Das neue Buch von Univ. Prof. Primar Dr. Reinhard Haller hat schon beim Erscheinen Furore gemacht. Der Gutachter des Sexualmörders Jack Unterweger und des Bombenhirns Franz Fuchs spricht im KirchenBlatt-Interview über das Böse, auch im Verhältnis zu Religion und Glaube. Das gespräch Führte Wolfgang Ölz
Mit „Woher kommt das Böse?“ titelt die renommierte Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, bezugnehmend auf Ihre jüngste Publikation. Wie beantworten Sie diese Frage?
Ich denke, letztlich gibt es dafür viele und keine Erklärung. Es kommt darauf an, wie ich es betrachte. Wenn ich es evolutionsbiologisch betrachte, dann werde ich sagen, es ist halt der Uraggressionstrieb, der letztlich dafür sorgt, dass sich der Gesündere und Stärkere durchsetzt. Wenn ich es psychiatrisch betrachte, dann werde ich sagen, es kommt halt von Krankheiten. Wenn ich es philosophisch betrachte, dann werde ich wahrscheinlich sagen, damit es überhaupt das Gute gibt, muss es auch das Böse geben. Oder man könnte auch sagen, es ist der Preis, den wir für die menschliche Freiheit zahlen, das heißt, wenn der menschliche Geist wirklich frei ist, dann kann er sich natürlich nicht nur für das Gute entscheiden, sondern auch für das Böse. Theologisch würde man wahrscheinlich sagen, es ist ein Ausdruck der Gottferne, es ist die Abkehr und der Ungehorsam gegen Gott. Ein traditioneller Ansatz, der aber den modernen trifft, ist, dass der Mensch Gott gleich sein will. Was in Luzifer vorgegangen ist, sieht man am heutigen Sexualmörder, der auch Herr über Leben und Tod sein will, wenn man nur an das Drama von Amstetten denkt. Oder an KZ Ärzte, die mit der Reitpeitsche entscheiden, welche Kinder kommen gleich ins Gas und welche kommen zu entsetzlichen medizinischen Experimenten.
Sie haben eben verschiedene Sichtweisen aufgemacht. Wie kann eine sinnvolle Zusammenarbeit der Wissenschaften angesichts des Bösen geschehen?
Wir haben keine einheitliche Definition für das Böse. Ist es böse, wenn man lieblos ist, wenn man nicht miteinander redet, wenn man den Hunger in der Dritten Welt, wenn man den Stellenabbau in Großbetrieben zulässt? Ein anderer sagt, es ist der Krieg im Irak oder die und die Tat; also man versteht ganz unterschiedliche Dinge als böse. Mein Fach, die Psychiatrie, hat immer gesagt, nein, nein das ist unwissenschaftlich, wir haben für alles eine biologische Erklärung. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz, weil es eben neben dem Kranken auch das Böse gibt.
Im katholischen Katechismus steht, dass es ein großes Geheimnis ist, dass Gott das Böse zulässt. Sind traditionelle Bilder, die das Böse personalisieren nur Metaphern der Menschheitsgeschichte?
Für mich sind es schon Metaphern. Ich hoffe, ich werde jetzt nicht aus der rechten Kirchenlehre ausgeschlossen (lacht). Früher hat man das Böse in Naturgewalten, in Naturkatastrophen, aber auch in Geistern und Hexen gesehen. Dann ist dieses Zeitalter der Reinkarnation gekommen, wo man einfach gesagt hat, das Böse hat eine Gestalt als Teufel, Belzebub, Satan. Später hat man das Böse personifiziert, und gesagt, es gibt Menschen, die durch und durch böse sind, wie Nero, Stalin, Iwan der Schreckliche, Hitler oder Mao Tse Tung. Heute wendet man psychologisch-psychiatrische Kategorien an bzw. man wendet Charaktermerkmale an, die das Böse ausmachen.
Ist das Böse ein Teil des Menschen, der eben aus Gut und Böse besteht?
Das glaube ich schon. Das Böse ist eine Urkraft. Es ist ja ein alter Streit der (Kriminal)Psychologie, ob der Mensch als gutes Wesen auf die Welt kommt, und erst durch die Erziehungseinflüsse, durch falschen Umgang böse wird oder ob es umgekehrt ist, dass der Mensch als universell böses Wesen auf die Welt kommt und erst durch die Erziehung zum Guten gebracht wird. Da ist ja eine Parallele dazu da, was man im religiösen Kontext die Erbsünde nennt, die ja auch sagt, ich habe etwas Böses mit auf die Welt gebracht. Ich denke, der Mensch hat beides, Böses und Gutes in sich, und diese Teile sind oft erschreckend nah beieinander, wie etwa im Fall Amstetten, der deswegen so erschütternd ist, weil es dieselbe Person war, die oben der gütige Opa war und unten der furchtbare Kerkermeister. Für das Böse brauchen wir keine Geister, Hexen und dunkle Mächte, sondern wir brauchen allein den Menschen.
In ihrem Buch schildern Sie reale Mörder wie weltliterarische Figuren, wie sie etwa bei Shakespeare zu finden sind. Wie soll man ihr Buch in rechter Weise lesen?
Wenn ich Vorträge über das Böse halte, dann ist es schon etwas ganz anderes, als wenn man über Sucht, Burnout oder Depressionen spricht. Da kann man auch einmal einen Schmäh machen oder auch ironisch sein und so das Bedrückende herausnehmen, aber das kann man bei diesem Thema nicht.
Beim Lesen wäre es für mich hilfreich, wenn es letztlich ein eine Art Psychologie-Lehrbuch wäre, wo man die Phänomene nicht trocken schildert, was ist eine Emotion, was ist ein Kränkungserlebnis, was ist ein Trauma, alles ist hier irgendwie in spannende Geschichten eingebunden. Und man soll es nicht in einem Atemzug lesen, sondern es muss doch relativ gut dosiert sein.
Was für ein Gottesbild kann als Leitstern durch das Böse hindurch führen?
Das Gottesbild muss natürlich eine Repräsentation des Guten sein, der Gegenpol des Bösen. Ich glaube, der entscheidende Punkt ist folgender: Die besten Denker der Menschheit, wie etwa Sigmund Freud, die man gefragt hat, wie das Böse bekämpft oder gar beseitigt werden kann haben gesagt, und das sogar der Agnostiker Freud, es gibt eine einzige Botschaft und das ist die goldene Regel, was du nicht willst das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu oder liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Psychiatrisch würde man sagen, sich mehr in den anderen einfühlen wäre nötig, Empathievermögen, denn das Böse setzt fehlende Empathie voraus. Das ist der einzige Weg, den es gibt, dass man sich mehr in den anderen einfühlt.
Artikel aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nummer 44 vom 1. November
Von Wolfgang Ölz veröffentlicht am 28.10.2009

