Dass der weltberühmte Detektiv Sherlock Holmes im Berner Oberland seinen (vorübergehenden) Tod fand, ist gemeinhin bekannt. Wenig bekannt ist jedoch, dass sein geistiger Vater im Schulstädtchen Feldkirch weilte. Der spätere Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle, ein gebürtiger Schotte, besuchte während eines „Auslandsjahres” das Jesuitengymnasium der Stella Matutina. Hier machte er erstmals Bekanntschaft mit dem Genre des Kriminalromans und veröffentlichte frühe eigene Texte in der von ihm selbst gegründeten „Feldkirchian Gazette”. Das KirchenBlatt begab sich auf Spurensuche. Von Philipp Schöbi

Stella MatutinaEine „großartige Schule in Feldkirch”. Im September 1875 entsteigt am Bahnhof Feldkirch ein 16-jähriger Junge aus Schottland dem Zug. Er kommt mit der kürzlich eröffneten „Vorarlberg-Bahn” aus der Schweiz an. In seinem nagelneuen Tweed-Anzug und mit ordentlich glattgestrichenen Haaren begibt er sich in die Stella Matutina. Zuvor hatte er das Jesuitenkolleg  Stonyhurst, eine Eliteschule im Norden Englands, besucht und mit Auszeichnung abgeschlossen. Doch für die Universität ist er noch zu jung. Deshalb hat ihm Rektor Purbrick ein weiteres Jahr bei den Jesuiten empfohlen: „Da gibt es eine großartige Schule in Feldkirch ...“
Nun ist er da. Sein Name: Arthur Ignatius Conan Doyle. Obwohl aus eher bescheidenen Verhältnissen stammend, kann er dank der selbstlosen Unterstützung seiner Mutter  an dieser elitären Schule studieren, die sonst meist deutschsprachigen Jungs aus besserem Hause vorbehalten ist.

Erziehung zum „Hüter von Recht und Ordnung“. „Die Alpen sind wunderschön und ich denke, die Stadt ist nett“, schreibt er gleich nach der Ankunft seiner Mutter. Was Arthur aber verschweigt: Bereits in der ersten Nacht an der Stella ist er, mit einer Bettschere (= eine Art Holzgitter, damit nichts aus dem Bett fällt) bewaffnet, im großen Schlafsaal in den Kampf gezogen, um einen schnarchenden Mitschüler unsanft verstummen zu lassen - was ihm am nächsten Morgen prompt eine Rüge wegen „freiem und lockerem englischen Benehmen“ eintrug. Später wird er das als seinen größten Lapsus in Feldkirch bezeichnen. Im Rückblick  schreibt er über die Feldkircher Zeit: „Hier waren die Bedingungen viel humaner und ich begegnete weit mehr Menschenliebe als in Stonyhurst, mit dem sofortigen Ergebnis, dass ich aufhörte ein nachtragender junger Rebell zu sein und zu einem Hüter von Recht und Ordnung wurde.“ Damit war die Saat gelegt für die weltberühmte Romanfigur, die Conan Doyle später schuf: den Meisterdetektiv Sherlock Holmes, den fiktiven Hüter von Recht und Ordnung in kriminalistischen Dingen.

Sprachliche und charakterliche Fortschritte. Aber vorerst ist er in Feldkirch um sein Deutsch zu perfektionieren und akademisch heranzureifen. Später erinnert er sich: „Ich machte weniger Fortschritte in Deutsch als ich sollte, denn es gab da auch noch etwa 20 englische Jungs, welche natürlich die Wünsche ihrer Eltern hintertrieben, indem sie sich zusammenrotteten.“ Allzu schlimm kann es aber nicht gewesen sein, schrieb er doch bereits im März 1876 an seine Mutter: „Mit dem Deutsch geht es gut voran. Ich habe eine solche Redegewandtheit erlangt, dass ich, wenn wir unsere Spaziergänge haben, mit zwei Deutschen während dreier Stunden eine ununterbrochene Konversation führen kann; denn bei einem Spaziergang gehen wir in Dreierreihen nebeneinander, und ein Engländer muss immer zwei Deutsche begleiten.“

