Das Jüdische Museum Hohenems ermuntert in seiner neuen Ausstellung dazu, Fragen zum Judentum zu stellen und geht gleich mit gutem Beispiel voran. Es berichtet Hans Rapp.

Bild rechts: Lego Concentration Camp Schachtel.
Ein Lego-Konzentrationslager des polnischen Künstlers Zbigniew Libera, 1997. Die Vernichtung der europäischen Juden als Element des grundsätzlichen Bausatzes unserer westlichen Kultur.

Darf man über den Holocaust Witze machen? Die Antwort des Wiener Oberrabbiners Chaim Eisenberg lautet: „Er muss schon sehr gut sein“. Daneben wird ein Photo zu sehen sein mit einer Dame mit Hitlerschnurrbart, die ein Blech mit angebrannten Keksen aus einem Backrohr entnimmt. Bildunterschrift: „Hitler – Burnt Jew Cookies“ – „Hitler – verbrannte Judenkekse“. Das Bild stammt von der US-amerikanischen Schauspielerin Roseanne Barr, einigen vielleicht aus der US-amerikanischen Serie „Roseanne“ bekannt. Das ist schon dicke Post und scheint auf den ersten Blick allerunterstes Stammtischniveau zu sein.

Der zweite Blick ist komplexer. Barr entstammt einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln und macht damit über die eigene Leidensgeschichte Witze. Offensichtlich ist die Frage, ob man über den Holocaust Witze machen darf, doch nicht nur rhetorisch. „Ich wollte etwas nehmen, wo sich die Geister scheiden können. Das Bild überschreitet eine Grenze des Dürfens und nicht Dürfens. Dadurch wird diese Grenze sichtbar gemacht,“ so Hannes Sulzenbacher, der gemeinsam mit Hanno Loewy für die neue Ausstellung „Was Sie schon immer über Juden wissen wollten... aber nie zu fragen wagten“ des Jüdischen Museums Hohenems verantwortlich ist.

Hannes SulzenbacherHannes Sulzenbacher (li) ist Theaterwissenschaftler, Ausstellungsmacher und Schriftsteller und hat gemeinsam mit Hanno Loewy die Ausstellung in Hohenems kuratiert.

Die Ausstellung will ermutigen, Fragen zum Judentum und zu Juden zu stellen. „Die Idee entstand aus der Tatsache, dass sehr viele Menschen, die ein jüdisches Museum, egal wo, besuchen, oft sehr grundlegende, oft missverständliche und oft politisch nicht ganz korrekte Fragen zu Juden haben oder stellen. Jene werden dort aber nicht beantwortet, da jüdische Museen eine klare historische und kulturhistorische Aufgabe haben. Viele Menschen empfinden ihre Fragen als ‚blöd‘ und trauen sich nicht, sie zu stellen. Nun, hier geht’s jetzt“, erklärt Sulzenbacher. Gemeinsam mit Hanno Loewy hatte der Tiroler und Wahl-Wiener unter anderem bereits die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Hohenems gestaltet. Er ist in Vorarlberg also kein Unbekannter.

Die Besucherinnen und Besucher begegnen in der Ausstellung Fragen wie: „Kann man einen Schlussstrich unter die Schoah ziehen?“, „Wie sehen Juden aus? Haben Juden große Nasen?“, “Warum ist es so schwer, mit Juden über Israel zu diskutieren? Warum ist es so schwer, mit Nicht-Juden über Israel zu diskutieren?“ Diese Fragen verweisen auf Themen wie den Antisemitismus, das Verhältnis von Christentum und Judentum aber auch auf die Frage nach der jüdischen Identität, nach dem Verhältnis der Juden zum Staat Israel und nach den Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern. Diese Fragen werden durch unterschiedliche Texte eher vertieft als beantwortet. Sie erhalten jeweils durch ein Objekt jüdischer Künstlerinnen und Künstler aus Israel und aus der Diaspora oder durch einen Alltagsgegenstand zusätzliche Tiefe und Vieldeutigkeit.

Beschäftigen sich jüdische Kunstschaffende besonders intensiv mit der Frage jüdischer Identität? „Ich weiß nicht, ob es unter jüdischen Künstlerinnen und Künstlern mehr Auseinandersetzung mit dem Thema Tradition und Identität gibt als sonst,“ antwortet Sulzenbacher. „Hanno Loewy und ich haben uns jedenfalls bemüht, aus einem großen Angebot die pointiertesten künstlerischen Positionen im Hinblick auf die gestellten Fragen auszusuchen.

Unterschiede zwischen Diaspora und Israel gibt es einerseits zuhauf, da Künstlerinnen und Künstler sich ja in einem bestimmten staatlichen wie gesellschaftlichen Umfeld bewegen. Im kleinen Staat Israel lebt und arbeitet man sicherlich anders als etwa in Tokio oder New York. Andererseits hat ein jüdischer Künstler in der Diaspora sicher weniger Druck, sich beispielsweise über die israelische Siedlungspolitik zu äußern. Das machen logischerweise eher die Leute im Land selbst“.

Der Titel der Ausstellung ist einem Film des jüdischen Regisseurs Woody Allen entlehnt, der in New York lebt. 1972 drehte er den Streifen „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten aber bisher nie zu fragen wagten“. Damit suggerieren die Ausstellungsmacher, dass Fragen über Juden hier und heute dem Tabu der Sexualität in den frühen siebziger Jahren entsprechen. „Im Grunde lassen sich die Fragen zur Sexualität ja leicht auflösen, es ist ja nichts dabei, sie zu stellen. Das ist die Parallele zu den Fragen über Juden,“ meint Sulzenbacher. 

Eine Reihe von Filmen Woody Allens wird im Spielboden Dornbirn zu sehen sein. Woody Allen als begnadetem Humoristiker begegnet man aber auch in der Ausstellung: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn’s passiert“. Dieser Aphorismus findet sich unter der Frage „Sind jüdische Witze besonders lustig? Sind lustige Witze besonders jüdisch?“. Die Witze Allens jedenfalls sind zum Brüllen komisch und zum Weinen traurig. Die Ausstellung wird bei Jugendlichen und Erwachsenen für genügend Diskussionsstoff sorgen und hoffentlich die Fähigkeit schulen, ungeniert Fragen zu stellen. 

Zur Sache

Fragen wagen

Rund um das Judentum gibt es viele Fragen, manche sind tabuisiert, manche scheinen es nur zu sein. Wo ein Geheimnis vermutet wird, suchen viele schnell nach dem „Jüdischen“. Manche Fragen sind unbequem für den Fragenden, manche politisch nicht korrekt und manche peinlich. Dabei sind die Antworten oft gar nicht so schwer. Wie sehen Juden aus? Sind Juden besonders geschäftstüchtig? Können Juden heimisch werden? Darf man über den Holocaust Witze machen? Warum ist es so schwer, über Israel zu diskutieren? ...

In der Ausstellung werden Werke von Yael Bartana, Adi Nes, Tamar Latzmann, Zbigniew Libera, Shmuel Shapiro, Harley Sweedler, Zoya Cherkassky, Tamir Zadok gezeigt.
Das Gesamtprogramm der Ausstellung findet sich auf der Homepage des Jüdischen Museums unter www.jm-hohenems.at oder auf Facebook.

Ausstellung „Was Sie schon immer über Juden wissen wollten ... aber nie zu fragen wagten“

Ausstellungseröffnung:
Sonntag, 25. Märu 11 Uhr - Salomon Sulzer Saal, Hohenems

Ausstellungsdauer:
27. März - 7. Oktober, jeweils Di - So, 10 - 17 Uhr
Jüdisches Museum, Hohenems