Spiritualität ist „Lebendigkeit aus dem Glauben“, sagt Bruder David Steindl-Rast. Zu dem Dreischritt Innehalten, Innewerden und Handeln gehört die Achtsamkeit im Leben. Heißt das nicht, Spiritualität ist auch Achtsamkeit für andere?

"Den Atem des Lebens schöpfen" (4)
ein Gespräch in sechs Teilen über Spiritualität mit Bruder David Steindl-Rast OSB

Spiritualität als etwas Privates zu verstehen, ist ein völliger Irrtum. Wenn Spiritualität die Lebendigkeit aus dem Glauben ist, wird sie auch in Gemeinschaft gelebt. Denken wir einmal ganz nüchtern nach: Wir alle können nicht einen einzigen Tag lang überleben, ohne dass sehr viele Menschen, von denen wir nie den Namen erfahren werden, für uns arbeiten und uns bedienen. Das sind Menschen, an die wir nie denken.

Getragen
Wir fahren zum Beispiel auf der Autobahn dahin und bedenken nicht, dass die Herstellung jedes Meters dieser Fahrbahn hunderte Arbeitsstunden verlangt hat – vom Abbau der Rohstoffe, der Herstellung von Zement und Asphalt, den Transportwegen bis zum eigentlichen Straßenbau. Nicht selten sind es ärmere Menschen als wir, die hier für uns gearbeitet haben. Menschen werden für unseren Lebensstil auch ausgebeutet. Wir werden jedenfalls immer von anderen unterstützt und getragen.

Dankbar
Eine große Freudenquelle entspringt nun daraus, dass man anderen Menschen, auf die man sonst nicht achtet, Dankbarkeit erweist. Denken wir an alltägliche Beispiele wie ein gutes Trinkgeld zu geben. Ich kann mir schon als junger Menschen angewöhnen, die Freude auszukosten, wenn ich jetzt ein bisschen mehr Trinkgeld gebe als erwartet wird – besonders, wenn es verdient wurde. Es muss auch gar nicht Geld sein, das man gibt: Geht man zum Beispiel in eine öffentliche Toilette hinein und dort arbeitet gerade jemand, kann man sagen: „Es ist sehr schön sauber!“ Ein solcher Satz kann ja den ganzen Tag dieses Menschen erhellen. Wir sollten uns immer wieder dankbar erweisen.

Aufmerksam
Es ist sehr wichtig zu bedenken, dass Spiritualität in einem Netzwerk mit anderen und in der Gegenseitigkeit lebt. Gerade deshalb braucht es die Achtsamkeit und besonders die Aufmerksamkeit für andere. Nun sind wir als Menschen aber letztlich doch egoistisch veranlagt. Deshalb lernt man diese Aufmerksamkeit am leichtesten, wenn man verkostet, wieviel Freude es uns macht, für etwas dankbar zu sein, das wir sonst nur als gegeben hinnehmen. Was ich als gegeben hinnehme, das bemerke ich kaum. Darüber muss ich hinausgehen um Freude zu finden – Freude an Dingen, die ich genießen kann und Freude an einem achtsamen Leben, in dem jeder Mensch auf den anderen achtet.

Bruder David Steindl-RastBruder David Steindl-Rast

Der Benediktiner ist einer der großen spirituellen Lehrer und Autoren der Gegenwart. 1926 in Wien geboren, wo er Kunst, Psychologie und Anthropologie studierte, folgte er in den 50er Jahren seiner zuvor emigrierten Familie in die USA. Dort trat er in das Benediktinerkloster Mount Saviour ein. Früh wurde er von seinen Ordensoberen zum interreligiösen Dialog beauftragt, insbesondere mit dem Buddhismus. Teilweise lebt er heute in den USA und im Kloster Gut Aich bei St. Gilgen. Sein großes Anliegen ist, dass Menschen zu einem dankbaren und daher freudvollen Leben finden: www.dankbar-leben.org und gratefulness.org.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 36 vom 7. September 2017)