„Schlimmer als der körperliche Hunger, ist der Hunger der Seele“, sagt Elmar Stüttler. Er ist Diakon und mit seinem „Tischlein deck dich“ lässt er die Nächstenliebe nicht nur ein schönes Wort sein, sondern lebt sie.

Veronika Fehle

EssenKirchenBlatt: Herr Stüttler, beginnen wir gleich mit einer Gratulation. Am 1. September 2011 erhalten Sie für Ihr Engagement den Dr. Toni Russ-Preis.
Elmar Stüttler: Den Toni Russ-Preis bekommen wir alle, die wir uns für „Tischlein deck dich“ engagieren. Das bin nicht ich allein. Ich bin nur ein Rädchen von vielen.

(Bild: flickr.com/mullica)

„Tischlein deck dich“, jeder hat die kleinen Lebensmitteltransporter schon einmal gesehen. Wenn Sie sich als ein Rädchen unter vielen verstehen, wer sind die anderen?
Stüttler: Heute arbeiten in ganz Vorarlberg rund 250 Menschen an und für „Tischlein deck dich“, darunter auch drei Zivildiener der Diözese Feldkirch und einige Langzeitarbeitslose. Und dann ist da auch meine Frau. Ohne sie ginge gar nichts.

Soziales Engagement ist eine schöne Sache. Dennoch, vom „man sollte doch“ zum „das mache ich jetzt“ ist es noch ein weiter Sprung.
Stüttler: Angefangen hat für mich alles mit einem Inserat im KirchenBlatt. Es wurden Menschen gesucht, die sich für eine Ausbildung zum Diakon interessierten. Das traf auf mich zu. Seit elf Jahren bin ich nun Diakon. Die Feier der Gottesdienste, die Verkündigung und die Hilfe für Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, sind drei Säulen, die dieses Amt ausmachen. Für mich sollten es die Hilfesuchenden, die Armen sein. Welchen Weg ich dabei wählen sollte, das stand für mich nicht von Anfang an fest. Also habe ich gebetet, vier Jahre lang. Ich habe Gott darum gebeten, mir jenen Weg zu zeigen, der für mich der richtige ist, den Weg, den ich gehen darf. Und dann kam der 4. Oktober 2004.

Und was brachte dieser 4. Oktober 2004?
Stüttler: Eine Radiosendung über die „Münchner Tafel“, die Lebensmittel an hilfsbedürftige Menschen ausgibt. Am 11. Oktober 2004 sind meine Frau und ich nach München gefahren und haben uns die Arbeit der „Münchner Tafel“ direkt vor Ort angesehen. Wir waren begeistert. Also habe ich begonnen, mit Lebensmittelhändlern in Vorarlberg zu verhandeln, habe Behördengänge erledigt und  mit 25 Helfern die erste Lebensmittelausgabe im Feldkircher Kapuzinerkloster vorbereitet. Trotzdem aber habe ich immer noch auf ein Zeichen gewartet, dass das wirklich mein Weg sein soll.

Dieses Zeichen, die Bestätigung, kam dann aber noch? 
Stüttler: Ja. Ich hatte zu Hause unsere Garage schon komplett ausgeräumt, Tiefkühlgeräte und Kühlschränke gekauft und den ganzen Raum mit Lebensmitteln  für „Tischlein deck dich“ vollgeräumt. Um die Ware ausliefern zu können, brauchten wir ein Kühlauto. Das war finanziell nicht drin. Und dann rief ein Händler aus Lustenau an, der uns genau jenes Kühlauto, das wir so dringend brauchten, finanziell leistbar angeboten hat. Das war mein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.


HINTERGRUND

„Tischlein deck dich“
Begonnen hat alles mit einer Radiosendung, über die der Vorarlberger Diakon Elmar Stüttler mehr oder minder zufällig gestolpert ist. Es war eine Sendung über die „Münchner Tafel“, einer Organisation, die Lebensmittel an hilfsbedürftige Menschen inmitten unserer Gesellschaft ausgibt. Nach einem Lokalaugenschein in München war für das Ehepaar Stüttler klar, dass hier auch in Vorarlberg Handlungsbedarf besteht.

Engagement von Anfang an.
Auf die ersten Inserate zur Gründung des „Tischlein deck dich“-Vereins meldeten sich sofort 25 freiwillige Helfer bei Elmar Stüttler. „Ich muss wirklich sagen, dass uns die Lebensmittelhändler hier im Land von Anfang an unterstützt haben. Vielleicht waren sie zu Beginn noch etwas skeptisch. Mitgemacht haben Sie aber trotzdem“, erinnert sich Elmar Stüttler. Die erste Lebensmittelausgabe fand am 17. April 2005 im Kapuzinerkloster in Feldkirch statt. Die zweite Station war am 19. April 2005 Dornbirn. Heute ist der Verein „Tischlein deck dich“ mit Bludenz. Feldkirch, Götzis, Dornbirn und Bregenz an fünf Orten Vorarlbergs mit rund 250 Helfern und sieben Lieferfahrzeugen regelmäßig vertreten. Über 10 Tonnen an Lebensmitteln werden so pro Woche an Bedürftige weitergegeben.

Kontrollierte Abgabe
Wer zu den „Tischlein deck dich“- Warenausgaben kommen kann, wird übrigens streng kontrolliert - mittels Berechtigungskarten, die u. a. in den Gemeindeämtern ausgestellt werden. Was Elmar Stüttler in den vergangenen Jahren seiner Arbeit aber bemerkte, ist, dass die Scham, sich eine derartige Karte ausstellen zu lassen, vielerorts noch sehr groß ist.   

www.tischlein-deckdich.at

(aus KirchenBlatt Nr. 34 vom 28. August 2011)

 

Von Simon Felizeter veröffentlicht am 24.08.2011

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