirche die Frage, ob die Vorschriften der Tora auch für die Christen gälten. „Dafür gab es kein Wort Jesu. Die Kirche musste selbst - im Geist - entscheiden. Und so ähnlich stehen Sie heute auch da. Es gibt für die Wege der Pfarrgemeinden, für den Weg der Kirche in die Zukunft nicht einfach eine Autobahn von irgendwoher. Ämter und Strukturen lassen sich nicht einfach aus dem Neuen Testament abschreiben.“
Drittens gilt für Siebenrock die spirituelle, persönliche Prägung des Amtes, die Verlebendigung einer Amtsauffassung durch die Person. „Dieser Punkt ist mir der wichtigste, denn es gibt kein Amt in der Kirche, das nicht durch eine Person repräsentiert wird. Daher sind Personen immer wichtiger als Strukturen.“
Repräsentation Christi. Siebenrock plädierte für die Wiederaufnahme eines alten Begriffs: „repraesentatio“- Vergegenwärtigung. „In der Kirche muss - nicht durch Ideen, sondern wieder durch Personen, es geht nicht anders - wieder deutlich werden, dass Jesus Christus nicht einfach identisch ist mit der Kirche, aber gleichzeitig auch kein Fremder. Das Christentum ist im Grunde eine Kultur der Differenz.“ Diese Differenz sei wichtig, damit die Kirche nicht mit dem Reich Gottes, der Papst nicht mit Jesus Christus und der Pfarrer nicht mit dem lieben Gott verwechselt werde.
Markt der Möglichkeiten. Der kommunikative Schwerpunkt des Forums lag auf den Berichten der insgesamt acht „Forschungsgruppen“. Diese hatten in den vergangenen Monaten in Literaturstudium, Werkstattgesprächen, Internetkonferenzen und Telefoninterviews Pfarrmodelle erkundet, die in anderen Diözesen Österreichs, Frankreichs, Deutschlands und der Schweiz bereits praktiziert werden. Den acht Kurz-Präsentationen folgte das „Forum“ im eigentlichen Sinn: Einem Markt gleich boten die Forscher/innen den Besucher/innen ihre detaillierten Erkenntnisse, Empfehlungen und auch persönlichen Eindrücke an jeweils eigenen Infoständen an. Das Interesse daran war so groß, dass Tagungsmoderator Walter Schmolly mehrere Minuten benötigte, um die Forumsteilnehmer/innen für den folgenden zweiten theologischen Hauptvortrag im Plenum zu versammeln.
Gemeinschaft von Glaubenden. Kirchenrechtliche Orientierungen gab der Generalvikar der Diözese Linz und Professor für Kirchenrecht, DDr. Severin Lederhilger, den Zuhörer/innen mit auf den Weg, auch wenn ihm bewusst sei, „dass der kirchenrechtliche Rahmen nur eine Farbe im gesamten Kirchenbild ist.“ Vom gemeindlichen Zusammenleben von Gläubigen unterschied Lederhilger das rechtliche Konstrukt der Pfarre, für die vier Elemente konstitutiv seien. Eine Pfarre sei zunächst „nicht eine Verwaltungseinheit, ein Ort, ein Territorium, eine Pfarrkirche, um die sich Menschen scharen, sondern eine bestimmte Gemeinschaft („certa communitas“) von Glaubenden, die wissen, inwiefern sie zusammengehören, was ihre Rechte und Pflichten sind und an wen sie sich als Seelsorger wenden können.“
Eine Pfarre sei zweitens auf Dauer angelegt, so Lederhilger, nicht nur eine zufällige Zusammenfindung von Interessenten, und drittens keine autonome Zelle, sondern in die Ganzheit der Kirche eingebunden, genauerhin in die Ortskirche, die Diözese. Die Seelsorge ist - schließlich - einem eigenen Hirten, dem Pfarrer anvertraut. „Der Pfarrer ist nicht der alleinige, aber der grundsätzlich Zuständige für eine Pfarre. Die Hirtensorge, die vom Bischof übertragene ‘cura pastoralis’, ist dabei der Blick aufs Ganze, der darauf schaut, dass keine der wesentlichen Funktionen einer Pfarrgemeinde unter den Tisch fällt.“
Sichtbare Zeichen? Ursprünglich war geplant, zum Forumsende - am Vorabend des Vorarlberger Landeswallfahrtstages - eine alte Tradition „neu zu beleben“: Nach Abschluss der Tagung sollten die vielen pfarrlichen Mitarbeiter/innen aus der ganzen Diözese in einer Lichterprozession hinauf zur Basilika auf den Liebfrauenberg pilgern. Doch starker Regen, der sich schon den ganzen Tag angekündigt hatte, machte das unmöglich. Ein treffendes Bild auch für die Kirche? Ja, denn in diesen Tagen und Wochen wird nach Jahren mitunter drückenden Schweigens Dunkles offenbar. Reinigende Gewitter allerorts versprechen klare Luft. Bleibt zu hoffen, dass die Kirche in Vorarlberg sowohl für die Diözese als auch für die Pfarren sichtbare und starke Zeichen findet, die einen guten Weg weisen.
(Eindrücke vom Vierten Diözesanen Forum finden Sie in der Bildergalerie rechts oben)
nach oben
Und jetzt?
Kommentar von Pastoralamtsleiter Dr. Walter Schmolly
Es mangelt nicht an Interesse und Energie, wenn es darum geht, wie sich die Pfarrseelsorge zukünftig bestmöglich strukturieren lässt. Bei näherem Hinschauen entdeckt man dann die Komplexität der Herausforderung: die Unterschiedlichkeit der Pfarrgemeinden, die Ambivalenz jedes Lösungsansatzes, die Unabsehbarkeit vieler Entwicklungen, die einander widerstrebenden Wünsche. Es überrascht deshalb auch nicht, dass das abendliche Gespräch beim Forum kein orientierendes Votum hervorgebracht hat.
Was jetzt ansteht, ist die Reduktion dieser Komplexität in Form eines konkreten Vorschlags, damit das Gespräch in der Auseinandersetzung mit diesem Vorschlag in den Berufsgruppen und Räten im Herbst weitergehen kann.
Diese Reduktion muss entlang grundlegender - beim Forum benannter - Prinzipien erfolgen: Pfarrliche Strukturen muss man in der Perspektive von zumindest 15 Jahren diskutieren; eine Pfarre soll sich im Wesentlichen mit dem natürlichen Lebensraum der Menschen decken; Pfarrstrukturen und örtliches gemeindliches Leben dürfen entflochten werden. Und das Wichtigste: Pfarrstrukturen müssen die Menschen in der Entdeckung, der Vergemeinschaftung, der Praxis und der Vertiefung ihres Glaubens unterstützen, also der Kirchenbildung unter heutigen Bedingungen dienlich sein. Hoffen und beten wir, dass es gelingt!
nach oben(Aus dem Vorarlberger KirchenBlatt, Nr. 18 vom 9. Mai 2010)
Von Dietmar Steinmair veröffentlicht am 06.05.2010
Zugehörige Themen
PastoralgesprächVerwandte Artikel
Links und Dateien
-
Siebenrock - Handout - Diözesanes Forum 4
PDF document, 21.1 kB