Selbst Cicero wird verstümmelt. Dass Arthur als einziger Ausländer in der Vorbereitungsklasse sitzt, nimmt er offenbar mit Humor. Über seine Lateinstunden berichtet er: „Unser guter Magister ermuntert mich jeden Tag, den armen Cicero zu zerstümmeln und ihn in schlechtes Deutsch zu übersetzen, unter dem Grinsen der Eingeborenen.“ Immerhin verbinden ihn mit den „aborigines“ viele fröhliche Stunden, auch feuchtfröhliche, wie aus seinen Briefen hervorgeht. Begeistert berichtet er auch von seinen sportlichen Aktivitäten in Feldkirch wie Schlittschuhlaufen, Rodeln, Wandern, Fußball (damals ein Novum in Österreich!) und von einem bei den Zöglingen sehr beliebten Spiel namens Stelzen-Fußball.

ACD in BlasmusikkapelleSchattenburg, Ill und der Fridolin-Stein. Öfters beschreibt Arthur in seinen Briefen die herrlichen Berge und die Sehenswürdigkeiten rund um Feldkirch. Besonders angetan scheint er vom sagenumwobenen Fridolin-Stein in der Basilika Rankweil, dem felsigen Betstuhl des heiligen Fridolin. „Den größten Fortschritt erzielt man auf Knien“, wird er über 40 Jahre später als eine zentrale Erkenntnis seines Lebens zu Protokoll geben - es mag ein Zufall sein.

Aber die Ellipse ist ein schrecklicher Gesell.  Arthur lobt das gute Essen an der Stella und das „deutsche Leichtbier anstelle der entsetzlichen Keulen in Stonyhurst“. Geradezu ins Schwärmen gerät er, wenn er von der schuleigenen Blaskapelle erzählt, in der er das Bombardon oder „Bombenhorn“ spielen darf, eine Art Riesentuba, deren Aussehen an ein Bombenrohr gemahnt: „Das Bombenhorn kommt nur an bei einem angemessenen Rhythmus mit einem gelegentlichen Ausstoß, der tönt wie ein Nilpferd bei einem Stepptanz.“ Weniger Freude bereitet ihm die Geometrie und „die zum Verzweifeln trotzigen Kegelschnitte“, wie die Mathematik insgesamt: „Die Parabel habe ich besiegt, aber die Ellipse ist ein schrecklicher Gesell.“

Erste literarische Versuche. Arthur gibt an der Stella eine Art „Feldkircher Anzeiger“ heraus, eine Schulzeitung namens „The Feldkirchian Gazette“. Dort veröffentlicht er auch vier eigene Gedichte. Er sendet die Texte an seinen Patenonkel in Paris, der ihm großes Talent bescheinigt und seine „Feldkirch Newspaper“ erwähnt. Dies dürfte dazu geführt haben, dass seit mehr als 30 Jahren beharrlich behauptet wird, Conan Doyle hätte in seiner Zeit an der Stella Kurzgeschichten für den „Feldkircher Anzeiger“ geschrieben. Vor kurzem wurde diese Legende aber widerlegt.

Im Bann des Verbrechens. Immerhin darf gesagt sein, dass die erwähnten Gedichte zu Conan Doyles ersten literarischen Publikationen gehören. Zudem lernte er in Feldkirch ein Buch kennen, das ihn „nicht nur beeindruckte, sondern elektrisierte“ und das seine späteren literarischen Neigungen entscheidend formte: „Tales of Mystery and Imagination“ von Edgar Allan Poe, einem der Urväter der Kriminalliteratur. Nach dem Aufenthalt in Feldkirch reiste Conan Doyle im Juni 1876 weiter nach Paris. Sein erster Biograph John Dickson Carr brachte seine Ankunft dort wie folgt auf den Punkt: „So erreichte er Paris mit einem Buch über Kegelschnitte in seiner Hand, Edgar Allan Poe in seinem Kopf und zwei Pence in seiner Tasche.“

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(aus KirchenBlatt Nr. 34 vom 29. August 2010)

Von Alexander Hartmann veröffentlicht am 26.08.2010

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