Auf durchnässten Pfaden - Ernesto Cardenal

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Über den Dichter und Revolutionär Ernesto Cardenal schreibt Klaus Gasperi.

... und die Mädchen liefen hinunter, springend und huschend wie Rehe,
und im Wind öffneten sich ihre Röcke wie Blüten. (Ernesto Cardenal)

Die Welt von Ernesto Cardenal ist „durchnässt” - es ist keine reine Welt, sondern eine, in der neben der Schönheit Gier und Gewalt gegenwärtig sind. Aufgabe des Dichters ist es, auf diesem “durchnässten Weg” die Schönheit zu bewahren. „Die verliebten Grillen zirpen auf der Wiese. Schlafen sie denn niemals?”, fragt Ernesto Cardenal. Und versucht, es ihnen gleichzutun, rasch aufzustehen vom Schlaf der Betäubten und in das Lied der Natur einzustimmen, das er als frommer Mönch einst in den Psalmen entdeckt hat.

Ernesto Cardenal-SonentinameWegen dem hl. Benedikt bin ich Kommunist geworden, gesteht Ernesto Cardenal lächelnd. Denn ganz wie die ersten Christen kennen die Mönche kein Privateigentum. Alles gehört allen gemeinsam. Für Cardenal wird der Besitz zum menschlichen Grundübel schlechthin, denn „ein Reicher kann nicht in das Reich der Himmel eingehen”. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1965 erhält er die Gelegenheit, seine Ideen umzusetzen. Er geht auf die „entlegenen Inseln“ am Großen See von Nicaragua und gründet dort eine klosterähnliche Gemeinschaft namens Solentiname (Bild: Peter Hammer Verlag)

Die große Einfachheit:
Ziel der Gemeinschaft ist es, das Evangelium zu leben - inmitten der Schönheit des Großen Sees, aber auch in der Armut und im Lebenskampf der Bauern der Südhalbkugel. Passé ist der koloniale Reichtum Managuas, dem Cardenal entstammte. Die Armut ist hier ganz alltäglich, nachts laufen ihm die Ratten über das Gesicht. Mit den Fischern und Bauern liest Cardenal das Evangelium. So entsteht eine Gemeinde, die zum Modell wird für eine neue Art der Verkündigung: „In Solentiname hören wir keine Predigt, sondern unterhalten uns ganz einfach über das Evangelium. Die Auslegungen der Bauern sind oft von größerer Tiefe als die vieler Theologen, aber gleichzeitig von so großer Einfachheit wie das Evangelium selbst.” In dieser Zeit entstehen auch die berühmten Psalmen, in denen Cardenal die alten Gebete in die Welt von Coca-Cola und Auschwitz überträgt.

Aufmerksamkeit für das Alltägliche:
Cardenal beschreibt in seinen Gedichten das Alltägliche: die Autohupe, die schweren Regentropfen, die wassertragenden Mädchen. Der Blick des Dichters gibt diesen Dingen eine Leichtigkeit, der sie in ihrer filigranen Vergänglichkeit gegenwärtig macht und die Sehnsucht und die Lebendigkeit, die in ihnen steckt, beschwört. „In der Ferne heult ein Zug. Heult in der Nacht. Heult traurig dreimal, erinnernd an einen einsamen Vogel, der nach einer Geliebten ruft, die es gar nicht gibt.“ Immer aber gibt es für Cardenal die tröstliche Schönheit des Kosmos, für ihn ein göttliches Liebeslied, unfassbar und unverlierbar, Trost bringend, „denn am Himmel glänzen die Sterne wie Verliebte“.

Botschafter der Revolution:
In Lateinamerika entsteht nun die Befreiungstheologie und in mehreren Ländern werden die von den USA unterstützten Diktatoren verjagt. Als auch in Nicaragua der Bürgerkrieg beginnt, ergreift die Gemeinschaft von Solentiname für die Rebellen Partei, doch die Vergeltung folgt auf dem Fuß. Solentiname wird in Schutt und Asche gelegt. Cardenal verlässt das Land und reist als kultureller Bot-schafter der Revolution durch die ganze Welt. Nach dem Erfolg der Revolution wird er Kulturminister und setzt sich für Bildungsprogramme ein. Doch der Gegensatz zwischen der
Kirche und den marxistisch orientierten Revolutionären wird immer schärfer. Auch der Papst schaltet sich in den Konflikt ein und rügt Cardenal für sein Engagement in der kommunistischen Regierung. 1985 wird er von seinem Amt als Priester suspendiert. Wenig später bricht er auch mit der Regierung und widmet sich nun vor allem dem Schreiben von Gedichten.

Hingegeben an die Schönheit:
1994 erscheint Cardenals Hauptwerk „Die Gesänge des Universums“. Sein Thema ist die Schönheit des Kosmos, dessen Leben von der göttlichen Liebe durchwirkt ist. Von dieser Natur hat Cardenal auch seinen „Glauben“: das Wissen, dass nur das weiterlebt, was sich hingibt. Das Verlieren wird für Cardenal zur Lebensvokabel, das Wort wird auch titelgebend für seine Autobiografie: Erst der Verlust lässt uns die Dinge klar sehen, denn „unsere Leben sind wie Flüsse, die zum Tode führen“. Doch der Tod bedeutet Leben, er ist für Cardenal „die offene Tür zum Universum“. Oder biblischer ausgedrückt: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten.“ (Lk 9,24)
Klaus Gasperi

Die Autohupe

Der Klang dieser Autohupe klingt mir vertraut,
und auch das Rauschen des Windes in den Pinien,
er lässt das Blechdach des Noviziats erzittern.
Das erinnert mich an mein Haus.
Jemand ruft aus dem Auto heraus.
Mein Haus, es lag direkt an der Straße,
wo ständig Autos vorüberfuhren,
längst ist es verkauft und Fremde wohnen darin.
Ich kannte das Auto nicht,
und es ist auch schon wieder fort.
Allein der Wind ist derselbe. Nur das Rauschen dieses regnerischen Nachmittags im Herbst
ist mir vertraut.      
Aus: Cardenal, Niemand ist mir so nahe

Gewinnen Sie 4 x 1 Eintrittskarte für eine Lesung mit Ernesto Cardenal und lateinamerikanischer Musik der Grupo Sal. Schicken Sie uns ein (kurzes) Gedicht über etwas Schönes, das Sie entdeckt haben, bis 21. Februar an das

Vorarlberger KirchenBlatt, Bahnhofstr. 13, 6800 Feldkirch oder:
E kirchenblatt@kath-kirche-vorarlberg.at

Lesung mit Ernesto Cardenal:
21. März, 17 Uhr, Bregenz, evang. Kirche
T 05574/ 42 396.

Die Bücher von Ernesto Cardenal sind im Peter Hammer Verlag erschienen.

(aus KirchenBlatt Nr. 5 vom 7. Februar 2010)

 

 


Von Marianne Springer veröffentlicht am 03.02.2010

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