„Wir alle kannten die Fakten. Sechs Millionen Menschen sind gestorben, davon 1,1 Millionen alleine in Auschwitz-Birkenau“, hält Marcel Moosbrugger die Zahlen des Holocausts fest. Ein dunkler Teil der Geschichte Österreichs, den jede/r Schüler/in im Unterricht lernt.

Was die 4. Klasse der HAK Bezau mit ihrem Religionslehrer Karl Felder Ende Februar in Polen sah, verschlug ihnen aber dennoch die Sprache, denn aus den Zahlen wurden Menschen.

von Simone Rinner

Worte, die beschreiben was einem durch den Kopf geht, wenn man das Konzentrationslager Auschwitz besichtigt, gibt es viele. Ergreifend, beeindruckend, überwältigend, berührend, nachdenklich, zu Tränen rührend oder unvorstellbar zum Beispiel. Worte, die auch die Schüler/innen der 4. Klasse der HAK Bezau verwendeten, als sie Ende Februar für drei Tage das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus und sein Stammlager besichtigten.

„Nie hätte ich gedacht, dass Birkenau so groß ist, und heute noch so viel erhalten ist“, zeigt sich Isabella Lang von den Dimensionen beeindruckt. Auch wenn von den sechs Gaskammern und vier Krematorien nur noch Überreste bestehen, sei es dennoch beängstigend an der Stelle zu stehen, an der so viele Menschen ihr Leben lassen mussten, lautet der Tenor. „Ich war außerdem sehr schockiert, als wir die einzelnen Baracken besuchten, wo noch viele Sachen aus dem Nationalsozialismus aufbewahrt sind, wie zum Beispiel die Haare der Frauen und Mädchen, Kochtöpfe, Schuhe und Koffer“, erklärt Christina Bischof. Die privaten Gegenstände und die vielen Fotos brachten den Schüler/innen die einzelnen Schicksale der Personen näher und zeigen, dass „hinter dem Begriff Holocaust, Konzentrationslager und den ganzen Bildern, die wir kennen, echte Menschen stehen“, hält Christiane Moosbrugger fest.
„Die Vermenschlichung dieser grausamen Taten anhand von Bildern und Geschichten war für mich das Schlimmste“, erklärt auch Sabrina Meese. Und eine Frage bleibe: Wie kann ein Mensch so etwas tun?

Auschwitz-Baracken

Bild oben: In den Baracken mussten sich bis zu sieben Menschen ein Bett teilen

Todesmarsch als Rettung
Wer kann sich schon vorstellen, wie das Leben und Überleben in Auschwitz möglich war? Einen authentischen Einblick in das Ghetto und das Konzentrationslager ermöglichte den Schüler/innen der jüdische Zeitzeuge Ignacy Krasnokucki, dessen Einfallsreichtum nicht nur sein, sondern auch das Leben seiner Mutter gerettet hat. „Er nähte seine Mutter in einen Strohsack ein, damit man sie nicht finden kann und jedes Mal, wenn er ihr etwas zu essen gab, schnitt er die Naht auf und nähte sie dann wieder zu“, resümiert Lisa Zwischenbrugger die Erzählung des heute 89-Jährigen. An das Essen gelangte er, indem er einen Kurzschluss im Haus verursachte. „Den Mut, den der damalige Häftling aufbringen musste, war gewaltig. Er flüchtete während eines Todesmarsches. Er wusste jedoch genau, dass er auch sterben könnte, wenn er von den Nazis gefunden wird, doch er versuchte es trotz aller Erschöpfung und Angst“, zeigt sich auch Christina Bischof beeindruckt. „Durch seine Geschichte war das in der Vergangenheit Passierte nicht mehr so weit entfernt“, erklärt Vanessa Berchtold. Einige Fragen bleiben dennoch unbeantwortet: Wie schafft man es nach so einer Vergangenheit ein neues, glückliches Leben aufzubauen?

Orte des Grauens und der Erinnerung
Das Stammlager Auschwitz und das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hinterließen bei den Schüler/innen nicht nur wegen der Exekutionswand, des Bunkers, der Baracken oder der Überreste von Krematorium und Gaskammer einen bleibenden Eindruck. Es war das Persönliche, das sie berührte.
„Für mich wurden aus Zahlen Menschen. Menschen mit einer Geschichte, einem Leben, einer Familie. Menschen mit einer Chance auf etwas ganz Großes“, erzählt Sabrina Meese. „Zu erkennen und zu begreifen, dass dort Menschen wie du und ich zu Tode gequält worden sind, ist viel wichtiger als die Antwort auf das Warum“, fasst auch Marcel Moosbrugger seine Eindrücke zusammen und Christiane Moosbrugger hält fest: „Die Konzentrationslager in Auschwitz und Auschwitz-Birkenau sind für mich Orte des Grauens, an denen sich völlig unmenschliche und unvorstellbare Szenarien abgespielt haben. Jedoch sind sie für mich auch ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens und der Würdigung“. Und, ergänzt Manfred Hager, eine Reise an so einen Ort ist „eine einzigartige Erfahrung für das Leben, die einen Menschen verändern kann.“

Konzertrationslager Auschwitz-Birkenau

Das KZ Auschwitz bezeichnet einen Lagerkomplex, der aus dem größten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und zwei weiteren Konzentrationslagern sowie 40 Nebenlagern im damals deutsch besetzten Polen bestand.

Auschwitz war nicht das erste Konzentrationslager, das die Deutschen errichtet haben. Zunächst ist es als Gefangenenlager für politische Gegner aus den eroberten Gebieten geplant. In den Jahren von 1940 bis 1945 wird aber systematisch die Vernichtung der Juden betrieben. 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen kommen im KZ Auschwitz dabei ums Leben.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus. Heute sind von zwei der großen Konzentrationslager noch viele Teile erhalten bzw. originalgetreu ergänzt. Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers wurde 1947 auf Initiative überlebender Häftlinge das „Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau“ gegründet.

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