Trotz unterschiedlicher Konfessionen verfolgen sie ein Ziel: Die Muslimin Khadijah Hawaja Gambo und die Christin Esther Ibanga setzen sich gemeinsam dafür ein, die Gewalt in ihrer Heimat Nigeria zu stoppen und Frieden und Versöhnung zu fördern.
Susanne Huber
Jos war einmal begehrtes Ziel nigerianischer Urlauber. Umgeben von Bergen liegt die Stadt inmitten des zentralnigerianischen Josplateaus und ist bekannt für sein angenehmes Klima. Jos ist heute eine gefährliche Stadt. Die Angst ist ständige Begleiterin der Bevölkerung. Beinahe täglich kommt es in der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau zu Anschlägen. Militärkontrollen prägen das Straßenbild der rund 860.000-Einwohner-Metropole. Jos ist trauriger Schauplatz von immer wieder aufbrechenden Konflikten zwischen Muslimen und Christen. Und sie ist Heimat von Khadijah Hawaja Gambo, einer Muslimin, und Esther Ibanga, einer Christin.
Genug von Leid und Schmerz. 2001 haben die massiven Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen begonnen. Bis heute sind dabei tausende Menschen getötet worden. „Ich habe durch die blutigen Anschläge zehn Familienmitglieder und zahlreiche Freunde verloren“, erzählt Khadijah. Jos ist eine geteilte Stadt mit muslimischen und christlichen Vierteln. „Wenn du als Muslimin christliche Gebiete betrittst, kann es sein, dass du angegriffen und im schlimmsten Fall auch getötet wirst. Umgekehrt ist es genauso; als Christin ist es gefährlich, muslimische Stadtteile zu betreten. Es gibt auch keinen gemeinsamen Markt“, so die Muslimin. Auch die Christin Esther Ibanga hat Freunde und Bekannte durch die Auseinandersetzungen verloren. „Ich denke, dass jeder hier in Jos unter der Gewalt leidet, direkt oder indirekt. Wir haben genug vom Schmerz, vom Leid, genug vom Blutvergießen, genug vom Hass. Vermehrt sind Frauen und Kinder Zielscheibe der Gewalt geworden. Das muss aufhören. Deshalb haben wir uns vor zehn Monaten dazu aufgerafft, gemeinsam für den Frieden zu arbeiten“, sagt Esther.
Misstrauen. Zunächst war es nicht einfach, zwei verfeindete Gruppen zu einen, sich die Hände zu reichen und eine Brücke zu schlagen. „Wir Christinnen haben Versammlungen gegen Gewalt veranstaltet und die Muslime unter sich auch. Aber das Morden und Blutvergießen nahm kein Ende. So habe ich beschlossen, Khadija aufzusuchen. Anfangs war sie mir gegenüber sehr misstrauisch und es hat eine Zeit lang gedauert, bis auch ihr bewusst wurde, dass es notwendig ist, gemeinsam ein Zeichen zu setzen, mit einer Stimme zu sagen, dass wir kein Interesse an einer Politik haben, die darauf aus ist, dass sich Christen und Muslime gegenseitig die Köpfe einschlagen“, sagt Esther. Nachdem sie sich getroffen hatten, musste Khadijah Esthers Vorschlag, diesen Wahnsinn gemeinsam zu stoppen, erst einmal „seelisch verdauen“, bevor sie schließlich den Schritt an die Öffentlichkeit wagten. Seither treffen sich insgesamt 30 Musliminnen und Christinnen alle zwei Wochen an einem neutralen, geschützten Ort, einem Saal, der Eigentum der Regierung ist.
Workshops. Konkrete Schritte wider die Gewalt wurden schon eingeleitet, Konferenzen gehalten, Gespräche mit Regierungsmitgliedern geführt. „Geplant sind neben sportlichen Wettkämpfen in christlich-muslimisch gemischten Teams auch Workshops mit Experten im Bereich Trauma-Heilung. Viele Menschen brauchen wegen ihrer tragischen Erlebnisse Hilfe von Psychologen“, so Khadijah. Die beiden Nigerianerinnen waren unlängst in Wien. Bei einer Veranstaltung der Organisation „Frauen ohne Grenzen“ zum Thema extremistische Gewalt haben sie über die Lage in ihrer Heimat berichtet.
Es geht um Macht. Die Konflikte im Vielvölkerstaat Nigeria mit 155 Millionen Einwohnern haben allerdings nicht nur religiöse Hintergründe. Vielmehr sind es politische, wirtschaftliche, soziale und ethnische Probleme, die bis heute nicht gelöst wurden. „Es geht darum, wer du bist, was du besitzt und wieviel Macht du hast“, so Khadijah. Dabei zählen die Muslime mit 50 Prozent der Bevölkerung und die Christen mit etwa 48 Prozent zu den dominierenden Gruppen in Nigeria. „Frieden kann geschehen, wenn wir versuchen, einander zu verzeihen und zu vertrauen. Wir wollen stolze Nigerianerinnen sein, unabhängig davon, ob wir Christen sind oder Muslime“, meint Esther.
Spirale der Gewalt in Nigeria
Beim jüngsten Konflikt zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos sind fünf Menschen getötet worden. Weitere zwölf Personen wurden schwer verletzt. Die Gewalt im Viertel Angwan Rubuka sei nach dem Tod eines muslimischen Schreiners ausgebrochen, gab die Polizei an. Ein Christ habe ihn getötet, daraufhin sei es zu Ausschreitungen gekommen. Jos liegt im Grenzgebiet zwischen dem muslimisch dominierten Norden Nigerias und dem christlich geprägten Süden des Landes. Immer wieder kommt es in dem Gebiet zu ethnischen und religiösen Konflikten. Öl ins Feuer gießt dabei die islamische Sekte „Boko Haram“, die Gesamtnigeria in einen islamischen Staat verwandeln will. Ein direkter Zusammenhang der Sekte zu den aktuellen Ausschreitungen wurde jedoch nicht bekannt.
Im Juni ist die Kathedrale von Maiduguri durch einen Bombenanschlag schwer beschädigt worden. Laut Oliver Dashe Doeme, Bischof von Maiduguri, richten sich die Attentate aber nicht nur gegen Christen. Nach Angaben der Christlichen Vereinigung Nigerias wurden allein seit der Präsidentenwahl am 16. April, bei der der Christ Goodluck Ebele Jonathan im Amt bestätigt wurde, im Norden 300 Kirchen zerstört.
(aus KirchenBlatt Nr. 31 vom 7. August 2011)
Von Simon Felizeter veröffentlicht am 04.08.2011

