Eindrücke vom Pfarrgemeinderatskongress in Mariazell vom 13. - 15 Mai. Es berichten Christoph Kessler und Matthäus Fellinger.

Jugendvertreter/innen, Pfarrgemeinderäte, Bischöfe, sie alle waren sich nach dem dreitägigen, mitunter spannungsreichen Pfarrgemeinderatskongress in Mariazell einig: ein neues Miteinander ist möglich.

Zeugnis

von Christoph Kessler
PGR-Rat in Brederis

Ein Jugendlicher steht vor über 550 Kongressteilnehmern und sagt sinngemäß: „Wenn ihr glaubt, wir Jugendliche kommen in die Kirche, damit ihr genauso weitermachen könnt, wie ihr das immer schon getan habt, dann täuscht ihr euch. Wenn wir nur als Dekoration dastehen sollen, aber nichts verändern dürfen, dann werdet ihr alleine bleiben, ohne uns.“

Zwölf Bischöfe sitzen in der ersten Reihe und hören die Äußerungen von allen Gruppenvertretern. Sie werden konfrontiert mit Forderungen und Wünschen, mit Befürchtungen und Ängsten, mit Vorwürfen und Bitten. Sie spüren die ungeheure Energie der emotionsgeladenen Redner.

Unsere Bischöfe und unser Kardinal zeigen sich betroffen, sie sind berührt, denn jene, welche ihnen das sagen, sind keine Kirchenhasser oder keine journalistischen Schlagzeilenjäger und auch keine verblendeten Fanatiker, sondern die treuesten ihrer Mitarbeiter. Es sind Menschen, die ihre Charismen in den Glaubensdienst vor Ort stellen und die überwältigende Mehrheit von ihnen tut dies ehrenamtlich. Es sind berufene Frauen und Männer, die vom Geist Gottes beseelt sind - in denen Gott wirkt.

Ich sehe unseren Kardinal und die Bischöfe mitten unter den vielen Kongressteilnehmern, alle reden offen und ehrlich miteinander - auf Augenhöhe - alle sind sich bewusst, dass es nur gemeinsam weitergehen kann. Angst voreinander weicht dem Vertrauen ineinander. Gott bewegt uns und unser Glaube an ihn kann sogar Berge versetzen, aber Gott versetzt die Berge nicht für uns, sondern nur mit uns.
Christoph Kessler

Aus der drohenden Bruchstelle ist eine Nahtstelle geworden

von Matthäus Fellinger

Es soll so etwas wieder geben – und es wird so etwas wieder geben.
Das versprach Bischof Alois Schwarz am Ende des Kongresses der Pfarrgemeinderäte in Mariazell. Von 13. bis 15. Mai kamen rund 500 Delegierte und Vertreter der Diözesanleitungen zur Wallfahrt und zum Kongress in den Marienwallfahrtsort. Die sichtlich gespannte Atmosphäre wandelte sich im Lauf der Tage zu einem Gespür für ein neues Miteinander. Die vollzählig versammelten Diözesanbischöfe versprachen, über die schwierigen Themen in den Dialog zu treten. Die Mitbeteiligung von Laien an den Leitungsaufgaben in den Pfarren war ein immer wieder vorgebrachtes Thema. Weiters soll bis Herbst eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Erzbischof Kothgasser „pastorale Hilfen und Formen von Gottesdiensten für wiederverheiratete Geschiedene erarbeiten – menschennah und evangeliumstreu“, wie Bischof Alois Schwarz ankündigte.

Das Grundgewebe der Kirche.
Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser griff die von vielen Pfarrgemeinderäten vorgebrachte Sorge um die Gewährleistung der Sonntagsgottesdienste auf: „Wie wir den Gemeinden die Eucharistie auch in Zukunft garantieren können, ist auch unsere Sorge“, betonte er. „Und Sie wissen, was damit verbunden ist“,  fügte er hinzu und deutete damit an, dass auch die „Weihevoraussetzungen für das Priesteramt durchaus Gesprächsstoff sein können“. Die Bedeutung der Gemeinden am Ort betonte auch Kardinal Christoph Schönborn: „Sie sind das Gewebe der Kirche.“

