Als „Idealfall“ beschreibt Pfarrer Christian Führer die Situation der Kirche in der ehemaligen DDR. Weil die Kirche die einzige Alternative zum Staat gewesen sei. Mit Bischof Erwin Kräutler und der Wiener Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr trat Pfarrer Führer letzte Woche bei einer Diskussion in Bregenz über „gewaltfreien Widerstand heute“ ins Gespräch.

Dietmar Steinmair

Am Montag, den 9. Oktober 1989, versammelten sich in und um die Nikolaikirche in Leipzig einige Tausend Menschen zu einer Demonstration gegen das SED-Regime. „Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden! Für die entstandene ernste Situation müssen vor allem Partei und Regierung verantwortlich gemacht werden.“ - 25.000 Flugblätter mit diesen Worten hatten zuvor sowohl die Menschen als auch die Einsatzkräfte zum Gewaltverzicht beschworen. Zu den paar Tausend, die von der Nikolaikirche loszogen, kamen auf dem Weg immer mehr dazu. Am Ende waren es 70.000 Menschen, die den Protestmarsch beenden konnten. Ohne dass dieser von Polizei und Armee gewaltsam aufgelöst worden wäre.

Idealfall der Kirche
Pfarrer Christian Führer, ein Mann von kleiner Statur, wachen Augen und einer Wortgewandtheit, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt, war damals evangelischer Pfarrer an der Nikolaikirche. Die Menschen, die seit 1982 in immer größerer Zahl zu den Friedensgebeten und Gottesdiensten in die Nikolaikirche gekommen waren, seien zu 90 Prozent nicht eingeschriebene Mitglieder der Gemeinde gewesen, so Führer. „Das war sozusagen ein Idealfall für die Kirche. Diese Menschen waren von der Botschaft Jesu und der Bergpredigt als Alternative beeindruckt. Jesus preist Leute für glücklich, die niemand auf dieser Erde für glücklich hielt. Jesus sagt: Selig die Armen. Und nicht: Wer Geld hat, ist glücklich. Er sagte: Liebe deine Feinde. Und nicht: Nieder mit dem Gegner. Er sagte: Letzte werden erste sein. Und nicht: Es bleibt alles, wie es ist. Er sagte: Ihr seid das Salz, nicht die Oberschicht. Und: Mischt euch ein, bleibt nicht in euren Kirchen hocken.“ Das hätten die Leute anderswo noch nicht gehört, sagt Führer. Die Kirche sei eine echte und zugleich auch die einzige Alternative zum Staatsapparat gewesen.

Zwei Hände - keine Gewalt
Die staatlich kontrollierten Medien hatten vor jenem entscheidenden Montag ein Gewaltszenario aufgebaut, es erschienen Zeitungsartikel mit der Ankündigung, die „Konterrevolution zusammenzuschlagen, wenn nötig mit der Waffe in der Hand.“ Doch die Menschen hatten in den Kirchen gelernt, im Herbst 1989 ihre Angst zu überwinden. Als Führer nach dem Friedensgebet auf die Straße trat, hielten die Menschen Kerzen in ihren Händen. Für den Pfarrer ein klares Zeichen: „Damit Kerzen nicht ausgehen, brauchst du zwei Hände. Da hast du keine Hand mehr frei für einen Stein oder einen Knüppel. Da habe ich gesehen, dass die Menschen gewaltlos demonstrieren, die Alternative von Jesus tatsächlich aufnehmen wollten.“

Beispielloser Vorgang
Wenn die Demonstranten auf die Polizei losgegangen wären, dann hätte es geendet wie immer, ist sich Pfarrer Führer sicher: „Nämlich mit Gewalt, so wie 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in Prag, 1970 in Danzig, 1989 in Peking.“ Dass Menschen nach Jahrzehnten des Atheismus im entscheidenden Moment die Alternative der Gewaltlosigkeit erkannt haben, ist für Christian Führer ein „Wunder biblischen Ausmaßes“. Niemand hatte es für möglich gehalten, ein Land aus dem damals größten Militärbündnis der Welt - dem Warschauer Pakt - herauszulösen. Und das ohne Krieg.

Altar und Straße
Entscheidend war auch, dass die Demonstrationen immer mit vorhergehenden Friedensgebeten verbunden waren: „Dass es in der Kirche gewaltlos zugeht, ist wohl der Normalfall. Aber die Menschen haben die Gewaltlosigkeit mit auf die Straße genommen.“ Beten und handeln, drinnen und draußen, Altar und Straße gehören für Pfarrer Führer zusammen. „Viele sagen, dass Kirche nicht politisch sein darf. Aber wenn jemand schweigt und zustimmt, dann ist das auch im höchsten Maße politisch, denn er ist damit für die Beibehaltung des Status quo.“

Kirche ohne Privilegien
Die Situation der Kirche in der DDR beschreibt der mittlerweile emeritierte Pfarrer rückblickend als „40-jähriges Trainingslager für den Glauben“, denn man sei immer herausgefordert gewesen, der eindeutig atheistisch geprägten Weltanschauungs-Diktatur entgegen zu treten. „Eine Kirche ohne Privilegien hat zu einer starken Konzentration auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus geführt.“ Das nötigte dazu, neue Wege zu finden. Zum Ärger des Staates hätten sich viele in der Kirche als „Minderheit mit Zukunft“ bezeichnet. Im Gegensatz zur „Mehrheit ohne Zukunft“, so Führer.

Die allergrößte Kraft
Pfarrer Führer ist verheiratet und hat vier Kinder. Ob er nie Angst um sich und seine Familie hatte? „Ja. Die Angst war unser ständiger Begleiter, aber der Glaube war immer ein Stück größer als die Angst.“ Familie und der Kirchenvorstand hatten ihn immer unterstützt. „Doch die allergrößte Kraft ist das Gebet, denn ohne Gebet wäre man ertrunken in der Angst.“


Stichwort „Montagsdemonstrationen“

Die „Montagsdemonstrationen“ waren im Herbst 1989 ein wichtiger Bestandteil der friedlichen Revolution in der DDR. Ab dem 4. September fanden sie als Massendemonstrationen vor allem in Leipzig statt. Die ent-scheidende Demonstration war jene vom 9. Oktober 1989, als der Staatsapparat - machtlos gegen 70.000 Demonstranten - erstmals keine Gewalt einsetzte, um eine Kundgebung aufzulösen. Mehrfach erbat der Leipziger Polizeikommandant eine Weisung aus Berlin. Es kam keine bzw. erst verspätet eine Antwort.
Mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ meldeten sich daraufhin Woche für Woche Hunderttausende DDR-Bürger im ganzen Land zu Wort und prote-stierten gegen die politischen Verhältnisse und die SED-Herrschaft. Am
9. November 1989 wurden die Grenzen der DDR schließlich geöffnet.

Von Simone Rinner veröffentlicht am 03.11.2011

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