Kirche ohne Macht – mit Autorität.
Kardinal Schönborn sprach wiederholt von einem bevorstehenen großen Umbruch in der Gesellschaft, auf den sich auch die Kirche „mit dem Blick Jesu“ einstellen müsse – mit großen Unterschieden. In Teilen Wiens – etwa in Favoriten – wäre die Kirche längst zu einer Minderheit geworden, während in anderen Gebieten die Kirche noch stark präsent sei.
Die Kirche befindet sich im Wandel von einer Kirche der Macht zu einer Kirche der Autorität. So drückte es der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher aus. Der Weg der Kirche ist für Bucher klar der Weg des Konzils: „Helfende Pastoral vor aburteilender Moral, Kampf für die von Gott verliehenen Menschenrechte vor Kampf vor den ererbten Kirchenrechten“. Auch Kardinal Schönborn bekräftigte diese Richtung: Es gehe um einen Wechsel von einer Pflichtmoral zu einer sympathischen, am Glück der Menschen orientierten Moral.
Wir dürften, betonte der Kardinal, nicht nur die Menschen sehen, die am Sonntag in die Kirche kommen, sondern auch jene, die „in die Nähe der Kirche“ kommen. Das Augenmerk gelte es auch auf jene zu richten, die „in der Nähe der Kirche“ sind. – „Es ist schön, dass sie da sind“, meint er etwa im Fall der Motorradfahrer, die die Segnung ihrer Fahrzeuge vor der Kirchentür abwarteten, ohne hineinzugehen.

Jugendliche am Wort
In der knappen Zeit war nur wenig Diskussion in Mariazell möglich. Die Anliegen wurden dennoch – besonders stark von Jugendlichen – vorgebracht. In einer nächtlichen Aktion hatten sie eine vierseitige Extrazeitung erarbeitet und ihre Vorstellung auch auf großen Kartons präsentiert. Die Hauptrichtung: Die Kirche muss sich der Lebenswelt der Menschen öffnen, etwa in der Haltung zur Sexualität. Und die Erwartung an Jugendliche dürfe sich nicht bloß darauf beschränken, dass sie am Sonntag in die Kirche gehen.
Was die Zukunft der Pfarrgemeinden betrifft, so wurde ein Zweifaches deutlich:
Die Pfarren wollen ihre Selbständigkeit bewahren: Die Menschen wollen ihre Pfarren nicht aufgeben – und sie würden sich in einer anderen Pfarre kaum beteiligen. Trotzdem wird es eine verstärkte Zusammenarbeit in Seelsorgeräumen und Dekanaten brauchen. Der Erfahrungsaustausch über Diözesangrenzen hinaus erwies sich dabei als wertvoll.
Kirche ist nicht nur ein „Dienstleister für die Märkte der Welt“, meinte Bischof Alois Schwarz in der Predigt beim abschließenden Festgottesdienst. Die Anbetung und das Bibelgespräch sind in ihr ebenso bedeutsam. Die Pfarrgemeinderatsvertreter erlebten in Mariazell auch eine sehr stimmige Wallfahrt mit gut gestalteten Gottesdiensten und festlichem Gesang. Eine abendliche Lichterprozession führte hinauf auf den Kalvarienberg.

In die Zukunft
„Wo Gott ist, ist Zukunft“. Dieses Leitwort stand während des Kongresses vor der Glasfront, die den Blick hinaus in die Mariazeller Landschaft öffnete, daneben ein Bild, das die Emmausjünger unterwegs mit Jesus zeigte. Eine angespannte, zum Teil von scharfen Formulierungen durchsetzte Stimmung der ersten Phase hat sich während der Tage zu einem verstehenden Miteinander gewandelt. Eine drohende Bruchstelle wurde so zu einer verbindenden Nahtstelle.
Dass Laien und Priester, Bischöfe und Pfarrgemeinderäte diesen Weg gemeinsam gehen wollen, hat der Mariazeller Kongress gebracht. Für andere sensible Zonen steht dieser Prozess noch aus: für das Verhältnis der Kirche Österreichs mit der Weltkirche samt Vatikan einerseits, für die Berührungslinien von Kirche und Gesellschaft andererseits. Mariazell war mehr, als viele erwartet hatten.
Bereits in Mariazell haben die einzelnen Diözesen begonnen zu überlegen, welche Konsequenzen sie ziehen werden.
Matthäus Fellinger

(aus KirchenBlatt Nr. 20 vom 23. Mai 2010)

Linktipp
_ Wallfahrt und Kongress der Pfarrgemeinderäte - Dossier mit allen Meldungen rund um den PGR-Kongress auf katholisch.at

Von Marianne Springer veröffentlicht am 19.05.2010

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